E&W 01. Juni 2026
ZWISCHEN HÖRSAAL UND KLASSENZIMMER
Seit Herbst 2024 kann in Thüringen das Lehramt für Regelschulen dual studiert werden (s. E&W 7-8/2024). Die angehenden Lehrkräfte sammeln von Beginn an Praxiserfahrung – und bekommen ein Ausbildungsgehalt. Die erste Zwischenbilanz fällt positiv aus. Aber es bleibt Luft nach oben.
Große Bildungsreformen beginnen auch in Fluren wie diesem: orange Wände, Sonnenflecken auf dunklem Linoleum, vor der Plattenbautür Simson-Mopeds. Schulleiterin Cathleen Behringer und Lehramtsstudent Maximilian Matthes plaudern über den ganz normalen Wahnsinn des Schulalltags im beschaulichen Münchenbernsdorf zwischen Jena und Gera. Zu besprechen gibt es viel: Der junge Mann mit Vollbart und Khakihemd ist ein Kollege aus einem bundesweit viel beachteten Experiment des Freistaats Thüringen: das duale Lehramtsstudium für Regelschulen, bei dem Pauken und Praxis ab Tag eins parallel laufen.
Das Modellprojekt soll vor allem helfen, junge Leute für die dünn besetzten Regelschulen zu gewinnen. 2024 starteten 50 Studierende, voriges Jahr folgten mehr als 70 weitere. Im Wintersemester sollen 77 Neue dazu kommen. Ihre Faustformel: drei Tage Hörsaal, zwei Tage Klassenzimmer. Im Herbst 2024 war Thüringen damit ein Vorreiter, heute laufen vergleichbare Modellversuche in einer Handvoll Bundesländern.
Maximilian Matthes wäre ohne das duale Studium vielleicht nicht an der Schule im thüringischen Osten gelandet. Der 32-Jährige hat Versicherungskaufmann gelernt und bei einem Konzern gearbeitet, er hat Familie und Wohnung in Jena. „Aber ich habe immer überlegt, etwas anderes zu machen“, erzählt er. Als er von der neuen Chance erfuhr, entschied er sich für die Fächer Englisch und Technik. Mit dem Ausbildungsentgelt fiel der Schritt leichter. „Für mich ist es gut, dass es früh in die Praxis geht“, sagt er. Nichts schlimmer, als im ersten Praxistest nach drei Jahren Studium zu merken, dass der Beruf nichts für einen ist.
Parallel zur Studienbewerbung stellen sich die Studierenden an mehreren Schulen ihrer Wahl vor – und Matthes war in Münchenbernsdorf begeistert. „Schon im Bewerbungsgespräch hat es super gepasst: Wir verstehen uns einfach gut.“ Am Beginn der Lehrzeit steht ein vierwöchiges Praktikum. Dann folgen zwei Semester Grundlagenstudium in Erfurt mit Praktika. Ab dem dritten Semester beginnen Fachdidaktik und Hospitationen, ab dem vierten Semester angeleiteter Unterricht. Möglich sind die Fächer Mathe, Deutsch, Englisch, Technik und Sport. Immer montags und freitags sind die Studierenden an den Schulen.
Schulleiterin Behringer ist Überzeugungstäterin. Schneller Nachwuchs ist nicht ihr erstes Ziel, sondern eine gute Betreuung und Ausbildung. Matthes hat sie nicht zu sich geholt, um Lücken in der Stundentafel zu stopfen, sondern um das Konzept zu unterstützen. Die Studierenden könnten viel früher den Schulalltag kennenlernen und hätten nicht erst im sechsten Semester Premiere vor einer Klasse. „Wir backen uns einen Lehrer“, sagt die Deutsch- und Ethik-Lehrerin und lacht. „Außerdem bringen junge Kolleginnen und Kollegen frischen Wind von der Uni mit – das ist eine echte Bereicherung.“
Die zweizügige Regelschule mit ihren 230 Kindern kennt kaum Personalprobleme. Das 17-köpfige Team besteht fast nur aus Vollzeitkräften, die alle Fächer abdecken, darunter viele junge Kolleginnen und Kollegen und nur eine Quereinsteigerin. Behringer selbst ist erst 36 und leitet schon die zweite Schule, nachdem ihr vorheriger Standort geschlossen wurde. Neben ihrer Bürotür hängt ein Blechschild mit der Aufschrift: „Jammern und meckern verboten!“ Diese Haltung lebt sie. Allerdings müssten viele Alltagsfragen und Verantwortlichkeiten zwischen Uni, Schule und Studierenden noch geklärt werden – und wenn es nur um einen Erste-Hilfe-Kurs geht. „Man merkt, dass das Projekt noch in den Kinderschuhen steckt“, sagt Behringer.
An anderen Schulen ist die Personalnot deutlich größer – wie an der Regelschule Otto Dix in Gera. Einige der 31 Lehrkräfte arbeiten in Teilzeit oder sind lediglich studentische Hilfskräfte oder Referendarinnen und Referendare. Schulleiterin Nicole Mehlhorn benötigt viel Kreativität und Flexibilität, um die Stundentafel abzudecken. „Ich könnte vier bis fünf Kräfte mehr einstellen“, erzählt sie. Sie ist die einzige Schulleiterin, die diesen Sommer schon den zweiten dualen Bewerber einstellt.
Seit September 2024 ist Vicky Seifert bei ihr. Die 24-Jährige aus Gera studiert Mathe und Deutsch auf Lehramt, jetzt ist sie montags und freitags zwei Stunden in einer 9. Klasse. Zuvor hat sie Kommunikationswissenschaft und Psychologie studiert und einen Abstecher in die öffentliche Verwaltung unternommen. „Nicht zuletzt durch meine lange Nachhilfeerfahrung hat sich gezeigt, dass der Lehrerberuf der richtige für mich ist“, erzählt sie. Das duale Modell erlaube ihr, Schritt für Schritt in die Lehrerrolle hineinzuwachsen. „Mir war wichtig, früh einen realistischen Einblick in den Schulalltag zu bekommen und zu verstehen, wie Unterricht tatsächlich funktioniert.“ Dass der Praxisanteil erst nach und nach steigt, ermögliche ihr, fachliche, didaktische und pädagogische Grundlagen zu lernen.
Schwerer fällt der jungen Frau mitunter, das eigene Rollenverständnis zu finden. „Man bewegt sich zwischen den Rollen als Studentin und als angehende Lehrkraft.“ Doch an der Schule habe sie Kolleginnen und Kollegen mit einem offenen Ohr – wie ihr Fachbetreuer, der Deutschlehrer Benjamin Grimm. Er hält es gerade an Regelschulen für sinnvoll, Studierende früh in den Unterricht einzubinden. „Um junge Leute für Literatur zu interessieren, sind Persönlichkeit, Praxis und Leidenschaft wichtiger als jahrelanges Studium.“
Wenn alles rund läuft, schließt Seifert die Uni 2029 ab und startet in das einjährige Referendariat. Für Mehlhorn ist sie schon heute ein Glücksgriff – sie hätte nur gern mehr von allem: Ein paar Stunden mehr an der Schule, samt Konferenzen, Dienstberatungen und Wandertagen – und mehr Gehalt für die Studierenden. „Manche Studierende, die bei uns jobben, verdienen mehr“, erzählt sie. Nach der jüngsten Tarifeinigung erhalten die dualen Bachelor-Studierenden 1.610 Euro brutto.
Für Kultusminister Christian Tischner (CDU) ist das duale Studium ein Erfolgsmodell. „Es gelingt, neue und regional gebundene Zielgruppen zu erschließen – auch solche, die nicht zwangsläufig ein Studium aufgenommen hätten wie Erststudierende.“ Die hohe Zahl an Bewerbungen auch im dritten Jahr bestätige, dass der Weg richtig sei, um dem Lehrkräftemangel an Regelschulen zu begegnen. Dieses Jahr haben sich 268 Personen beworben und teils mehrere Bewerbungen an verschiedenen Standorten eingereicht, um ihre Chancen zu erhöhen. Knapp drei Viertel der Bewerbungen kommen aus Thüringen, die übrigen aus dem Bundesgebiet und dem Ausland. Im Spätsommer starten sie.
Doch nicht in allen Klassenzimmern herrscht Begeisterung – manche Pädagogen hadern mit der Idee. Junge Leute ohne Erfahrung und Ausbildung vor eine Klasse zu stellen, sei nicht bei jedem Kandidaten sinnvoll. „Die Kinder sind doch keine Versuchskaninchen“, sagt eine Lehrkraft, die nicht genannt werden will. Zudem koste das Modell mehr Zeit. Der Betreuungsaufwand sei deutlich größer als eine normale Unterrichtsvorbereitung, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Eine Abminderungsstunde allein reiche dafür nicht.
Auch die GEW begleitet das Modellprojekt kritisch. Zwar sei die Idee des frühen Praxiskontakts für viele Studierende sinnvoll, sagt Landeschefin Kathrin Vitzthum. Das Entgelt biete zudem Menschen, die schon einen anderen Berufsweg eingeschlagen haben, eine echte Alternative. Allerdings kamen die Einführung des dualen Studiums und der Ausbau der Plätze überraschend und übereilt. Viele Fragen etwa zu Urlaub, Elternzeit und Bezahlung seien bis heute nicht geklärt. „Von Studierenden bekommen wir sehr unterschiedliche Rückmeldungen“, sagt Vitzthum. An manchen Schulen würden sie zu früh in den Unterricht geschickt, obwohl sie nur hospitieren sollten. „Manche Studienanfänger fühlen sich überfordert.“ Auch die zehnjährige Bindungsdauer sei sehr hoch: Wer nach der sechsmonatigen Probezeit kündigt oder keine fünf Jahre im Schuldienst bleibt, muss die Entgelte zurückzahlen. „Für junge Leute um die 20 ist das eine heftige Auflage“, so Vitzthum.
Abgebrochen haben das Studium bisher zehn der ersten gut 120 Studierenden, drei aus dem ersten Jahrgang, sieben aus dem Zweiten – alle innerhalb der sechsmonatigen Probezeit und meist aus persönlichen Gründen, erzählt Studiengangskoordinatorin Ina Semper. Bei der Erziehungswissenschaftlerin an der Universität Erfurt laufen alle Fäden zusammen, sie leistet viel Koordinations-, Abstimmungs- und Konzeptionsarbeit. Außerdem ist sie für Studierende die Kümmerin des Projekts. „Sie nimmt alle Rückmeldungen ernst und findet auf all unsere Fragen eine Antwort“, erzählt Studentin Seifert. Semper hofft, dass möglichst viele Teilnehmende nach Studium, Referendariat und Schuldienst in Thüringen bleiben. Für sie ist das Modell vor allem eins: „Eine große Chance, junge Leute zu gewinnen.“