Sächsische Zeitung 22. OKTOBER 2024
Aus Maracaibo nach Sachsen
In der Pflege fehlen Fachkräfte. Hilfe kommt aus dem Ausland. In der Johanniter-Akademie Mitteldeutschland ist zurzeit jeder zweite Auszubildende neu in Deutschland.
Drei Frauen, drei Kontinente, drei Lebensgeschichten, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Und dennoch vereint Annita Che aus Kamerun, Dayan Pirela aus Venezuela und Paria Raeisi aus dem Iran der gleiche Plan: Sie wollen in der Pflege in Deutschland arbeiten.
Während bundesweit mehr als 100.000 Pflegekräfte fehlen, sitzen sie in einem Schulungsraum der Johanniter-Akademie Mitteldeutschland in Leipzig. Seit Anfang September lassen sie sich in zwei Klassen zu Pflegefachkräften ausbilden. Von den rund 60 Teilnehmenden haben 27 einen internationalen Hintergrund – fast die Hälfte. Sie kommen aus neun Ländern auf allen Kontinenten: aus Kamerun, Marokko und Tunesien, aus Brasilien, Chile und Venezuela, aus dem Iran, Thailand und der Ukraine. “Das ist der höchste Anteil an Migranten, den wir bisher hatten”, sagt Akademieleiter Lars Menzel. Tatsächlich ist die Zahl der Menschen, die für die Pflege aus dem Ausland nach Deutschland kommen, in jüngster Zeit deutlich gestiegen.
Nehmen wir Dayan Pirela aus der venezolanischen Hafenstadt Maracaibo: Die 49-Jährige arbeitete als IT-Ingenieurin an einer privaten Hochschule. Doch die Institution galt unter dem sozialistischen Diktator Nicolás Moros als oppositionell. 2018 flüchtete sie mit ihren drei Kindern nach Kolumbien, 2022 kam sie mit ihrer Tochter nach Deutschland. In Bremen lebt schon ihre Schwester. Dayan stellt einen Asylantrag und lernt Deutsch. In einer Gemeinschaftsunterkunft laden die Johanniter sie ein, sich in der sozialen Arbeit zu engagieren. Immerhin spricht sie Spanisch, Englisch und Deutsch. “Ich bin total zufrieden und dankbar”, sagt sie. “Und ich hoffe, dass ich für die Gesellschaft hilfreich sein kann.” Die Voraussetzungen für die Ausbildung sind klar: Die Migranten müssen sich bereits in deutscher Sprache unterhalten und schwierige Texte verstehen können. Sprachniveau B1 ist Pflicht, B2 wird angestrebt. Die Bewerber müssen einen Aufenthaltstitel für die Dauer der Ausbildung besitzen und einen Schulabschluss vorweisen, der mindestens dem deutschen Realschulabschluss entspricht.
So wie Paria Raeisi. Sie kam erst Ende August aus Teheran nach Leipzig – ausdrücklich, um in der Pflege zu arbeiten. “Anderen Menschen zu helfen, habe ich als meine Lebensaufgabe erkannt”, sagt sie. In ihrer Heimatstadt hat die 27-Jährige bereits Psychologie studiert, doch die Ausbildung zur Pflegekraft sei im Iran sehr aufwendig und dauere viele Jahre. Stattdessen hat sie Deutsch gelernt und sich ins Flugzeug gesetzt, erzählt sie. Ihre Familie unterstütze sie bei der Ausbildung finanziell, auch wenn sie in einem privaten Seniorenheim etwa 1.200 Euro Ausbildungsvergütung erhält. Für die Anfangszeit wohnt sie in einer Wohngemeinschaft der Johanniter. “Es war meine Entscheidung hierherzukommen, um neue Erfahrungen zu machen”, sagt Paria. “In den nächsten Jahren möchte ich lernen, was ich am besten kann.”
Älter als typische Schulabgänger
Für die Betreuung und Koordination der internationalen Auszubildenden an der Johanniter-Akademie ist Antje Zajonz verantwortlich. Sie hat Deutsch als Fremdsprache studiert und kam vor sieben Jahren über die Arbeit mit Geflüchteten zur evangelischen Hilfsorganisation. Heute ist sie so etwas wie die gute Fee der Ausbildung. Zajonz unterrichtet pflegerische Fachbegriffe und Kommunikationskompetenzen, sie beantwortet kulturelle und organisatorische Fragen der Schüler und Lehrkräfte und unterstützt bei der Anerkennung von ausländischen Schulzeugnissen oder bei Fragen zum Aufenthaltstitel. “Mir macht das richtig Spaß”, sagt Zajonz. “Diese Menschen sind eine Bereicherung für die Vielfalt unserer Akademie.” Viele von ihnen sind deutlich älter als typische Schulabgänger, die sonst meist die Pflegeausbildung absolvieren. Viele haben in ihrem Heimatland bereits einen Studienabschluss, einen Beruf, eine Familie. Das verändert die Kultur und das Niveau der Ausbildung.
Annita Che aus der Millionenstadt Douala im Westen Kameruns sitzt in ihrer Schulbank und strahlt. Sie lebt schon seit 2018 in Leipzig, damals floh sie vor dem Krieg aus ihrem Heimatland. “Mein Leben war dort nicht mehr sicher”, erzählt die 34-Jährige. Zuvor hatte sie in der Universität Dschang Anglistik, Literatur und Wirtschaftswissenschaften studiert, danach fünf Jahre in einer Bank gearbeitet.
Sie hatte schon Freunde in Leipzig, und sie hatte in der Schule vom Fußballclub RB Leipzig gehört. Ihr Sohn ist vor drei Jahren in Berlin geboren und geht in die Kita, auch der Vater ist Deutscher. Ab 2020 lernte sie zunächst den Job als Altenpflege-Helferin und absolvierte Praktika. Jetzt beginnt sie die richtige Ausbildung. “Mein Vater ist Arzt und mein berufliches Vorbild”, erzählt sie. “Als Kind habe ich immer gesehen, wie er sich um andere Leute kümmert. Jetzt kann ich das auch tun.” Akademiechef Menzel freut es, viele Menschen mit Migrationshintergrund ausbilden zu können. “Allein mit den Menschen in Deutschland werden wir die Ausbildungsplätze im Pflegebereich nicht mehr füllen können”, sagt er. Allerdings wünscht er sich mehr Unterstützung der Länder. Auf die Anerkennung eines ausländischen Schulzeugnisses warte man aufgrund von Personalengpässen bis zu ein Jahr.
Eine zusätzliche Herausforderung, die die Johanniter bislang allein stemmen müssten, sei die kulturelle, sozialpädagogische und sprachliche Begleitung und Unterstützung der internationalen Auszubildenden. “Wir gehen personell in Vorleistung und wünschen uns, dass der Freistaat uns dabei finanziell hilft”, sagt Menzel. “Wenn’s gut werden soll, muss es auch gut gemacht sein.” Auch bei der Bereitstellung von Wohngemeinschaften für Auszubildende ähnlich wie in Studentenwohnheimen seien die Johanniter ein Vorreiter. “Wir erfüllen unseren Auftrag, Fachkräfte für Gesundheit und Soziales bereitzustellen”, sagt Menzel. “Dabei brauchen wir mehr Unterstützung.”
Sven Heitkamp, Leipzig