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Leipziger Volkszeitung 18. Oktober 2025 https://www.lvz.de/lokales/leipzig/fenster-im-kopf-oeffnen-thomas-kolitsch-setzt-auf-mitdenken-statt-ki-und-tiktok-DGP45JDU2VCMNDNVNL6F7I3RIE.html

Fenster im Kopf öffnen: Lehrer Thomas Kolitsch setzt aufs Mitdenken

Der Pädagoge wurde zu einem kleinen Star, als er 2018 den Deutschen Lehrerpreis erhielt. Danach hat er zahlreiche Angebote erhalten und abgelehnt. Wie hat sich sein Leben und sein Beruf verändert?

Der Leipziger Pädagoge ist mit dem Deutschen Lehrerpreis 2018 zum kleinen Star geworden. Danach hat er zahlreiche Angebote erhalten und abgelehnt. Wie haben sich das Leben und der Beruf für den 49-Jährigen verändert?

Der Leipziger wurde zum kleinen Star, als er 2018 den Deutschen Lehrerpreis bekam. Statt in Talkshows zu gehen, blieb er lieber im Klassenzimmer. Bei dem Deutsch- und Englischlehrer des Eilenburger Gymnasiums wird Schule zu einem Ort, an dem Jugendliche denken lernen – mit Texten statt mit TikTok.

Vor sieben Jahren stand Thomas Kolitsch im Rampenlicht der Republik: Der Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch gewann Anfang 2018 den Deutschen Lehrerpreis, verliehen vom Philologenverband und der Vodafone-Stiftung. Seine Schülerinnen und Schüler in Eilenburg hatten den „coolsten Lehrer der Welt“ für den renommierten Preis vorgeschlagen – und er bekam ihn.

Jetzt steht er vor einem Jugendstilcafé in der Leipziger Südvorstadt und lässt sich noch einmal fotografieren, auch wenn es ihm nicht behagt. „Sie haben die Wahl zwischen den Stones und Shakespeare“, sagt er und lacht. Es nieselt, der jugendlich wirkende 49-Jährige trägt eine schwarze Kapuzenjacke mit der ikonischen Rolling-Stones-Zunge, darunter einen grünen Pulli mit dem Shakespeare-Zitat „All the world’s a stage“ aus dem Theaterklassiker „Wie es euch gefällt“: „Die ganze Welt ist eine Bühne“.

Den Raum 112 sieht er als Lebensmittelpunkt

Kolitsch kommt gerade aus London. Er hat mit seiner erwachsenen Tochter eine Aufführung am Globe Theatre und das Charles-Dickens-Museum besucht. Der Pädagoge liebt, was er tut. Und tut, was er liebt: Literatur entdecken, mit Jugendlichen diskutieren, sie für Geschichten begeistern. Diese Begeisterung zeichnet ihn aus und reißt andere mit. Seit zehn Jahren unterrichtet der Mann mit der runden Nickelbrille am Martin-Rinckart-Gymnasium in Eilenburg. „Raum 112 ist mein Lebensmittelpunkt“, sagt Kolitsch. Daran hat sich seit der Preisverleihung wenig geändert – auch wenn es hätte anders kommen können.

Mit seiner unterhaltsamen, klugen Art hätte er in Talkshows ein Dietrich Grönemeyer oder Eckart von Hirschhausen des Schulunterrichts werden können. RTL und der MDR hatten schon angefragt, Magazine wollten eine Homestory. Kolitsch hat alles abgesagt. „Der Preis hat mir Türen geöffnet“, erzählt er. „Aber ich wollte nicht. Mir hätte die Zeit für den Unterricht gefehlt – und der wäre nicht besser geworden.“ Der ausgezeichnete Lehrer ist keineswegs schüchtern, aber er zieht das Klassenzimmer dem Rampenlicht vor. „Ich muss niemanden von einer Mission überzeugen“, sagt er. „Es gibt 100 Arten, gut zu unterrichten.“

Der Medienrummel damals ist ihm zu viel

Schon der erste Medienrummel war ihm zu viel, als sein Name in den Abendnachrichten lief und sein Porträtbild auf Titelseiten erschien, gleich neben Queen Elizabeth II. „Das war surreal“, sagt er. „Das passte nicht zu meinem Selbstbild.“ Und dann die vielen Reaktionen. „Mein Handy ist fast explodiert.“ Vor laufenden Kameras sollte er Unterricht spielen. „Nie wieder!“ Kolitsch gibt lieber weiter echten Unterricht und schreibt in seiner Freizeit preisgekrönte Songtexte für die Folkband „Bube, Dame, König“.

In seiner Wohnung hängen etwas versteckt die Urkunden. Der Lehrerpreis bleibt ihm täglicher Ansporn, dem hohen Anspruch gerecht zu werden. Geändert hat sich seither nur, dass er in einer Arbeitsgruppe des Kultusministeriums Prüfungsfragen für Besondere Leistungsfeststellungen mitentwickelt. Doch wahrscheinlich wäre das auch ohne den Preis so gekommen.

Lieber Arbeitsgruppen mit Zettel und Stift

Stärker verändert hat sich die Welt um ihn herum: Tiktok und Künstliche Intelligenz sind heute an Schulen allgegenwärtig. „Vorträge anfertigen zu lassen, hat keinen Sinn mehr, wenn der Computer sie in 20 Sekunden ausspuckt“, sagt Kolitsch. Er hat einen anderen Weg gefunden – schneller als das Netz. Er ließ seine Klasse in der Longlist des Deutschen Buchpreises stöbern und Favoriten auswählen, ehe Rezensionen oder Erklärvideos online waren. „Da haben sich die Schüler in der Pause über Bücher unterhalten – ganz ohne Smartphone in der Hand“, erzählt er.

Auch Tablets nutzt er nicht im Unterricht, er lässt lieber Arbeitsgruppen mit Zettel und Stift über ein Gedicht nachdenken. „Das funktioniert“, sagt Kolitsch. „Zur Bildschirmzeit der Jugendlichen muss ich ja nicht noch beitragen.“ Eingeengt vom Lehrplan? Fühlt er sich nicht. „Ich habe genug Freiraum, um zu machen, was ich möchte.“

Schule als geschützter Ort mit Platz für Debatten

Dabei unterscheidet sich sein Bild von Schule von dem vieler Bildungsreformer: „Schule ist ein etwas weltfremder, konservativer und geschützter Ort, an dem Debatten noch möglich sind – und wo zwei Meinungen gelten dürfen, ohne dass eine falsch ist.“ Schule müsse eben gerade nicht immerzu lebensnah sein. Führerscheine, Kochrezepte und Steuererklärungen könne man doch auch anderswo vermitteln. „Identität bilden wir nicht mit einer Steuererklärung“, sagt Kolitsch. Und was, wenn Populismus in die Klassenzimmer einzieht? Natürlich sei auch er mit intolerantem Denken konfrontiert, erzählt der Lehrer. „Aber wenn es mir in jedem Schuljahr gelingt, bei ein oder zwei Jugendlichen ein Fenster im Kopf zu öffnen, ist viel erreicht.“

Die heutigen Schüler wissen, wer Kolitsch ist, auch wenn die Generation von damals das Gymnasium verlassen hat. Und jede neue Klasse spricht ihn wieder auf seinen Preis an. Geändert hat er seinen Stil nicht. Lieber wäre ihm, wenn sich nach der Corona-Zeit etwas an Schulen geändert hätte. „Wir haben so viel experimentiert, auf Noten verzichtet, halb so große Klassen unterrichtet und so viele Erkenntnisse gesammelt – aber nichts davon nutzen wir“, sagt Kolitsch. Dabei rutscht in kleinen Klassen kein Jugendlicher mehr durch, sagt er, und Bücher lesen sie auch ohne Noten.

Als junger Mann immer ein Buch zur Hand

Kolitschs besonderer Zugang zu Menschen hat auch mit seiner besonderen Vita zu tun. Nach dem Abitur in Meerane – schon damals in den Leistungskursen Deutsch und Englisch – wird er Zivi in einem Altenheim, später Pfleger im Leipziger Diakonissen-Krankenhaus und bei der Diakonie. Doch in jeder freien Minute hat er selbst in jener Zeit ein Buch vor der Nase.

Ein Freund überredet ihn deshalb zum Literaturstudium, und der Lehrersohn entscheidet sich für das Lehramt. Beim Start am Eilenburger Gymnasium war er einer der Jüngsten, heute zählt er zu den ältesten Kollegen. Und dennoch fährt Kolitsch jeden Morgen gern von seiner Wohnung in Connewitz nach Eilenburg. „Unsere Kleinstadtschule ist eine Insel der Seligen“, sagt er – und lächelt. Er ist froh, dass er nicht mehr im Rampenlicht steht. Nur für dieses eine Interview noch.