Traumjobs bei Porsche

Der Sportwagenhersteller stellt in Leipzig eine komplette Mannschaft von über 1.000 Leuten für das neue Werk ein. Eine Flut von Bewerbungen wird erwartet.

9. März 2013

Der Weg zum Traumjob bei Porsche führt künftig durch einen schlichten Flachbau im Güterverkehrszentrum Radefeld, Poststrasse 9 bis 21: Zwei Etagen, gelbe Klinker, helle Büros mit vielen Jalousien. Zwischen Fitnessstudio und Porsche-Verkaufszentrum hat sich im Auftrag des Leipziger Nobelauto-Werkes, das gleich auf der anderen Straßenseite beginnt, ein Personaldienstleister des Volkswagenkonzerns auf einen Massenansturm von Bewerbern eingerichtet.
Es könnten Abertausende werden, die dort in den nächsten Monaten für einen Job vorstellig werden. Denn es gilt, das größte Bauvorhaben der Luxuswagenschmiede mit Leben zu füllen. Porsche investiert zurzeit 500 Millionen Euro, um aus neben dem bisherigen Montagewerk für den Cayenne und den Panamera ein Vollwerk aufzubauen. Ab Jahresende soll die Produktion des neuen Modells "Macan" starten. Rund 1000 Produktionsmitarbeiter werden zusätzlich eingestellt, darüber hinaus Ingenieure, Techniker, Führungskräfte. Rund 1150 Mitarbeiter aus einem Radius von Coswig und Riesa bis Bernburg und Gera hat Porsche Leipzig schon. Jetzt werden es jeden Monat mehr.
"Sie alle bekommen einen Vertrag von Porsche", betont Personalmanagerin Grit Schöbel, zuständig für die Rekrutierung im Leipziger Werk. Doch ihre Abteilung mit einem halben Dutzend Kollegen wäre logistisch gar nicht in der Lage, all die Bewerber zu sichten. Also hat sie sich Unterstützung im Mutterkonzern geholt und Räume vor den Werkstoren angemietet. Mitte nächster Woche werden die Stellen offiziell ausgeschrieben. Von Beginn an ist dann eine Info-Hotline geschaltet, schriftliche Bewerbungen werden beim Porsche-Job-Locator online angenommen. Ein Team von zehn Leuten erwartet den ersten Ansturm.
16 000 Bewerbungen schon gesichtet
Allerdings werden die neuen Mitarbeiter nicht auf einen Schlag, sondern stufenweise eingestellt. "Die ersten neuen Kollegen werden Anlagebediener und Instandhalter sein. Sie müssen bis zu 200 Tage konzernweite Schulungen durchlaufen", sagt Grit Schöbel. Später folgen Lackierer, Karosseriebauer und Montagearbeiter. Etwa 14 Tage Zeit nimmt sich der Konzern für die Prüfung schriftlicher Bewerbungen. Danach kann es Anrufe für Telefoninterviews geben, um die Interessenten weiter zu sichten. Schließlich folgen Bewerbertage für die aussichtsreichsten Kandidaten.
220 Planungsingenieure hat Porsche für die Werkserweiterung bereits eingestellt, und es dürften noch mehr werden. Mit ihnen führten die Porsche-Personaler Gespräche in umliegenden Radefelder Hotels, weil der Platz im Werk nicht reicht. Etwa ein Dutzend Kandidaten kommen pro Bewerbertag. In Gruppenübungen müssen sie dabei auch einfache Aufgaben aus ihrem Fachbereich lösen. "Unsere Leute müssen teamfähig sein", betont Schöbel. Am gleichen Tag besichtigen die Bewerber das Werk und können als Beifahrer in einem Porsche die Teststrecken kennenlernen. "Etwa vier von zehn Teilnehmern werden schließlich genommen. Aber auch die anderen sollen einen guten Eindruck von Porsche behalten", betont Schöbel. 16 000 Bewerbungen hat ihr Team schon gesichtet, dazu 700 Telefoninterviews geführt - zu Sechst. Künftig steht ein noch größerer Ansturm bevor.
Aber wie stellt man überhaupt eine komplette Belegschaft für eine neue Fabrik zusammen? Stefan Althoff, seit 2009 Personalchef bei Porsche in Leipzig, sitzt in einem verglasten Büro im Erdgeschoss des Verwaltungstrakts und lenkt den Ansturm. "Fachliche Fertigkeiten und Berufserfahrung sind zwar die Grundvoraussetzungen", sagt er. "Aber uns geht es auch um überfachliche Kompetenzen." Kann sich jemand im Team bewegen? Ist er aufgeschlossen, integrationsfähig, kommunikativ? "Ein Bewerber muss zu uns passen, da haben wir einen hohen Anspruch." Denn Porsche investiere in seine Mitarbeiter, biete sehr gute Arbeitsbedingungen und sei bereit, sich langfristig zu binden.
Frauen tun dem Klima gut
Allerdings stellt ein neues großes Werk nicht nur 25-Jährige ein, die in vier Jahrzehnten auf einen Schlag wieder gehen, sondern setzt auf alle Altersgruppen. Dahinter steckt freilich nicht nur guter Wille. Porsche steht in harter Konkurrenz um Fachkräfte, etwa zum Nachbarn BMW. Die Bayern stocken für ihre Leipziger Werkserweiterung für die neuen Elektroautos i3 ebenfalls ihre Belegschaft auf, um Hunderte Kollegen. Althoff hat jedoch mit älteren Bewerbern durchaus gute Erfahrungen gemacht. Bestes Beispiel: Der 59-jährige Ausbildungsmeister Manfred Kemptner, den er mit 57 Jahren einstellte. "Der Mann hat viel Lebenserfahrung, hohe Kompetenzen und wenig Ausfalltage. Er genießt großen Respekt." Ähnlich ist es mit einer Frau in der Gehaltsabrechnung, heute 55, die er vor zwei Jahren einstellte.
Ohnehin legt Althoff Wert auf einen gewissen Anteil von Frauen - auch in der Montage. "Ein kultiviertes Arbeitsklima liegt mir am Herzen", sagt er. "In einer reinen Männergesellschaft ist der Umgang oft anderes." Derzeit sind im Porsche-Werk rund zwölf Prozent Frauen beschäftigt. Zur guten Unternehmenskultur sollen zudem ausländische Kollegen beitragen, Polen und Spanier zum Beispiel. "Das ist nicht nur eine Frage des Gleichbehandlungsgrundsatzes, sondern trägt zur kulturellen Offenheit bei", betont der studierte Jurist. Der aktuelle Ausländeranteil in der Belegschaft von 1,5 Prozent bildet zwar den Anteil an der Bevölkerung ab, darf aber gern ein wenig steigen.
Ein enormer Teil der bisherigen Bewerber sind Sachsen, die aus der Ferne zurück in die Heimat wollen. Althoff schätzt, etwa ein Viertel der 220 jetzt neu eingestellten Experten sind Rückkehrer. Ihr Vorteil: "Sie haben eine große Verbundenheit zur Region und wenig Integrationsprobleme."
Neu sind außerdem einige Kollegen aus Bochum: Opelaner, die schon vor dem geplanten Aus ihres Werks wechseln, darunter ein neuer Chef der Lackiererei mit internationaler Erfahrung. Eine Chance bekommen darüber hinaus bisherige Leiharbeiter, die sich bei Porsche bewährt haben. "Dennoch werden wir auch zukünftig Leiharbeitnehmer brauchen, um Produktionsspitzen abzufangen", sagt Althoff. In seiner bisherigen Laufbahn bei anderen Unternehmen musste der 45-jährige Familienvater schon große Entlassungswellen managen. Das war hart. Dagegen genießt er die jetzige Mammutaufgabe - für einen Personaler gibt es wohl kaum eine schönere.