Kuschliges für die Coolen

Diese Mützen stehen Babys und Männern. Gehäkelt werden sie von älteren Damen in Leipzig. Wie früher.

17. Dezember 2013

 

Häkeln! Ein Wort, muffig wie Topflappen und Biedermeier. Kein Sound von cooler Produktidee und innovativen Businessplänen. Zwei junge Designerinnen aber haben eine Masche kreiert, mit der sie beides verbinden: Ältere Damen fertigen moderne Mützen, die in Europas Surfer- und Boarder-Szene angesagt sind und sich gut verkaufen. Die Qualität ist hochwertig: Pure Handarbeit, gefertigt mit 100-prozentiger Merinowolle aus eigens beauftragter Produktion einer Spinnerei in Forst. Absatzzahlen mittlerweile: bis zu 1500 Stück im Jahr. Und alles Unikate.
Zwei Shops in Südfrankreich und rund zehn Szeneläden in Deutschland bieten die Alte-Liebe-Mützen bisher an, darunter in Leipzig ein Outdoor-Ausstatter und ein Skateboard-Laden. Für Dresden wird noch ein weiterer Vertriebspartner gesucht. Zudem gibt es einen Online-Shop im Internet. Preis pro Mütze: 39,99 Euro. Ihr Label “Alte-Liebe.com” sei eben nicht einfach ein Sozialprojekt, betont Nadja Ruby, 27 und Firmengründerin aus Kassel, sondern ein Unternehmens-Modell des social business. So sind bei der Volkssolidarität in Leipzig seit diesem Frühjahr zwei “Produktionsstandorte” mit rund zwei Dutzend “Mitarbeiterinnen” etabliert.
Ihr Blick hängt am Mann
Dienstagnachmittag im Seniorenbüro Nordwest in Leipzig-Möckern: Ab 14 Uhr trudeln elf Damen ein, spulen Wolle ab, tauschen neueste Kreationen aus und fangen an, die Nadeln kreiseln zu lassen. Klar, es riecht nach Kaffee und Kuchen, und es wird viel erzählt. Aber es wird auch konsequent gearbeitet. “Oma Rosa” Lichtenberger, 75 Jahre und erst seit April dabei, fängt gerade ihre hundertste Mütze an. Schlicht schwarz muss die Jubiläumsausgabe sein, ihre Söhne und Schwiegersöhne haben ihr diese schlichte Gestaltung empfohlen.
Mit ganz anderen Augen schauen die Alte-Liebe-Frauen neuerdings Biathlon im Fernsehen, beobachten junge Männer im Park und studieren Prospekte der Sportgeschäfte: Immer den Blick auf neueste Trends für trendige Kopfbedeckungen. Nur die Formen wie “Sport”, “Baggy” und “Fischermütze” und die breite Farbpalette sind vorgegeben. Wolle, Nadeln und eine maschengenaue Anleitungen werden gestellt. Die fertigen Mode-Accessoires – manche Frauen bringen es auf zwei bis drei pro Woche – werden in schlichte, senkrecht stehende Kartons mit Sichtschlitz verpackt und mit einer Blanko-Postkarte versehen.
Auf die Karte schreiben die Frauen ihren Namen – und bekommen mit etwas Glück eine Antwort ihrer Besitzer. “Oma Wally”, 72 Jahre und früher Lehrerin, hat ein paar Postkarten im Handarbeitszeug dabei. “Habe hier im Surfcamp die gestrickte Mütze von dir erworben. Ich finde sie total klasse. Sonnig Grüße aus Frankreich”, schreibt eine junge Frau. Selbst aus den kanadischen Rocky Mountains schrieb ein gewisser Maik. Und eine Frau beklagte, dass ihr Mann ihr nur eine Mütze kaufte, mit der Nummer 118. Die Frau schreibt: “118 wird meine Lieblingszahl.”
Ein paar Euro von jeder Mütze gehen in die Gruppenkasse. Davon bestreiten die Damen Weihnachtsfeiern, Grillfeste und gemeinsame Ausflüge. Denn das ist ein weiterer Sinn des sozialen Unternehmens. “Es geht auch darum, die Seniorinnen aus ihrer Häuslichkeit zu holen und ein attraktives Angebot in der offenen Seniorenarbeit anzubieten”, erklärt Martin Gey, Sprecher der Volkssolidarität, das Engagement. Anfang Januar sei mit Aushängen und Flyern zu den Häkelrunden eingeladen worden. Und die Nachfrage war sofort groß. Die Damen fahren aus der ganzen Stadt zu den zwei Runden. “Ich häkele einfach gern. Aber in meiner Familie wollte keiner etwas davon haben”, erzählt Ulla Wolf, Sekretärin im Vorruhestand. Als sie in der Zeitung von der Aktion las, fuhr sie hin.
Die Firmengründerinnen Nadja Ruby und ihre Freundin Elisa Steltner wollen den Austausch zwischen Jung und Alt fördern. Sie haben in Kassel Industrie- und System-Design studiert und suchten ein gesellschaftlich relevantes Projekt. “Wir wollten nicht noch den millionsten Stuhl erfinden, sondern etwas anderes machen”, erzählt Nadja Ruby.
Die Mützen waren den Surferinnen schon am Strand der französischen Atlantikküste aufgefallen. Schließlich wurden ein Konzept daraus, eine Diplomarbeit und ein Businessplan. Ein Kassler Seniorenheim machte als Erstes mit, bei einer Ausstellung von Kunststudenten wurden auf einen Schlag hundert Mützen verkauft. Radio und Fernsehen berichteten. “Die Damen waren anfangs skeptisch. Aber als die das erlebt haben, waren sie begeistert”, erzählt Nadja Ruby.
Das Nischen-Projekt trägt heute zum Einkommen der Gründerinnen bei, die zudem eine Firma für Alterssimulationsanzüge betreiben, und finanziert freie Mitarbeiter für Vertrieb, Verkauf und Betreuung der Seniorinnen. In Leipzig kümmert sich darum derzeit Florian Schattenberg, 29, im Hauptberuf Mikrobiologe am Umweltforschungszentrum. Er verdient ein kleines Honorar hinzu und hat großen Spaß an der “Alten Liebe”. Und er hat jetzt Häkeln gelernt.