Die Mulde fließt wieder durchs Wohnzimmer

Hochwasser in Sachsen und Bayern. Menschen versuchen, gegen die Wassermassen anzukämpfen – Evakuierungen in Grimma

3. Juni 2013

 

etzt ist die Katastrophe wieder da. Das Wasser des Flüsschens Mulde steigt und steigt. Viel
fehlt nicht mehr bis zur Rekordmarke von vor elf Jahren. Dem "Colditzer Fenster- und
Türenbauer" fließt die Mulde schon meterhoch durchs Lager. Ein kleiner Trupp versucht, das
dahinter stehende Wohn- und Bürohaus mit Schläuchen und Pumpen trocken zu halten.
Gegenüber schaut eine Frau im ersten Stock aus dem Fenster zu. Das Wasser steht schon
an ihrer Haustür, die Polizei wartet davor. "Ich halt schon noch aus. Ich hab genug zu essen
und trinken", sagt sie. Sie wohnt erst seit drei Jahren hier. Die Flut von 2002 hat sie nicht
miterlebt. Die Feuerwehr rast über die Brücke. Sie ist erst ein paar Jahre fertig und höher als
die alte, die von der Flut vor elf Jahren weggerissen worden war.
Auf der anderen Straßenseite versucht Steffen Marticke zu retten, was zu retten ist. Der
Mann mit dem gelben Regenmantel und den dicken Gummistiefeln betreibt mit seinem Vater
einen Fleischer- und Bäckerladen direkt an der Brücke. An der Rückseite des Hauses
schlagen schon erste Wellen des riesig gewordenen Flusses an die Hauswand. "Noch 50
Zentimeter", sagt Marticke. Dann stehen auch die Kühlaggregate seines Unternehmens im
Wasser. "Vielleicht reicht's", sagt Marticke. Drei Pumpen laufen in seinem Keller, seine
eigene und die von Freunden. Die Feuerwehr hat wenigstens Schläuche vorbeigebracht. Sie
transportieren das Wasser aus dem Keller wieder in den reißenden Strom zurück. Am
Morgen haben sie aus Plastikrinnen und Röhren eine abschüssige Wasserbahn gebaut. Sie
soll verhindern, dass das Wasser aus seinem Keller zum Nachbarn läuft wie 2002. Marticke
kann immer noch lächeln, die Hoffnung stirbt zuletzt. Das es so schlimm wird wie 2002, als
sein ganzes Haus im Wasser stand, erwartet er an diesem Sonntagmittag nicht.
Unterdessen dramatische Wende in Grimma: Nachdem es zunächst so aussah, als wenn
sich die Lage in Sachsen entspannen würde, muss die Stadt doch teilweise evakuiert
werden. Sogar eine Baustelle für Hochwasserschutzmaßnahmen steht hier unter Wasser.
Das Wasser der Mulde schießt quer durch die Altstadt. Katastrophenalarm ist ausgerufen.
Ein Pfarrhaus, die Staatsanwaltschaft, eine Schule hat es schon erwischt. Der Strom ist
abgeschaltet, Hunderte Menschen müssen ihre Häuser verlassen. Vor den Türen liegen
Sandsäcke und Plastikfolien. Ladenbesitzer räumen ihre Geschäfte aus, Waren werden
hochgestellt.
Katastrophenalarm und Wut in Passau. Die Anwohner und Ladenbesitzer in der Altstadt sind
verärgert, denn so ein Hochwasser wurde nicht vorhergesagt. In der Nacht zum Sonntag
stieg der Wasserstand innerhalb weniger Stunden auf mehr als 9,50 Meter. Die Menschen
wurden von den Wassermassen überrascht und können ihre Häuser nicht mehr verlassen
oder betreten. Der Katastrophenalarm wurde am Sonntagmittag ausgelöst.
"Ich war am Samstag noch in meinem Souvenirladen, als das Wasser kam und es immer
gefährlicher wurde", sagt Christine Bauer. Jetzt steht sie im Hausflur und kommt nicht mehr
hinaus. Die Einsatzkräfte hatten zwar rechtzeitig Stege für die Anwohner aufgestellt. Unter
den Planken steigt das Wasser jedoch so rasch an, dass Teile dieser Behelfsbrücken unter
Wasser stehen und gesperrt sind. "Man hätte zumindest ein Holzbrett zum Steg bauen
sollen", ruft sie den Einsatzkräften zu. "Wir können nicht zaubern", lautet die Antwort.
400 Einsatzkräfte von Feuerwehr, Wasserwacht und Technischem Hilfswerk arbeiten unter
Hochdruck – die Lage unter Kontrolle bringen können sie jedoch nicht. Und die Lage wird
sich noch zuspitzen, ist Andreas Dietz von der Wasserwacht überzeugt. "Wir rechnen bis
Sonntagabend mit einem Pegelstand von 11,20 Meter. Das ist schlimmer als beim
Jahrhunderthochwasser 2002."
Manche Bewohner sehen die Lage mit Galgenhumor. "Ich habe ein Haus am See", scherzt
Anne Lamby. Sie selbst wohnt, sicher vor den Wassermassen, in der dritten Etage. Freuen
können sich über das Wasser lediglich einige Schulkinder. Die Altstadt-Grundschule bleibt an
diesem Montag geschlossen.