Von Aleppo nach Schkeuditz

Eine Familie aus Syrien entkommt dem Krieg und findet in Sachsen Sicherheit. Was bleibt, ist die Angst.

15.10.2013

 

Tote haben sie gesehen auf den Straßen von Aleppo. Einer ihrer Cousins wurde an einer Straßensperre erschossen. Er wollte wissen, ob sein Wohnhaus noch steht. Wenn Fatimat heute Hubschrauber über ihrem neuen Wohnort in der Nähe von Schkeuditz hört, zuckt die 15-Jährige zusammen und zittert. Aus Hubschraubern, erzählt sie, wurde in die Wohnviertel Aleppos geschossen. Ihr kleiner Bruder Abdullah hat nachts oft geschrien und geweint und tagsüber mit Soldaten Krieg gespielt. Das wurde erst besser, seit der Junge das Bürgerkriegsland unter dem Despoten Baschar al-Assad verlassen hat und sich wieder mit Autos und anderen Spielsachen beschäftigt.
Am Mittag des 11. September ist die sechsköpfige Familie Sheikd Debs mit einem von der Bundesregierung gecharterten Flugzeug aus Beirut in Hannover gelandet. Vater Omar, 41 Jahre alt, seine Frau Manal, 33, die beiden 18-jährigen Zwillingsbrüder Mohamad und Abdul Salam und ihre jüngeren Geschwister Fatimat und Abdullah. Sie gehören zu den ersten 107 von 5 000 Menschen aus Syrien, die mit einem humanitären Aufnahmeprogramm in Deutschland Zuflucht finden. Und sie sind die Ersten und bisher Einzigen, die in Sachsen ankamen. Die ersten zwei Wochen verbrachten sie noch im Aufnahmelager im niedersächsischen Friedland, bekamen erste Informationen und Deutschkenntnisse. Seit dem 25. September hat Familie Sheikd Debs nun eine Vier-Raum- und eine Zwei-Raum-Wohnung in einem kleinen Ort bei Schkeuditz. Es ist ein völlig anderes Leben als in ihrer mehr als 3 000 Kilometer entfernten Heimatstadt, die vor dem Bürgerkrieg eine pulsierende Metropole mit mehr als zwei Millionen Einwohnern war.
Zum ersten Mal in ihrem Leben sind sie im Ausland. Sie müssen jetzt viel lernen. Zum Beispiel, dass der Winter hart und plötzlich kommen kann in Deutschland. Gestern Nachmittag etwa stehen sie in der Kleiderkammer des Deutschen Roten Kreuzes in Delitzsch. Sie suchen nach warmen Sachen, und sie finden Schals und eine Lederjacke für die jungen Männer, ein paar Schuhe für den Vater, ein paar Pullover, dicke Stiefel für den kleinen Jungen. Die Fremden wirken nicht so, als ob ihnen klar ist, wie kalt es bald werden kann, aber sie sind vernünftig und packen zwei Tüten voll Kleidung zusammen. Danach bringt sie ein Kleinbus des Roten Kreuzes zurück in ihre möblierten Wohnungen.
Alles verloren im Bürgerkrieg
Gewiss, die syrischen Flüchtlinge bekommen derzeit ungewöhnlich viel Hilfe, die sich manch anderer Ausländer bei seiner Ankunft in Deutschland wohl wünschen würde. Aber wer in den Medien Bilder sieht von zertrümmerten Häusern, die jetzt Heckenschützen als Rückzug dienen, kann das schwer kritisieren. 100 000 Menschen sind seit Ausbruch des Krieges vor zweieinhalb Jahren gestorben, immer wieder gibt es Massaker an der Zivilbevölkerung, zwei Millionen sind auf der Flucht vor den blutigen Auseinandersetzungen. Aleppos Altstadt mit ihrem historischen Basar und dem weltgrößten überdachten Marktviertel war einst Weltkulturerbe. Jetzt ist es eine Steinwüste.
Familie Sheikd Debs ging es gut vor Ausbruch des Bürgerkriegs. Sie hatte vier kleine Geschäfte im Zentrum von Aleppo. Sie hatten gerade eine neue 150 Quadratmeter große Wohnung in einem guten Wohnviertel der Stadt gekauft und eingerichtet, die großen Zwillings-Jungs haben Abitur gemacht. Dann begannen die Proteste . Omar Sheikd Debs, ein schmächtiger kleiner Mann, sagt, er hat Verständnis für den Ruf nach mehr Demokratie. Aber er sei nicht zu den Demonstrationen gegangen, um seine Familie zu schützen.
Die Schießereien erreichen im Frühjahr 2012 auch sein Stadtviertel. Die Familie verlässt die Wohnung, im Glauben, in ein paar Tagen zurück zu sein, sie lassen alles zurück. Doch es beginnt eine monatelange Odyssee durch die Wohnungen von Verwandten. Immer wieder ziehen sie um, manchmal treffen sich 20 Menschen in einer Zwei-Zimmer-Wohnung, erzählen sie. Nach etwa einem halben Jahr ist klar: Ihre Wohnung ist zerstört, viele Freunde und Verwandte sind tot, sie haben keine Geschäfte und keine Einnahmen mehr.
Am 27. September 2012 verlassen sie Aleppo Richtung Libanon. 20 Stunden dauert die Busfahrt nach Beirut, 300 Kilometer voller Angst, weil sie fürchten, an einem Kontrollpunkt zurückgeschickt zu werden. Ein Jahr lang kommen sie in Beirut mehr schlecht als recht unter, leben von Lebensmittelmarken der Uno, werden von Libanesen angefeindet, bis sie nach Deutschland können. Jetzt müssen sie ihr Leben völlig neu ordnen und bekommen dabei erstaunlich viel Unterstützung der Behörden wie dem Landratsamt Nordsachsen. Einen Asylantrag müssen sie dank des Flüchtlingsprogramms nicht stellen. Sie haben jetzt ein Konto und sind in die AOK aufgenommen.
Diese Woche führen sie Gespräche mit der Bildungsagentur und dem Jobcenter. Sie wollen einen Kindergarten für Abdullah und eine Schule für Fatima finden, die großen Jungs möchten studieren. Immer ist ein Dolmetscher dabei, denn sie können vorerst nicht viel mehr als Hallo, danke und Auf Wiedersehen sagen. Zunächst werden sie daher Sprach- und Integrationskurse besuchen, sie wollen schnell Deutsch lernen. All das muss in diesen Tagen geklärt werden. Seit gestern hat jedes Familienmitglied eine Plastikkarte als Ausweis, der ihren Aufenthaltsstatus klärt. Damit dürfen sie innerhalb Sachsens umziehen und Städte auch außerhalb Sachsens besuchen. Doch dafür fehlt vorerst das Geld. Sie beziehen Hartz IV, bis sie irgendwann selbst eine Arbeit annehmen können. Bleiben wollen sie aber nicht.
"Heimat bleibt Heimat", sagt Mutter Manal. "Sobald wieder Frieden herrscht, möchten wir zurück nach Hause und beim Aufbau helfen." Wann das sein wird, steht freilich in den Sternen. Immer wieder sagen sie, wie wohl sie sich hier fühlen und dass sie Deutschland sehr dankbar für die große Hilfe sind. Auch wenn sie sich in der Kleinstadt etwas allein fühlen und vorsichtig fragen, ob sie auch nach Leipzig ziehen dürfen. Sie suchen etwas mehr Kontakt. Die Nachbarn seien sehr nett, es gebe keine bösen Worte. Aber man könne eben auch nicht viel miteinander sprechen außer einem Gruß im Treppenhaus, erzählt Vater Omar.
Die konservative arabische Familie ist stark religiös geprägt. Mutter und Tochter tragen nicht nur lange Kleider oder Mäntel und Kopftuch, sondern auch Handschuhe. Dass sie zum Interview alle zusammen erscheinen, ist nicht selbstverständlich. Doch in Deutschland wollen sie sich offener zeigen. Inzwischen fahren sie auch mal nach Leipzig oder in eine andere Stadt, um sich etwas anzusehen oder Einkäufe zu erledigen. "Alles ist sehr schön, die Natur, die Ordnung, alles ist so gut geregelt", sagt Omar Sheik Debs. Über eine Handy-App hält er jeden Tag mit seinem Bruder Kontakt. Doch von den Eltern hat er seit zwei Monaten nichts gehört. Zuletzt hatte er erfahren, dass sie nicht mal mehr Strom und Wasser haben.
Familie Sheikd Debs selbst ist jetzt in Sicherheit. Doch es bleibt die große Unsicherheit, wie ihr Leben weitergeht.