"Sachse komm zurück" - Warum es die Ostdeutschen wieder in den Osten zieht

Immer mehr Ostdeutsche kehren aus den alten Bundesländern zurück – weil es inzwischen auch im Osten Arbeitsplätze gibt. Andere Gründe sind Familie und Freunde. Für den Westen ist das ein Problem.

Die Welt, 02.Oktober 2012

Sie kehren wieder zurück. Nach erfolgreichen Jahren in westdeutschen Bundesländern
gehen inzwischen viele Abgewanderte zurück in ihre ostdeutsche Heimat. Der Familie
wegen, der Liebe wegen, der Heimat wegen.

Es sind oft junge Leute in den Dreißigern, sie gründen Familien, und einige gründen sogar
Unternehmen. Mehr als 40.000 Rückkehrer waren es nach einer Studie allein im Jahr 2010.
Und die Zahl wächst weiter.

Sachsen verbuchte im vergangenen Jahr schließlich erstmals seit 14 Jahren wieder einen
positiven Wanderungssaldo. Gut 74.000 Menschen zogen in das Bundesland, nur noch
etwas mehr als 70.000 zogen fort. Unterm Strich bedeutet dies 3600 Einwohner mehr.
Immerhin soviel, wie ein ordentliches Dorf Einwohner hat.

Auch Marietta Roth ist zurückgekommen, in ihre Geburtsstadt Leipzig. Die 26-Jährige betreut
seit Januar Kunden des neugegründeten Start-up Unternehmens Futalis, das hochwertiges
Futter für Hunde nach Wünschen der Herrchen und Frauchen zusammenstellt und
versendet. Ihr eigentlicher Beruf ist allerdings ein anderer.

Man ist doch hier verwurzelt

Im Herbst 2004 ging Marietta Roth nach Wernigerode, studierte an der Hochschule Harz
Tourismus. Sie arbeitete ein paar Monate in Ingersheim nahe Ludwigsburg für einen
renommierten Reiseveranstalter, später in einem Hotel im südfranzösischen Nizza, danach in
Passau. Praxis sammeln, sich ausprobieren, die Branche kennenlernen, darum ging es ihr.

“Das waren tolle Erfahrungen”, sagt sie heute. Doch es zog sie zurück nach Hause. Zu ihren
Großeltern, deren Enkel in der halben Welt verstreut sind, zur Familie, zu ihren Freunden,
ihrem Partner – und einfach zurück nach Leipzig, das sie so liebt. “Man ist hier doch
verwurzelt.”

Doch die Rückkehr war zugleich ein Einschnitt. Es bot sich eine recht begrenzte Auswahl an
passenden Jobs, mit rund 500 Euro weniger Einkommen auf dem Konto musste sie rechnen.
“Man muss flexibler sein und gucken, was noch so zu einem passt”, sagt die junge Frau.

Aber auch der Westen könnte das einmal wieder sein. Sie war drei Jahre alt, als die Mauer
fiel und hat kein Problem mit deutsch-deutschen Himmelsrichtungsdebatten.

Drei Viertel erwägen Rückkehr in den Osten

Marietta Roth und ihr Schicksal könnte aus einer der Studien entsprungen sein, die in
jüngster Zeit über die Abwanderer erschienen sind: Drei Viertel von ihnen erwägen trotz
guter Erfahrungen im Westen eine Rückkehr in ihre Heimat, ermittelte das Leipziger Leibniz-
Institut für Länderkunde. Fast jeder Zweite hat schon erste Schritte in diese Richtung
unternommen.

Früher lag die generelle Rückkehrbereitschaft nur bei 60 Prozent. Doch je weiter die
Arbeitslosenquoten Ost sinken, umso höher schwillt der Strom der Heimkehrer an. Es sind
vor allem Ingenieure und Maschinenbauer, Manager und Kaufleute, Pädagogen, Pfleger,
Servicekräfte und Touristiker. Für die Heimkehr zu den Wurzeln sind sie auch bereit, den
Preis eines geringeren Einkommens zu zahlen.

Von einer “Rückkehr der Gescheiterten” könne man deshalb nicht sprechen, betont Forscher
Thilo Lang. Ein Großteil sei jung und gut ausgebildet. Ihre Hauptgründe für eine
Abwanderung waren ja gerade Karrierechancen und bessere Einkommen, ihre Motive für
eine Rückkehr vor allem Familie und Freunde.
Nach Expertenschätzungen leben noch etwa 1,5 Millionen Bürger mit ostdeutschem
Migrationshintergrund im Westen. Angesichts des Mangels an Fachkräften, der in
ostdeutschen Wachstumsregionen voll durchschlägt, ist nun das Heer an “Abtrünnigen” in
der Heimat begehrt.

Sachse komm zurück

Jedes Bundesland hat seine Rückkehreragentur: “Sachse komm zurück” in Dresden,
“mv4you” in Schwerin, der “Pfiff” aus Sachsen-Anhalt, die Thüringer Agentur “Thaff” oder der
“Boomerang” in der Lausitz.

Schon 2006 versuchte es der damalige Aufbau-Ost-Bundesminister Wolfgang Tiefensee
(SPD) mit eher peinlichen “Heimatschachteln”; Sachsens Wirtschaftsminister Sven Morlok
(FDP) probierte, an Autobahnraststätten mit dem Traditionsgebäck Eierschecke den einen
oder anderen der 130.000 sächsischen Pendler zur Umkehr zu bewegen.

Die Agenturen sind seriöse Ansprechpartner, wenn es darum geht, freie Stellen zu besetzen.
Rund 150 Anmeldungen verbucht das Portal “mv4you” jeden Monat, mehr als 150
ausgewanderten Familien könne sie jedes Jahr daheim neue Perspektiven vermitteln, sagt
Projektleiterin Solveig Streuer.

Job-Lücken in Deutschland

An Pendleraktionstagen, auf Jobbörsen und Regionalmessen legt die Agentur
Stellenangebote als Köder aus. Die Arbeitgeber, so Streuer, stellten sich immer mehr auf
Bedürfnisse von Familien ein.

Seit der Wende verließen rund vier Millionen Menschen den Osten und füllten Job-Lücken
zumeist in Süddeutschland. Doch in den boomenden Ost-Regionen halbierten sich
mittlerweile die Arbeitslosenquoten auf teils unter zehn Prozent.

Wegen des Geburtenknicks fehlt es an Nachwuchs. Der Chef der Bundesagentur für Arbeit,
Frank-Jürgen Weise, sagte kürzlich in einem “Zeit”-Interview: “Die Westdeutschen müssen
sich etwas einfallen lassen.”

Die Welt, 02.Oktober 2012

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