Vorturnen vor Absolventen

Sächsische Zeitung, 14.Mai 2012

Auf der verzweifelten Suche nach Fachkräften machen sich Unternehmen auch mal zum
Obst – erstmals im Leipziger Studentenclub Moritzbastei. Führungskräfte von acht
Firmen verschiedener Branchen steigen auf die Bühne, um sich als sympathischer
Arbeitgeber zu präsentieren. “Career Slam” ist die Idee des Karrierezentrums der
Leipziger Uni überschrieben. Ein Abend, der für erfolgreiche Unternehmen den Spieß
einmal umdreht: Vorturnen, statt vorturnen lassen. Ein nicht ganz ernst gemeintes,
kreatives Schaulaufen vor fast 200 jungen Gästen, die sich prächtig amüsieren.

Doch der Wettbewerb folgt strengen Regeln: Nur drei Minuten haben die Protagonisten
Zeit. Powerpoint-Präsentationen sind verboten. Und sie dürfen nur Requisiten
mitbringen, die sie tragen können. So kommen Schnapsgläser und Zahnbürsten zum
Einsatz, Handpuppen und rosa Klopapier. Oder ein Laptop mit angebissenem Apfel auf
dem Deckel. Wie bei “Deutschland sucht den Superstar” verteilt ein Jury-Trio aus
Unternehmens-Trainerin, Marketing-Professor und Dramaturg à la Dieter Bohlen Spot
und Komplimente. Die Kommentare reichen von “Geile Performance!” bis “Wo war der
Funke?”.

Am Ende entscheiden die Gäste per Applausometer über den besten Auftritt. Sieger wird
Regiocast, ein deutschlandweites Unternehmen mit Beteiligungen an privaten
Radiosendern wie PSR und RSA. Lena Federova und Henry Nowak rappen sich
“radioaktiv” mit dicken Silberketten und lauter Musik durch ihre Mini-Show. Motto: “Wir
sind Regiocast und haben viel Spaß”. Spaß-Moderator Claudius Nießen, Chef des
Deutschen Literaturinstituts und Inhaber einer Literaturagentur, lästert hinterher: “Jetzt
weiß ich, wofür ich Gebühren zahle.” Und Dramaturg Matthias Schluttig meint trocken:
“Die haben bestimmt drei Tage geübt. Die haben wirklich Personalnot.”

Stefan Huch von CapGemini Consulting wandert durch die Reihen, hält eine Zahnbürste
hoch. “Sie wachen drei Nächte die Woche in fremden Hotels auf”, sagt er. Perfektes
Äußeres aber sei beim Kunden wichtig. Das Duo von FAB, ein international aufgestellter,
Berliner Internethändler für günstige Designprodukte, wirft rosa und schwarzes
Klopapier ins Publikum.

Kennenlernschwelle sinkt

Ein Allianz-Team spielt einen Witz und erzählt kichernd, wie ein vollbusiges Fräulein von
ihrem Liebhaber auf Versicherungskosten dreimal den Computer reparieren lässt. Die
drei Damen der Unternehmensberatung Contas singen “Ich gehe morgens in Büro, und
ich bin froh.” Und erklären im Agentursprech: “Ich hab eine Herausforderung für dich.”
Für die wahre Botschaft des Abends sorgt Frank Schott, Kommunikationsleiter bei Vita
34. Er hält ein Schnapsglas hoch und erzählt: Etwa die doppelte Menge an
Nabelschnurblut reiche, um bei einem hirnkranken Baby wahre Wunder zu vollbringen.
Die Firma beschäftige aber keineswegs nur Biotech-Experten, sondern Philosophen,
Juristen und Arabisten – wie ihn selbst. “Haben Sie Mut und vertrauen Sie auf Ihre
Begabungen”, sagt Schott unter großem Applaus.

Genau das wollte Ideengeberin und Organisatorin Constance Böhme erreichen. “Ich
dachte mir, wenn man eine Show draus macht, wird die Schwelle zum Kennenlernen auf
beiden Seiten geringer.” Auf der Bühne strahle eine Firma automatisch etwas über sich
selbst aus. Und beim anschließenden Bier am lauen Sommerabend kommt man
formloser ins Gespräch. Ziel sei, so die 29-jährige studierte Kulturmanagerin, das die
Studenten auch ohne Bewerbungsschreiben einen attraktiven Job finden. Die Idee ist
deutschlandweit, ja weltweit neu. “Wenn ich Career slam bei Google eingebe”, sagt
Böhme, “komme ich bei Grand slam raus.” Das könnte bald anders werden.

Vorturnen vor Absolventen

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