Zwei Stunden für einmal Volltanken

Sächsische Zeitung, 25.April 2012

Der Frust über horrende Spritpreise hat eine neue Maßzahl: Zwei Stunden. So lange
stellten sich gestern Autofahrer in eine Schlange vor einer Freien Tankstelle am
Standrand von Geithain bei Leipzig, um etwas billiger zu tanken: 1,607 Euro für Super,
1,386 für Diesel – sechs bis 13 Cent weniger als bei der Konkurrenz im Umland. Das
Durchschnittsalter der Schnäppchenjäger liegt über 60, die meisten haben Zeit und
Reservekanister dabei.

Tankstellen-Chefin Jacquline Hendel gibt einen Tag lang den Sprit zum tagesaktuellen
Einkaufspreis ab – ohne eigenen Gewinn “Die Kunden können ruhig wissen, wer an dem
Geschäft verdient. Das sind nicht wir Pächter”, sagt sie. Denen blieben im Jahresmittel
nur fünf Cent pro Liter. Ab sieben Uhr morgens bildet sich der Stau auf der S 242. “Den
Gaudi muss man mitmachen”, findet Rentner Bernhard Weisel aus “Geit’n”, wie man hier
sagt. Tanken habe er sowieso müssen. “Die Wartezeit darf man natürlich nicht rechnen.”
Ihn ärgert, dass die Bundesregierung ihre Steueraufschläge nicht senkt. “Die zapfen
doch am meisten ab.”

Die Begeisterung für die Aktion teilen nicht alle. “Das war das erste und letzte Mal, dass
ich so was mache”, stöhnt Siegmar Wosniak, an der letzten Biegung vor der Zapfsäule.
Der Schlosser aus Frohburg wollte die Gelegenheit nutzen. 40 Liter Diesel passen noch
in den Tank, sagt er – drei Euro Ersparnis. Dann muss er auch schon aufschließen zum
Vordermann. “Sonst krieg ich einen Anschiss.” Wenn einer aus der Reihe tanzt, wird
gehupt, ausgestiegen, gestikuliert. Ansonsten ist die Stimmung heiter, mittags regelt die
Polizei das Chaos.

Eine junge Mutter aus Frauendorf hat sich von hinten an die Zapfsäule geschlichen. Sie
lächelt. “Mit meinem Baby darf ich das vielleicht.” Ihre Mutter, erzählt die Frau, habe sie
früh angerufen, die hatte von der MDR-Aktion im Radio gehört. Ein Dachdecker aus
Noßwitz, drei Orte weiter, fährt mit schwarzem Pick-Up vor. Der Geländewagen mit
offener Ladefläche verbraucht 15 Liter auf 100 Kilometer. Das Auto ist sein Hobby, dafür
hat der eine Dreiviertelstunde gewartet “Ich hatte grad mal Zeit.”
“Wie blöd muss man sein”, meint grinsend Dick Melisie, Busfahrer aus den Niederlanden.
“Die stehen eine Stunde und sparen fünf Euro. Ich dachte immer, die Deutschen wären
cleverer.” Er fährt Senioren auf Ostdeutschland-Tour zu einer Stadtführung nach Leipzig,
sie werden sich mächtig verspäten. “Bei uns kostet Super 1,85 Euro. Und die Kfz-Steuer
viermal so viel wie bei euch”, sagt er.

In Deutschland gehen von einem Liter Benzin für 1,60 Euro über 90 Cent an den Staat.
“Man kann nur hoffen, dass die Regierung an der Preisbremse oder der Pendlerpauschale
was tut”, sagt ein Familienvater. Er ist Feuerwehrmann in Böhlen, seine Frau Ärztin in
Mittweida. Sie hat ihn auf dem Arbeitsweg verständigt. Da hat er alle Kanister
geschnappt und 108 Liter gekauft.

Am Nachmittag sind die 30000 Liter-Tanks leer, die nächsten Laster rollen heran. “Die
werden abends wohl auch alle sein”, schätzt Pächterin Hendel. Normalweise kommt nur
alle vier Tage eine neue Lieferung.

Zwei Stunden für einmal Volltanken

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