Bach durch alle Ritzen

Sächsische Zeitung, 12.Januar 2012

Marc Ußler hat es bald geschafft. Nächstes Jahr macht er Abitur an Leipzigs
weltberühmter Thomasschule. Dann will der junge Mann ein Jahr nach Frankreich,
anschließend Medizin studieren. Das Zeug dazu hat der Achtzehnjährige. Seit der 4.
Klasse ist der junge Mann aus Weißwasser Thomaner, gilt als sehr guter Schüler, hat
unendlich viele Konzerte in den “Kieler Blusen” und dunklen Anzügen gesungen, wurde
in der internen Stufenfolge Präfekt, Stubenoberer und Famulus des Geschäftsführers.
Ein Bach-Jünger, wie er im Buche steht.

Eine Musiklehrerin an der Kreativitäts-Grundschule hatte Marc wegen seiner
herausragenden Stimme den Thomanern empfohlen. Dort hat er schnell gelernt, sich
einzuordnen, diszipliniert zu lernen, aber auch Verantwortung zu übernehmen, zu führen
und sich auszudrücken. Marc wählt seine Worte präzise, spricht mit Bedacht, als wäre er
schon deutlich älter. Und er macht es mit Leidenschaft. “Ich bin unglaublich gern
Thomaner”, sagt er. “Das wird mein ganzes Leben prägen. Und das Singen wird immer
mein Hobby bleiben.”

98 Thomaner leben, lernen und singen derzeit in der Sebastian-Bach-Straße an jenem
Campus, der Gymnasium, Internat, Musikschule und Singakademie vereint. 98Jungs
zwischen zehn und 20 Jahren, zwischen ihrem Jugendtraum und der Erfüllung vieler
Tagespflichten. Denn der Thomanertag folgt einem straffen Zeitplan: 6.30 Uhr
aufstehen, 6.55 Uhr Frühstück im Speisesaal, 7.30 Uhr Schulbeginn im Gebäude auf der
anderen Straßenseite. 13.15Uhr Mittagessen, weitere Schulstunden,
Instrumentalunterricht, Stimmbildung und Chorproben unter der Regie von Kantor
Georg Christoph Biller. Durch alle Ritzen dringt am Nachmittag der Gesang von Bachs
Werken: Kantaten, Choräle, Oratorien. 18.45 Uhr gibt es Abendessen, danach
Hausaufgaben, aufräumen, lernen. Ab 20.30 Uhr gehen die Jüngsten ins Bett, 21 Uhr die
nächsten, um 22.30 Uhr die Ältesten. Ein langer Tag voller Chordisziplin.
Selbst die Samstage sind klar gegliedert zwischen Proben, Mittagessen und der Motette
in der Thomaskirche um 15 Uhr. Erst danach beginnt für die Thomaner das kurze
Wochenende, die Zeit mit den Eltern, bis Montag früh. Marc Ußler fährt nur noch alle
zwei Wochen nach Hause zu seiner Familie, die in Zeitz lebt. Und nicht einmal am
Heiligabend kann er da sein, weil Konzerte und eine Weihnachtsfeier im Alumnat
anstehen. “Aber meine Eltern verstehen das”, sagt er. “Und es ist nicht so, dass ich
unglaubliches Heimweh habe.”

Kein Wunder vielleicht, denn das Leben im Alumnat ist zugleich eine klösterliche
Jungsgemeinschaft für sich. Es gilt das Prinzip der gegenseitigen Erziehung. Jeder junge
“Ultimus” hat einen älteren Mentor, jede Stube ihren Oberen und den Vize. Sie sind
Vertrauenspersonen, ein großer Bruder für die Jüngeren, helfen ihnen beim Lernen,
gehen mit ihnen auch mal shoppen. Aber sie sind auch für die Einhaltung der Abläufe
und der Ordnung verantwortlich. Sie kontrollieren vor Konzerten, ob der dunkelblaue
Konzertanzug und die Krawatte richtig sitzen, die Frisur stimmt, und ein jeder, wie es
sich für Thomaner gehört, Kamm, Taschentuch und Bleistift einstecken hat. Wenn es
sein muss, setzt der Stubenobere auch eine Strafe durch, die als soziale Maßnahme im
Sinne des Chores gilt: Noten sortieren oder Klavier putzen.

Elf Jungs leben in einer “Stube” zusammen – ein Gemeinschaftsraum nebst vier
Schlafzimmern mit Etagenbetten und “Köten”, wie sie ihre Schränke nennen, sowie zwei
Duschen und Sanitärräumen. Die Wände sind weiß, die Möbel schlicht im “Kasten”. So
bezeichnen die Thomaner ihr Alumnat, nicht erst seit es in Containern untergebracht ist.
Der eigentliche “Kasten” wird derzeit saniert. Noch bis Jahresende leben die “Thomasse”
im Interim. “Zu Hause habe ich natürlich auch Poster an den Wänden und einen
Computer”, erzählt Konrad Schöbel, ein Thomaner der 7. Klasse. Aber im Alumnat gehe
es nun mal spartanischer zu, sagt Konrad ohne Argwohn. “Als ich neu war”, erzählt der
Zwölfjährige, der 2009 an die Schule kam, “dachte ich: Das ist total viel Stress hier.
Aber man lebt und gewöhnt sich schnell ein. Jetzt will ich nicht wieder weg.”
Die erste Auslandsreise mit dem Chor führte Konrad vorigen März nach Hongkong, es
waren nur zwei Konzerte. “Wir hatten viel Zeit, die Stadt kennenzulernen.” Zurzeit erlebt
er eine Auszeit, denn Konrad ist jetzt “Dispi”. Der Stimmbruch lässt ihn als Sänger
verstummen, er ist von Proben und Konzerten dispensiert, macht stattdessen
Botengänge, hilft bei der Vesper, verkauft vor Konzerten Programmhefte.
Das geht seit acht Jahrhunderten so: In diesem Jahr feiern Chor, Schule und Kirche mit
einem Festjahr und reihenweise Konzerten ihr 800-jähriges Bestehen. Vergangenen
Freitag erklang in der Thomaskirche mit dem sechsten Teil des Weihnachtsoratoriums
unter Kantor Georg Christoph Biller die erste Festmusik des Jubiläums. Weit über 300
Veranstaltungen sollen folgen.

1212 war der Thomaskirche eine Schule angegliedert worden, in der Knaben für den
musikalischen Dienst ausgebildet wurden – die Geburtsstunde der weltberühmten
Sängerknaben. Ihre uralte Tradition hat die Thomaner vielleicht selbst davor bewahrt,
von der DDR allzu sehr vereinnahmt zu werden. Daran erinnern sich zumindest
Ehemalige wie Sebastian Krumbiegel, der mit den “Prinzen” später zum Popstar wurde.
Von 1976 bis 1985 selbst Thomaner, hat er jene Zeiten miterlebt. “Ich wollte damals
unbedingt in den Chor, weil mein großer Bruder auch schon dabei war”, erzählt der
heute 45-Jährige. “Das Leben, von dem er erzählte, hat mir sehr imponiert.” Es sollte
auch für Sebastian zum Glücksfall werden.

1976 kommt der junge Thomaner Krumbiegel nach Japan, kauft dort seinen ersten
Kassettenrekorder. Später geht es nach Italien, Spanien und Westdeutschland. Die
Thomaner blicken über die engen Grenzen der DDR, Krumbiegel kauft Platten von den
Beatles, Queen, Supertramp. “Diese Musikerfahrungen waren mein Erweckungserlebnis”,
sagt der Musiker. Der Thomaschor, das sei eine Oase gewesen im repressiven
Sozialismus. “Wir waren privilegierte Kinder.” Natürlich gab es auch Konzerte vor Erich
Honecker im Palast der Republik. “Aber wir haben die Rotlichtbestrahlung nicht ernst
genommen”, sagt Krumbiegel. “Wir wussten, wo wir stehen.” Dass das Thomanum
unbeschadet durch alle politischen Systeme gekommen sei, meint der Sänger, spreche
für die Menschen, die diese Kulturinstitution mit Leben füllten und sich streng an Bachs
Leitmotiv hielten: “Soli deo gloria – allein Gott die Ehre”.

Mit Krumbiegel am Pult stand damals Michael Fuchs, von 1978 bis 1987 im Chor und
heute Professor für Stimmheilung an der Uniklinik Leipzig. Fuchs betreut jetzt die
Thomaner vom Beginn ihrer Sängerkarriere über akute Infekte und den Stimmbruch bis
zum Übergang ins Berufsleben. “Ich habe bei den Thomanern eine sehr glückliche Zeit
erlebt und bin sehr geprägt worden”, sagt Fuchs. “Uns ist vieles erspart geblieben.” Nur
die Wohnbedingungen hätten sich erheblich verbessert seither. Fuchs erinnert sich noch
an die Schlafsäle mit 25 Jungs im Zimmer, an die Waschsäle mit Zinkwannen ohne
Stöpsel, den Mangel an individuellen Freiräumen, der besonders in der Pubertät zum
Problem wurde. Heute gibt es Spiel- und Fernsehzimmer, im Hof stehen
Tischtennisplatten.

“Das Management”, sagt Fuchs, “ist viel professioneller geworden.” Denn wie alle
Bildungseinrichtungen müssen sich auch die Thomaner mehr als früher um Nachwuchs
bemühen. Dafür werden heute, so hat Professor Fuchs beobachtet, mehr “Thomasse”
tatsächlich Musiker. Zu seiner Zeit sei noch fast jeder zweite Thomaner Arzt geworden.
Eine Tradition, die der 18-jährige Marc Ußler nach dem 800. Jubiläumsjahr fortführen
könnte.

Bach durch alle Ritzen

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