Bretter, die die Welt bedeuten

Sächsische Zeitung, 02.Januar 2012

Drei Räume im alten Leipziger Tapetenwerk, weiß getüncht und beinahe leer. Nur ein
paar Werkbänke und ein Blechregal voll dünner Holzblätter sind aufgebaut. An einer
Wand lehnen Bretter, deren Formen ihre Bestimmung als Skateboards nur erahnen
lassen. In diesen provisorischen Werkhallen geht dieser Tage eine kleine, feine
Manufaktur an den Start, dessen Produkte in der europaweiten Szene einen klangvollen
Namen haben: “Bastl Boards”.

Hinter der Unternehmung steckt Sebastian “Bastl” Mühlbauer, 29, studierter
Kulturwissenschaftler und leidenschaftlicher Skateboard-Fahrer. Im November ist der
junge Mann mit den Rastalocken unter der dicken Strickmütze aus Niederbayern nach
Plagwitz gezogen, um aus seiner Leidenschaft ein Geschäft zu machen. Bastls Boards
sind allerdings keine einfachen Skateboards, sondern länger als die üblichen, mit
elastischeren Rädern, höherer Fahrstabilität und letztlich höherem Tempo. “Longboards
sind der zurzeit am schnellsten wachsende Sportmarkt auf der Welt”, sagt Mühlbauer.
Bei normalen Skateboards sei der Markt längst unter den Firmen aufgeteilt, doch bei
Longboards herrsche Pionierstimmung.

Bisher baute der Firmengründer in der heimatlichen Garage nur Einzelstücke in
Handarbeit. Dennoch ist er damit schon jetzt in Shops in Madrid und Helsinki, Prag und
Warschau, Amsterdam und London vertreten. Auch in internationalen Szenemagazinen
aus England und den USA fand “Bastl” Erwähnung. Künftig will er zwei Mitarbeiter
beschäftigen, einen Shop eröffnen und jeden Tag bis zu zehn Skateboards produzieren.
Ein Markenzeichen hat sich der Jungunternehmer schon patentieren lassen: einen
Smiley aus Schlangenlinien. Ende Januar wird er auf der internationalen Sport-
Fachmesse Ispo in München vertreten sein. Und wenn sein Fördermittelantrag
genehmigt wird, kommt auch eine computergesteuerte Fräsmaschine für die
Serienproduktion ins Haus.

Das Geheimnis seines Erfolgs liegt in der langen Entwicklungszeit der eigenen Schnitte,
in den zahllosen Protoypen, Millionen Probefahrten und der speziellen Mixtur des
Materials: Die Boards bestehen aus einer ausgeklügelten Mischung aus dünnen
Furnierplatten von Eschen aus dem Spessart, feinem Karbon sowie Fieberglasgewebe,
verleimt mit Epoxydharz. Das genaue Herstellungsverfahren verrät Mühlbauer nicht, nur
so viel: Die Materialschichten werden in einer eigens entwickelten Wanne unter großem
Druck stundenlang zusammengepresst. Aus diesem Stoff wird die perfekte Balance aus
stabilen und langlebigen, aber auch wendigen und flexiblen Brettern hergestellt. Je
nachdem, ob die Fahrer “zum Bäcker cruisen”, “den Asphalt surfen” oder einen Berg
“downhill” rasen wollen, gibt es fünf verschiedene Formen, benannt nach Tänzen wie
Bolero, Balboa und Walzer.

Boards als Bilderrahmen

In die Unterseite werden Motive von Künstlern laminiert, wie derzeit vom
Animationsfilmer Gregor Dashuber. Jedes Jahr soll es neue Kollektionen geben, für 2012
hat der Dresdner Grafiker Robert “entar” Richter Illustrationen entwickelt. Die Bilder
werden in die untere Materialschicht eingearbeitet, sodass sie endlos haltbar sind. Für 25
Euro Aufpreis können Kunden eigene Bilder ins Brett bringen lassen. Regulär kostet ein
Board 170 bis 230 Euro. Hinzu kommen Rollen und Achsen für 120 Euro.
Seit seinem sechsten Lebensjahr fährt Mühlbauer selbst Skateboard. Mit 20 begann er,
eigene Bretter zu entwickeln, gemeinsam mit einem Freund im Heimatort Arnstorf bei
Passau. Er jobbte im Sportladen und wurde Snowboardlehrer, er begann ein Studium
der europäischen Ethnologie in Würzburg und schloss mit “sehr gut” ab. Doch er konnte
das Board-Basteln nicht lassen und entschied sich gegen eine Promotion. Ein Flügge-
Stipendium von Bayerns Wissenschaftsministeriums erleichtert nun den Start in die
Existenzgründung. Reich werden will er dabei nicht: “Wir wollen einfach nur davon leben
können.”

Denn Skateboardfahren ist für den jungen Unternehmensgründer nicht einfach
irgendeine Sportart. “Es geht”, sagt Mühlbauer, “um das Gefühl der Freiheit.” Künftig
allerdings geht es auch um die berufliche Existenz. Dass er dafür in den Osten ging,
haben manche Weggefährten nicht verstanden. “Die haben mir einen Vogel gezeigt”,
erzählt Mühlbauer.
Doch für Leipzig, das er durch Freunde kannte, sprachen die agile Skater-Gemeinschaft,
um die Marke nach außen zu tragen, das Fehlen eines Konkurrenz-Shops, ein günstiges
Leben, die Nähe zu Berlin und zu den Kunden aus Osteuropa. “Und die Nähe zur Heimat
Niederbayern.”

Bretter, die die Welt bedeuten

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