Insekten auf dem Speiseplan

Sächsische Zeitung, 23.Februar 2012

Bis in die späten Abendstunden hat Martin Pfeffer in den vergangenen Wochen seine
Arbeitszeit ausgedehnt. Wenn bei RTL die neuen Folgen des “Dschungelcamps” liefen,
schaute der Infektiologe vom Institut für Tierhygiene und Öffentliches Veterinärwesen
der Uni Leipzig auch kurz vor Mitternacht noch zu.
Allerdings interessierte den 49-jährigen Professor kaum, welcher Star gerade rausflog
oder im australischen Dschungel nackt badete. Ihm ging es um die Krabbel-Eskapaden,
denen sich die Dritte-Liga-Stars aussetzen müssen. Den Grillen, Kakerlaken,
Mehlwürmern und anderen exotischen Tieren, die die Camper zur Ekel-Lust des
Fernsehpublikums vertilgen sollen. Denn auch Pfeffer hat den Genuss von Insekten auf
den “Speiseplan” seiner Vorlesungen gesetzt.

Dem Akademiker geht es dabei freilich nicht um niedere Instinkte, sondern um
Erkenntnis durch einen Blick über den Tellerrand: “Insekten”, sagt Pfeffer, “können ein
durchaus gehaltvolles Nahrungsmittel sein.” Gerade in den von Hunger geplagten
Regionen der Erde könnten sie einen wichtigen Beitrag zur Ernährung der Bevölkerung
darstellen. Daher sei der kulinarische Genuss nicht mehr nur auf den Nachtmärkten
asiatischer Metropolen angekommen, sondern mittlerweile auch in der
wissenschaftlichen Forschung.

Die Menschen beißen zurück

Die Welternährungsorganisation der Uno, die FAO, hat bereits ein 240-seitiges Dossier
mit dem provokanten Titel: “Essbare Waldinsekten. Die Menschen beißen zurück”
herausgebracht. Die EU stellt Forschungsgelder in Millionenhöhe bereit und auch im
Berliner Bundesinstitut für Risikobewertung werde das Thema inzwischen diskutiert, sagt
Pfeffer.

Dabei stellten sich etliche Fragen: “Welchen Nährwert bieten Insekten? Welche Gefahren
lauern möglicherweise im Verzehr? Welche Infektionsrisiken? Wie bekommen wir den
zukünftig drohenden Proteinmangel der Weltbevölkerung in den Griff? Ist es möglich,
Insekten auch im industriellen Maßstab, aber artgerecht zu züchten, um die Versorgung
ganzer Bevölkerungsgruppen in Afrika, Asien, aber auch Europa zu garantieren? Welches
Futter müssten sie bekommen?”

Pfeffer hat darauf bisher erst wenige Antworten parat. “Die Forschung steckt in den
Anfängen”, sagt er. “Und ich bin kein Ernährungswissenschaftler, sondern Infektiologe.”
Aber als einer der wenigen seiner Kollegen in Deutschland greift Pfeffer die Fragen auf,
sammelt Fakten und sensibilisiert seine Studenten. In seinen Vorlesungen hält er einen
Vortrag mit Fotos und Grafiken, die im Dschungelcamp beginnen und in Tabellen über
den Proteingehalt diverser Insektenarten gipfeln. Die Winzlinge müssten, sagt Pfeffer,
den Vergleich mit Hähnchen oder Beefsteak keineswegs scheuen. Im Gegenteil.
Grashüpfer, Wasserkäfer oder Maulwurfsgrillen etwa haben ebenso viel Proteinanteile
wie Schwein, Rind und Huhn – oder gar mehr. Hinzu kommen reichlich gesunde Fette,
Vitamine, Kalzium und kaum Kohlenhydrate. “Drei Viertel der Körpermasse von Wanzen
und Wespen bestehen aus Proteinen”, sagt Pfeffer. “Die haben doppelt so viel davon wie
ein Hochenergieriegel aus dem Fitnesscenter.”
Pfeffer, selbst Vegetarier, hält es für möglich, die Akzeptanz von Insekten auch auf
hiesigen Speisekarten zu fördern. “Das ist wie beim Rotkäppchen-Syndrom und dem
bösen Wolf. Wir haben nur Angst vor dem, was wir nicht kennen.”

Kribbeln im Bauch

Der Verzehr von Insekten sei ohnehin in der westlichen Welt längst angekommen – etwa
als Beigabe zum Tequila, als Mehlwurm im Lolli und mit Honigameisen am
Süßwarenstand. In den USA sei die Produktion von Tierfutter aus Insekten bereits ein
Millionen-Dollar-Geschäft.

Auch für die Menschen sei es mitunter nur eine Frage der Zubereitung. Und da könne
man bei dem anknüpfen, was in Asien längst alltäglich verzehrt wird. “In Berlin kann
man bereits einen Insektenkochkurs belegen”, sagt Pfeffer. Auch Insekten-Kochbücher
gibt es. Motto: “Hätten Sie gern mal wieder Kribbeln im Bauch?”
Das Dschungelcamp hält Pfeffer indes für völlig ungeeignet, um Appetit auf Insekten zu
machen. “Bei RTL wird nur der Ekel provoziert. “Das”, sagt Pfeffer, “ist völlig
kontraproduktiv.”

Insekten auf dem Speiseplan

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