Arbeiten und büßen

Sächsische Zeitung, 16.April 2012

Zwischen Feldern und Wiesen im Süden von Leipzig steht das Lutherstift des
Diakonischen Werkes. Ein unscheinbares, graues Haus am Ortsende von Störmthal. In
der stillen Abgeschiedenheit der Dorfstraße wächst seit einem halben Jahr ein landesweit
einmaliges Modellprojekt heran, das Furore macht: ein Jugendstrafvollzug ohne
Gefängnismauern und Gitter, ohne Wärter und Prügeleien.
Bislang vier Straftäter aus dem nahen Jugendknast in Regis-Breitingen sind seit
September nach und nach in das “Seehaus” gezogen, um unter der Regie von
Hauseltern, Lehrern und Sozialarbeitern ihre Strafe zu verbüßen und auf das Leben
vorbereitet zu werden – besser als im Gefängnis. Das Justizministerium hat den Anstoß
dafür gegeben und fördert das Projekt mit vorerst 1,2 Millionen Euro. Es ist politischer
Wille in Sachsen und per Gesetz festgelegt, Jugendstrafvollzug auch in freien Formen
umzusetzen.

Fast wie im Kloster

Das Lutherstift hat dazu die passende Vorgeschichte: Schon um 1880 ließ der
Hamburger Theologe Johann Hinrich Wichern hier einen Diakon mit straffälligen Jungen
zusammenleben. Doch die neuen Nachbarn gefallen längst nicht allen. Eine Störmthaler
Bürgerinitiative hat gegen die Einrichtung geklagt. Ihr Wohnort sei für einen
Jugendstrafvollzug in freien Formen denkbar ungeeignet, Störmthal solle sich zu einem
Naherholungsgebiet entwickeln, schrieben die aufgebrachten Bürger an Justizminister
Jürgen Martens (FDP). Erste Urteile sind von den Verwaltungsgerichten gesprochen,
Widersprüche eingelegt. Die endgültige Entscheidung steht noch aus. So hat das Projekt
des christlichen Vereins “Prisma”, das ein Mutterhaus in Leonberg bei Stuttgart hat,
mindestens noch ein paar Wochen Galgenfrist.
Es würde sich lohnen, wenn es Bestand hätte. Für Toni aus dem Erzgebirge zum
Beispiel. Seit November ist der 21-Jährige in Störmthal. Seit er vier Jahre alt war, wuchs
er in Heimen auf. Im Seehaus lernt er zum ersten Mal so etwas wie Familie kennen,
dazu Ehrlichkeit, Verantwortung und Solidarität. Im Knast in Regis-Breitingen gebe es
strenge Hierarchien, sagt Toni, ständig müsse man sich Respekt verschaffen. Jetzt sei
der Umgangston völlig anders. “Ich hab viel gelogen”, sagt er. “Jetzt lüge ich nicht
mehr.”
Auch die kriminelle Vergangenheit wird in Gesprächen aufgearbeitet: Diebstahl, Raub
oder Körperverletzung gehören dazu. Mörder, Sexualtäter oder Drogensüchtige dürfen
indes nicht kommen.
Der mutmaßlich “freie Vollzug” ist allerdings fast wie eine klösterliche Gemeinschaft, der
Tagesplan ein Lehrstück in Sachen Disziplin: 5.40 Uhr Wecken, 5.45 Uhr Frühsport, 6.35
Uhr Zeit der Stille, 6.50 Uhr Frühstück, 7.15 Uhr Aufräumen und Putzen. Danach
Schulunterricht, handwerkliche Ausbildung und Arbeiten am Haus, nach dem
Abendessen oder Familienabend werden Nachrichten geschaut und Hausaufgaben
gemacht, um 22 Uhr ist Bettruhe im engen Vierbettzimmer. 22.15 Uhr: Licht aus.

Keine Sexfotos überm Bett

Das Haus wird nicht verlassen, die jungen Leute sind nie allein, nicht einmal zur Toilette
geht’s ohne Abmeldung. So sind die Rechte der Inhaftierten noch begrenzter als in der
regulären Haft. Schimpfworte, Ellbogen auf dem Tisch, Bonbonpapier auf dem Boden
oder Rauchen außerhalb der drei Pausen am Tag sind verboten. Selbst die Fotos über
dem Bett sind reglementiert: Ein Bild der Freundin ja, Erotik nein. Verstöße werden
sofort mit Minuspunkten geahndet, gute Noten und faires Sozialverhalten mit
Pluspunkten belohnt.

So können die Häftlinge ein paar kleine Freiheiten erhalten: Fünf Minuten länger daheim
telefonieren, einen Sportverein besuchen oder sich frei über den Hof bewegen. Diesen
Status hat bisher aber noch keiner geschafft. “Ich hätte nicht gedacht, dass es so hart
ist”, sagt Toni. “Aber es ist allemal besser als Regis.” Er hatte sich auf den “Seehaus”-
Platz beworben, nun will er sich den Status für ein Praktikum bei einem Bäcker
erarbeiten und im November, wenn er rauskommt, eine Lehre machen. Aussichtslos sei
das nicht, meint Michael Richter, der Leiter der Einrichtung. “Die Jugendlichen lernen
Zuverlässigkeit, Fleiß, Ordnung, Höflichkeit und Pflichtbewusstsein. Wenn sie das hier
überstehen”, sagt Richter, “sind sie gut gerüstet für eine regelmäßige Arbeit.”

Neben den Hauseltern Regine und Paul Schneider gibt es zehn Mitarbeiterstellen für die
Betreuung und Bewachung. “Wir wollen Liebe und Konsequenz, Streit und Versöhnung
vorleben”, sagt Paul Schneider, der mit seiner Frau Tür an Tür mit den Häftlingen lebt.
Aus christlicher Überzeugung und aus dem Glauben an die Idee. Angst haben sie nicht.
“Die Jungs haben doch kein Herz aus Stein”, sagt Regine Schneider, “wir haben nichts
zu befürchten.” Allerdings ist das Seehaus in Störmthal nur ein Projekt auf Zeit. Damit
die Zahl der Jugendlichen wie geplant auf bis zu 20steigen kann, muss der Verein
ohnehin ein neues Haus suchen.

Arbeiten und büßen

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