Testpilot am Operationstisch

Im Leipziger IRDC arbeiten Ärzte wie im Cockpit mit vielen Monitoren. Die hochmoderne OP-Technik wird ständig weiterentwickelt.

Sächsische Zeitung, 14./15.Mai 2011

Der Operationssaal der Zukunft sieht aus wie die Kommandobrücke eines Raumschiffs. Das
Cockpit ist tief in Blau getaucht, die Patientin auf dem OP-Tisch trägt ein Stirnband mit Glaskugeln. Sie übertragen live und in überdimensionaler Größe aus dem Inneren ihrer
Stirnhöhlen direkt auf hochauflösende HD-Bildschirme.

Gerade hat Gero Strauß sein Endoskop mit der Kamera weit in ihr Nasenloch geführt, er will der Frau wieder Luft zum Atmen verschaffen. Plötzlich ertönt ein dunkler Brummton. „Jetzt bin ich nur noch einen Millimeter von der Schädelbasis weg“, sagt der Mann im blauen Kittel, mit Haube und Mundschutz. „Da schaltet automatisch alles auf Warnung.“ Doch Professor Doktor Strauß ist erfahrener Operateur im Leipziger IRDC, dem „International Reference and Development Centre for Surgical Technology“. In dem Entwicklungszentrum für chirurgische Operationstechniken werden medizinische Navigations- und Assistenzsysteme entwickelt, getestet und trainiert.

In dieser Woche wurde der OPSaal der Zukunft in der Staatskanzlei vom „Land der Ideen“ als „Ausgewählter Ort“ gekürt. „Wir haben weltweit den einzigen OP-Saal, in dem konventionelle chirurgische Technik und medizinische Software so eng miteinander verwoben sind“, sagt Strauß. Wie ein Pilot, der vor lauter Armaturen kaum mehr den Himmel zum Fliegen
sieht, ist auch er umzingelt von modernsten Apparaten: Computertomografien
offenbaren den Schädel der Patientin, die unter einer chronischen Nasennebenhöhlenentzündung leidet. Ein neues Navigationssystem leitet ihn mit dem Endoskop durch Kiefer- und Nasennebenhöhlen. Gelbe Linien auf den Bildern markieren Risikozonen wie den Sehnerv und die Augen. Berühren verboten!

Neue Geräte für Hightech-Saal

Das blaue Licht im Saal hilft, Kontraste besser zu erkennen. Es kann je nach Diagnose auf rot, grün und gelb umgeschaltet werden. Ein weiterer Monitor zeigt die komplette Krankenakte. Darin kann der Arzt dank Infrarot berührungslos blättern. Am Ende der Operation begradigt
der Chirurg die Nasenscheidewand und vernäht die Schleimhaut,
nach 40 Minuten ist der Eingriff vorbei.

Alle Arbeitsabläufe sind in Bildern und Filmen dokumentiert. „Natürlich muss es auch ohne diese Technik gehen“, sagt Strauß. „Chirurgie ist ein Kunsthandwerk mit viel Gefühl und Erfahrung.“ Aber die Apparate geben dem Arzt im Blindflug durch den menschlichen
Schädel mehr Informationen und Orientierung als bisher. „Die Operationen
werden präziser und sicherer, die Ergebnisse sind vergleichbarer“, sagt der 39-Jährige, der aus einer großen Ärzte-Familie stammt. Zudem seien gelegentlich Eingriffe möglich, an die sich Experten bisher wenig herantrauten: Fräsen am harten Felsenbein des Ohres etwa, wo sich Gleichgewichtssinn, Hörorgan und wichtige Nervenbahnen bündeln.

Die hochmoderne „Aqua-Klinik“ in der einstigen Privatvilla der Reiseführer-Familie Baedeker ist aber nicht nur Angebot an gut betuchte Privatpatienten, sondern steht allen Versicherten offen. Schon jetzt ist der Terminplan bis August voll: Zehn Hals-Nasen-Ohren-Operationen
pro Tag. Ein Dutzend Ärzte ist damit beschäftigt. Doch der Hightech-Saal wird wohl nie vollendet sein: Im Herbst 2009 eröffnet, zieht schon im Juli eine neue Gerätegeneration in der Käthe-Kollwitz-Straße ein. Denn das IRDC ist nur der sichtbare Teil fortwährender Forschung. Hinter den Kulissen betreut ein ganzes Netzwerk von Medizinern, Informatikern und Ingenieuren
der Uni-Klinik Leipzig und der Uni München das OP-Zentrum. Doktoranden betreten Neuland mit
wissenschaftlichen Arbeiten, das Bundesforschungsministerium fördert die innovativen Projekte mit 20 Millionen Euro. „Wir beschreiben ein Problem. Und die Kollegen entwickeln eine Idee dazu“, erzählt Strauß. „Ich fühl mich manchmal wie ein Testpilot.“

OP wird live übertragen

So entstand auch das Chirurgen-Navi am IRDC, das mittlerweile den Kollegen in jedem zehnten Operationssaal der Welt hilft. Das neue Kollisions-Warnsystem steht noch kurz vor der Markteinführung. Dank der vielen Neuheiten ist das IRDC zugleich Schulungszentrum
für Kollegen auf der ganzen Welt, etwa in Saudi-Arabien, Ägypten und Indien, Brasilien und den USA, Russland und osteuropäischen Ländern, die bei der Neueinrichtung von Kliniken gleich mehrere OPGenerationen überspringen. 300 Fachleute belegen jedes Jahr die
Trainingskurse. Außerdem können die Operationen live übertragen werden – in den benachbarten Seminarraum oder zu Kollegen in Kasachstan.

Allerdings ist die Technik teuer. Jede Minute im Operationssaal kostet
40 Euro – normal waren bisher 14, sagt Strauß. Doch finanziert ist das Vorzeigeprojekt nicht aus Steuergeldern. Das IRDC ist eine Tochter des Tuttlinger Medizintechnik-Herstellers Karl Storz. Der Firmengründer hatte schon 1945 begonnen, HNO-Instrumente herzustellen, mit denen ein Arzt in den Körper blicken kann. Dass das jüngste Kind der Firma in Leipzig aus der
Taufe gehoben wurde, hat auch familiäre Gründe: Storz’ Tochter Sybill, seit 15 Jahren die Chefin des Familienunternehmens, wurde 1937 in Leipzig geboren.

Testpilot am Operationstisch

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