„Brücke gucken” in Dresden

Nach dem Einschwimmen des Mittelstücks ist die fast fertige Elbquerung am Waldschlösschen ein neuer Publikumsmagnet

LVZ, Dezember 2010

Dresden. Seit dem Einschwimmen des großen Mittelteils ist die umstrittene Dresdner Waldschlösschenbrücke im Rohbau fertig. Damit ist das bundesweit diskutierte Bauwerk mehr denn je ein Publikumsmagnet, der einen Dresden-Besuch um eine Station erweitert hat.

Harry Pabst ist bekennender Brückenfan. „Die Technik begeistert mich, das ist eine geniale Meisterleistung”, schwärmt der Elektrotechnikingenieur, während er am Elbufer gegenüber des Dresdner Waldschlösschens Fotos von dem 1800 Tonnen schweren Stahlungetüm schießt. Mindestens 500 Bilder hat der Mann schon Zuhause auf seinem Computer, und es kommen immer neue hinzu. Gerade jetzt, nach dem Einschwimmen des Mittelteils, wo die Brücke als Ganze endlich gut zu erkennen ist, gibt es reihenweise neue Motive.
Pabst ist nicht der einzige, der trotz Eis und Schnee entlang der Bauzäune nach dem Stand der Dinge gucken geht. An beiden Ufern der wohl umstrittensten Überführung Deutschlands flanieren Spaziergänger, schießen Fotos, diskutieren den Fortgang der Arbeiten. Nicht nur Dresdner sind darunter, auch etliche Neugierige aus dem Umland und viele Touristen aus der ganzen Republik. Nach dem jahrelangen, bundesweiten Medienrummel ist das 160-Millionen-Projekt ein neuer Anziehungspunkt in der Landeshauptstadt. Aberkennung des Unesco-Welterbes hin oder her.
„Natürlich, die Brücke könnte schöner sein”, findet Pabst. „Gerade die Bögen.” Aber er sei trotzdem immer für den Bau gewesen. Wenn sie erstmal fertig ist, werde das eine echte Erleichterung für den oft verstopften Stadtverkehr sein. Dabei wird der Rentner, der fernab im Stadtteil Mickten wohnt, gar nicht von der neuen, 630 Meter langen Querung profitieren.
„Aber”, sagt er bestimmt, „ich bin doch nicht gegen den Fortschritt.”
Ein freundliches Paar aus Plauen sieht das leidenschaftsloser. „Es musste wohl sein”, sagt der Mann, „aber schön ist sie nicht.” „Wie eine Eisenbahnbrücke”, findet seine Frau. Die beiden Vogtländer feiern gerade seinen 60. Geburtstag, verbringen ein paar Tage in Dresden. „Wir freuen uns immer über die Entwicklung der Stadt”, sagen sie. Neben Altstadt und Striezelmarkt steht für das Paar nun eben auch die entfernter liegende Brücke auf dem Ausflugsprogramm. Aber das ihnen die Brücke dort den Blick über das schöne Elbtal und die Schlösser versperrt, das hätte man doch mit einer anderen Konstruktion verhindern sollen, sagen sie.
Bei Dresden-Marketing ist die von jahrelangen Protesten und Klagen begleitete Brücke längst ein Thema nachfragender Touristen geworden. „Durch die große mediale Berichterstattung möchten einige unserer Gäste bei ihrem Dresden-Besuch auch einen Blick auf dieses Bauprojekt werfen”, sagt die Geschäftsführerin der Marketing-Gesellschaft, Bettina Bunge.
Dabei sei ein interessanter Imagewandel zu beobachten, den die Waldschlösschenbrücke durchlaufen habe: „von einem kritisch beleuchteten und vor allem vor Ort kontrovers diskutierten Thema zu einem interessanten Projekt”. Nach wie vor kämen die in- und ausländischen Gäste aber in erster Linie, „weil sie die schöne Stadt mit großer Geschichte erleben möchten”, so Bunge. Dieses Jahr erlebt Dresden dabei einen neuen Besucherrekord – trotz aller Debatten um das Welterbe.
Die Stadt solle die Brücke ruhig ordentlich vermarkten, findet auch ein Ruheständler aus Pillnitz. Am besten mit einem Aussichtspunkt, wie er es in anderen Metropolen wie Sydney erlebt hat. Er begutachtet die Brücke gerade von allen Seiten, macht ein paar Erinnerungsbilder. Den Bogen, naja, den hätte er lieber durch Schrägseile und Pylonen ersetzt.
Trotzdem spreche für das Projekt eine einfache Wahrheit: „Eine Stadt am Fluss benötigt Brücken. Alle wollen sie. Bloß nicht vor ihrer Haustür.” Dabei sei der Verlauf der Waldschlösschenquerung schon vor 100 Jahren diskutiert worden. Und künftig könnten ja nicht nur Autos, sondern eben auch Fußgänger und Radfahrer eine echte Abkürzung nehmen. Das war auch ein wichtiger Grund, warum 2005 eine klare Mehrheit der Bürger für das Projekt stimmte.
Den Marketing-Effekt haben sie indes bei der „Sächsischen Dampfschiffahrt” schon zu nutzen gewusst. Die erste Tour mit dem Salonschiff „Gräfin Cosel“, die am Montag als offiziell erstes Schiff unter dem Brückenbogen hindurchglitt, haben sie geschickt verkauft: als „Jungfernfahrt durch die Waldschlösschenbrücke“.

„Brücke gucken” in Dresden

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