Alles außer Englisch

Das Bildungsmusterland patzt bei der Weltsprache. Schuld hat nicht nur die von der DDR geprägte Lehrerschaft

DIE ZEIT, 02.09.2010

Selbst bewegende Momente können zur Lachnummer werden, es muss nur ein schlechter
Übersetzer zu Werke gehen. Als La Toya Jackson Anfang des Jahres beim Dresdner
Semperopernball für ihren verstorbenen Bruder Michael einen Orden entgegennimmt,
gerät der Simultandolmetscher für die 2000 Gäste und das Millionenpublikum des MDR
ins Stocken. In breitem Sächsisch legt er der ahnungslosen Ballkönigin Halbsätze in den
Mund, sie verlieren sich im Nichts: »Ich möchte das Reizende akzeptieren! Er gab uns
39… Er dachte… alles. Meine Mutter würde schreien, mein Bruder würde schreien.« Eine
eigentümliche Übersetzung des Wortes cry, das hier »weinen« bedeutet. Es war zum
Schreien.
Spätestens seit diesem Abend ist klar, was im Juni eine Studie des Instituts zur
Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) amtlich bestätigt hat: Die Krauts
aus Saxony können alles außer Englisch. Ausgerechnet Sachsen, das schulpolitische
Vorzeigeland, der Pisa-Sieger , der fünfmalige Erste im Bildungsmonitor verpasste beim
Ländervergleich der Fremdsprachenkompetenz die Mindeststandards und landete auf
hinteren Rängen. Im Hör-Verstehen von englischen Dialogen erreichten die Mittelschüler
und Gymnasiasten aus Sachsen nur Platz 13 von 16, umringt von den anderen Ost-Ländern.
Diese Sprachschwäche beunruhigt Sachsens Wirtschaftsbosse: »Unsere Unternehmen
sind längst auf den Weltmärkten aktiv, da sind Englischkenntnisse unabdingbar«, sagt
Bodo Finger, der Präsident der Vereinigung der Sächsischen Wirtschaft. Gerade junge
Facharbeiter müssten ihre mangelhaften Fremdsprachenkenntnisse dringend aufbessern,
um etwa im Service einsetzbar zu sein. »Sie sind ja längst nicht mehr nur stumme
Maschinenbediener.«
Die Kultusministerkonferenz, sonst nicht gerade berühmt für Hauruck-Handeln,
hat bereits reagiert: Sie setzte vorige Woche eine Arbeitsgruppe ein, um die
Qualität der Englischlehrer schnellstmöglich zu verbessern. »Ich möchte, dass
wir Austauschprogramme für Lehrer und Schüler, Fort- und Weiterbildungen und
Schulpartnerschaften weiter ausbauen«, sagte Sachsens Kultusminister Roland Wöller
(CDU).
Die erschreckenden Ergebnisse der IQB-Forscher wurden von der Politik reflexhaft mit
der DDR-Vergangenheit erklärt: Eine schlechte Ausbildung und die Isolation vom Westen
würden bis heute nachwirken. Die meisten von Sachsens etwa 3500 Englischlehrern, so
der Tenor, hätten es halt nicht besser gelernt. Doch nach 20 Jahren deutscher Einheit reicht
der Fingerzeig auf die alte DDR-Garde nicht aus. Wer genauer nach den Ursachen für die
anhaltende Englischschwäche sucht, findet ebenso Gründe in der ostdeutschen Gesellschaft
von heute; trifft aber auch auf manchen Enthusiasten in den Klassenzimmern. Auf Leute
wie Uwe Preuss.
Der stämmige Leipziger mit dem Vollbart gehört zu denen, die ihr Fach mit Leidenschaft
lehren. Die Wände im Raum 206 der Petri-Mittelschule am Leipziger Floßplatz hängen voll
mit Ansichtskarten, U-Bahn-Plänen und Tageszeitungen aus England und den USA. Dinge,
die Preuss seinen Schülern mitbringt. Zehnmal war er inzwischen in New York, im Oktober
geht sein nächster Flug. Als er 1979 ein Studium an der Sektion für Sprachwissenschaft
in Leipzig aufnahm, besetzte er eine Nische am Roten Kloster. »Englisch, das war die
Sprache des Klassenfeindes.« Doch der 52-Jährige wollte vor allem eines: die Beatles und
die Rolling Stones verstehen. »Die Puhdys verstanden wir ja sowieso.«
Aus Personal- und Geldnot können sich zu wenige Lehrer im Ausland
fortbilden
Nachdem er sein Leben im neuen Deutschland geordnet hat, fährt Uwe Preuss 1993 das
erste Mal nach London. Es dauert allerdings ein paar Tage, bis sich Preuss mit seinem
angelesenen Wortschatz an die Aussprache der Briten gewöhnt. »Ich verstand erst mal kein
Wort.« Ein Jahr später steigt der Mann aus der Altmark auf die Aussichtsplattform der
Freiheitsstatue. »Da standen mir Tränen in den Augen. Das war wie 100 Jahre Weihnachten
auf einmal.«
In jener Zeit werden für viele seiner Kollegen Träume wahr. Sie gehen auf Reisen,
werden an Gymnasien befördert, weil Englischlehrer in der Nachwendezeit knapp sind.
Doch Preuss entscheidet sich, an seiner Mittelschule zu bleiben – als einer der wenigen.
Ein Defizit, das bis heute anhält. Die Bildungsagentur habe Probleme, alle Stellen zu
besetzen, sagt er, weil die guten Kollegen in jene Bundesländer wechselten, die ihre Lehrer
verbeamten. »Dafür nehmen sie hier jeden, den sie kriegen können.« Aus Personalnot
und Geldmangel würden Englischlehrer vom Freistaat kaum zur Ausbildung ins Ausland
geschickt.
Das Manko trifft besonders jene Kollegen, die bis zum Mauerfall Russisch unterrichteten.
Sie gab es nach der Wende im Überfluss, aus der Not heraus schulten Hunderte im Laufe
der neunziger Jahre auf Englisch um. Ihren Schülern waren sie mitunter nur wenige lessons
voraus. »Das war eine harte Zeit«, erinnert sich Christa Gluth, die am Matthes-Enderlein-
Gymnasium in Zwönitz unterrichtet.
Zwischen 1992 und 1996 fährt Gluth, die einstige Russischlehrerin und Mutter zweier
Kinder, freitags und samstags zum Studium nach Leipzig und schreibt Hausarbeiten,
Klausuren, Prüfungen an der Uni – neben dem täglichen Schulpensum. Parallel fängt
sie an, eine fünfte Klasse in Englisch zu unterrichten. Doch auf Muttersprachler trifft
sie an der Universität kaum, und für ein Auslandssemester fehlt die Zeit. »Wir hatten
nur zwei Wochen in Colchester«, erzählt sie. Heute begleitet die 58-Jährige ab und
an Klassenfahrten nach England, reist mal privat nach London und kann über ein
Programm der EU alle paar Jahre eine Fortbildung in Großbritannien buchen. »Aber am
Frühstückstisch der Gastfamilien merkt man immer, wie viel Praxis eigentlich fehlt.«
Das Kultusministerium, wünscht sich Christa Gluth, müsste viel mehr solcher Angebote
machen. Das Bedürfnis der Kollegen sei groß.
Doch das ist nur die eine Seite. Kritiker wie der Landeselternrat werfen der überalterten
Lehrerschaft vor, zu sehr in der Sprachvermittlung der DDR-Schule verhaftet zu sein.
Immer noch würden zu viel Grammatik und Rechtschreibung gepaukt, Anwendungspraxis
und Diskussionslust kämen zu kurz. Die Kinder, so der Vorwurf, sprächen zu wenig;
das bestätigt auch die IQB-Studie. Hinzu kommt, dass es sächsischen Schulen an
Kontakten mangelt: Nur 57 von fast 1500 Schulen haben eine Partnerschaft mit
Einrichtungen in englischsprachigen Ländern, sachsenweit sind nur 49 Muttersprachler als
Fremdsprachenassistenten im Einsatz – bei mehr als 400.000 Schülern.
Im Freistaat fehlt es nach wie vor an Internationalität
»Wir versuchen seit Jahren, Kontakte aufzubauen. Aber das Interesse in England erlahmt
meist schon wegen der zu großen Entfernung«, sagt Englischlehrerin Katrin Mulcahy, die
selbst mit einem Engländer verheiratet ist. Rhein und Mosel seien den Briten eben näher als
die Lausitz.
Ohnehin ist die Schuld für das sprachliche Leistungsgefälle zwischen West und Ost
nicht allein in Lehrerzimmern zu suchen. Schließlich fehlt es im Freistaat insgesamt
an Internationalität, an Fremdsprachenerfahrungen in Elternhäusern und nicht zuletzt
an Alltagsbegegnungen mit Ausländern. Ein Land mit nur 2,8 Prozent Ausländeranteil
bietet wenige Chancen zum Englischaustausch. Zudem hatten viele Eltern der heutigen
Schüler selbst wenig bis gar kein Englisch in der Schule, weil es in der DDR Wahlfach
war. Hinzu kommt die hohe Arbeitslosigkeit: Etliche Kinder seien seit Jahren nicht im
Urlaub gewesen, erzählt Katrin Mulcahy, die auch die Pressearbeit des Sächsischen
Lehrerverbandes verantwortet. Als sie mit einer zehnten Klasse nach England flog, hatte
jeder dritte Schüler noch nie zuvor ein Flugzeug bestiegen.
Das hohe Durchschnittsalter der Lehrer ist indes nicht nur Teil des Problems, sondern auch
Teil der Lösung: Von den knapp 2400 Englischkollegen an Sachsens Mittelschulen und
Gymnasien ist fast jeder Zweite 50 Jahre und älter, aber nur jeder Fünfzehnte ist unter 40.
Damit ist klar, dass bald eine neue Lehrergeneration nachrücken wird. »Das Problem wird
sich auswachsen«, meint Mulcahy und hofft: In einigen Jahren fällt auch die IQB-Studie
anders aus. Künftige Gäste des Semperopernballs dürfen hoffen.

Alles außer Englisch

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