Chinesische Zeichen

Thomas Rötting leitet das einzige ostdeutsche Konfuzius-Institut

DIE ZEIT, 9.Dezember 2010

Fünf Minuten vom Leipziger Markt entfernt liegt China: Die Volkszeitung aus Peking wird tagesaktuell geliefert, über tausend chinesische Titel füllen Bibliotheksregale, auch DVDs mit Seifenopern aus der Volksrepublik. Es wird halbfermentierter Oolong-Tee in dünnem Porzellan serviert, und vom Gemurmel aus den Arbeitszimmern versteht man kein Wort. Hier im kleinen, exklusiven Reich von Thomas Rötting, dem Geschäftsführer des Leipziger Konfuzius-Instituts. Es ist das einzige im Osten Deutschlands, und ein sehr gefragtes dazu.
Seit der Eröffnung 2008 kommen immer mehr Menschen in die Sprachkurse. Jährlich 200 Schüler und Erwachsene erlernen bereits den Sound des Mandarins und seine Schriftzeichen, doppelt so viel Neugierige besuchen die Schnupperstunden. Enthusiasten sind darunter, Schüler, Manager oder Konsulats-Mitarbeiter. Drei Dozenten der Pekinger Renmin-Universität und eine Direktorin hat China nach Leipzig entsandt, um ihre Muttersprache und die Kultur ihrer Heimat zu vermitteln: von der Kalligraphie bis zur Teezeremonie. Leipzig bot sich als Standort an. Hier gibt es einen der ältesten Lehrstühle für Sinologie in Deutschland, und Pekings Bildungsministerium fand im Emeritus und Konfuzianismus-Experten Ralf Moritz einen geeigneten Gründungsdirektor. Der heute 31 Jahre alte Thomas Rötting wurde Institutsleiter. Mit 18, auf einer Radtour durch Vietnam, Laos und Thailand, hat ihn das Asien-Fieber gepackt. Er begann ein Sinologie-Studium in Leipzig, lernte zwei Jahre in der Küstenstadt Xiamen, leitete Fahrradreisen – und startete die Aufbauarbeit für das Institut. »Seit der Hype um China ausgebrochen ist, sind meine Eltern beruhigt, dass Sinologie kein brotloses Hobby mehr ist«, sagt Rötting. Und er hat Erfolg: Ende 2009 wurde die Leipziger Neugründung zum »Konfuzius-Institut des Jahres« gekürt; unter 310 Einrichtungen in 88 Ländern.
»Chinesisch ist einfacher als man denkt«, meint Rötting. Es komme ohne Alphabet und Grammatik aus, aber nicht ohne Bilder. Familie etwa heißt »ein Schwein unterm Dach haben«. Um die 2000 gebräuchlichsten Schriftzeichen zu lernen, braucht man Disziplin. Und ein gutes Gehör: »Ma« bedeutet je nach Aussprache Mutter, Hanf, Pferd oder Schimpfen. Rötting kennt die feinen Unterschiede. Und er weiß um die Gratwanderung, Kulturbotschafter eines Landes zu sein, das Kritiker brutal verfolgt. »Eine Free-Tibet-Veranstaltung würden wir wohl nicht machen. Aber es gibt keine Vorgaben, keine Verbote«, sagt Rötting. Seine Kollegen in Nürnberg hätten mal Dissidenten zu einer Lesung eingeladen – der Affront sei folgenlos geblieben. Das liegt wohl auch daran, dass Konfuzius-Institute stets deutsch-chinesische Gemeinschaftsgründungen sind, um beide Seiten einzubinden. Rötting kann damit gut leben: »Wir sind hier“, sagt er, »kein Vorposten der Staatspartei.«

Chinesische Zeichen

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