Aus Dresdner Sicht

Panoramablick im Plattenbau

Geo Special Dresden, Leipzig und Weimar (Nr. 3 Juni/Juli 2007)

In meiner Kindheit war der 13-Geschosser eine gute Adresse, aber heute leben hier neben Rentnern und Studenten auch viele Hartz-IV-Empfänger. So ein Milieu hatte ich nicht erwartet. Aber dafür habe ich von meinem Balkon den schönsten Panoramablick auf die Stadt: die Frauenkirche, die Elbdampfer und bei klarem Wetter eine Aussicht bis Radebeul. Seit ich hier wohne, gucke ich nicht mehr fern. Ich gucke Dresden.
Jede freie Minute nutze ich für Streifzüge durch die Stadt, oft auch dienstlich, weil ich für ein Internet-Portal Fotos von Gebäuden mache und Namen von Geschäften recherchiere. Für den Job habe ich meine Heimat Senftenberg verlassen. Meine große Dreizimmer-Wohnung mit Dachgeschoss habe ich gegen die kleine Platte eingetauscht – für die gleiche Miete. Aber ich wollte mich nicht übernehmen.
Es war schmerzlich für mich, aus der Lausitz wegzuziehen. Aber immer mehr Bekannte und Kollegen gehen fort; auch mein Sohn studiert längst in Dresden Informatik. So brechen in der Heimat die alten Netzwerke zusammen, und übrig bleiben die, die nicht mehr weiter wollen. Also bin ich gegangen, mit fast 50 Jahren, und mein Lebensgefährte macht sich wohl auch bald auf den Weg. Zu DDR-Zeiten hatten wir es nicht nötig, nach Dresden zu ziehen. Ich war Chemikerin in einer Kokerei, und alle hatten Arbeit.
Damals war das hier das „Der-Sozialismus-siegt-Haus“. Der Spruch stand riesengroß auf dem Dach. Im Erdgeschoss gab’s einen Exquisit- und einen Delikat-Laden. Da haben meine Eltern mit mir eingekauft und anschließend auf der Terrasse des „Gastmahl des Meeres“ gegessen. So wie die Wohnungen heute aussehen, denkt man allerdings, der Sozialismus habe tatsächlich gesiegt. Aber in den nächsten Jahren soll das Hochhaus verkauft und saniert werden. Ich hoffe, dann kann ich mich hier wirklich wohlfühlen, und es ziehen noch viel mehr kreative Menschen ein.

Panoramablick im Plattenbau

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