Fulltimejob im „Butzemannhaus“

Sven Heitkamp hat die Tagesmutter Kyrstie Berger in Leipzig besucht und erzählt, wie sie ihren Alltag meistert.

ÖKO TEST, April 2011

Turnen mit Kleinkindern folgt eigenen Gesetzen. Den Gesetzen der Anarchie. Ein gewöhnlicher Mittwochmorgen gegen halb zehn, ein Sportraum einer Ergotherapie in Leipzig. Kyrsti Berger hockt auf dem warmen blauen Teppich, klatscht in die Hände: „Wir wollen alle singen, singen. Guten Tag.” Bennett, 16 Monate und neu hier, durchkaut konzentriert seinen Nuckel und klammert sich an seinen grünen Stofffrosch. Sonst tut er nichts.

Während sich die Tagesmutter voller Inbrunst durch die Liedstrophen winkt, klopft und tippt, machen Carlotta, Leni und Janis alles Mögliche: ungläubig staunen, krabbeln, laufen üben. Und mitunter machen sie auch mit. Vor allem Fiona, mit drei Jahren die älteste der Gruppe und auf dem Absprung in den Kindergarten, begleitet konzentriert die Übungen.

Die fünfköpfige Truppe stellt die aktuelle Bewohnerschar des „Butzemannhauses“, wie Kyrsti ihre Tagespflege getauft hat. Die Kinder-WG im gutbürgerlichen Waldstraßenviertel trifft sich in ihrer schön sanierten Altbauwohnung im ersten Stock eines Gründerzeithauses: Vier Zimmer, 130 Quadratmeter, Stuck. Hier wohnt die 40-Jährige mit ihrem Mann und ihrer sieben Jahre alten Tochter. Die große Tochter ist mit 21 ausgezogen. Dass in der Wohnung Kinder das Sagen haben, ist nicht zu übersehen: Im Flur eine Tafel mit Wochenplänen, Babyfotos und Selbstgemaltes an den Wänden, Erziehungsratgeber im Bücherregal.

In der liebevollen Umgebung läuft der Alltag wie am Schnürchen. „Alles eine Frage des timings und der Vorbereitung”, sagt Kyrsti. „Wenn das gelingt, bringst du die Kinder gut über den Tag.” Doch Tagesmutter sein, ist ein Fulltimejob mit großer Verantwortung. Schon morgens um 6 Uhr stehen sie und ihr Mann am Herd, bereiten das Mittagessen vor. „Immer frische Zutaten”, betont Kyrsti. Die ersten Kinder kommen um 7 Uhr, weil ihre Eltern in einer Klinik arbeiten. Nach dem Morgenkreis um 9 Uhr ist Zeit fürs Spielen im großen Kinderzimmer zwischen regalweise Spielsachen, Büchern und dem rosa Prinzessinnenzelt.

Nach einer Stunde fährt Kyrsti dann die Kinder mit einem aufgemöbelten Krippenwagen aus DDR-Zeiten auf Spaziergänge, auf Spielplätze, in den Umweltgarten, den Zoo oder die Turnhalle. Später wird sie mit den Kindern die Erlebnisse verarbeiten: Frösche basteln, Gänseblumen malen, Bilder einkleben, Fußabdrücke machen. „Jedes Kind nimmt bei den Unternehmungen etwas für sich mit, egal wie alt es ist”, sagt Kyrsti. In einem dicken Ordner werden die Kunstwerke dokumentiert.

Sachsen hat einen Bildungsleitfaden auch für Kleinstkinder verfasst, der für sie wichtige Richtschnur ist. „Die Dokumentation hilft mir, meine Arbeit zu reflektieren, Fähigkeiten und Stärken der Kinder wahrzunehmen und lösungsorientiert zu handeln“, so Kyrsti. An regelmäßigen Elternabenden und in vielen Einzelgesprächen wird zudem die Entwicklung der Kinder besprochen.

Wer neu in die Gruppe kommt, muss allerdings ein Weile eingewöhnt werden. In den ersten Tagen bleiben die Eltern noch da, dann ziehen sie sich Stunde um Stunde mehr zurück. „Die Phase kann drei Tage, aber auch vier Wochen dauern. Je nach Alter und Charakter des Kindes“, erzählt Kyrsti. „Und je nachdem, wie schnell die Eltern loslassen können.“

Nach den Ausflügen ist stets Töpfchenzeit: Man thront in Reihe mit dem Rücken zur Badewanne, und bekommt eine frische Windel, nur die Größte kann aufs Klo. Für jedes Kind liegen eigene Windeln, Cremes und Wechselsachen bereit. Die Eltern haben ihre individuellen Wünsche, deshalb bringen sie eine kleine Ausstattung mit. Langsam steigt der Lärmpegel, die Kinder werden unruhig, müde oder einfach hungrig. „Sie müssen auch mal ihren Stress loswerden”, sagt Kyrsti gelassen, während sie nun besonders viel streichelt, tröstet, in den Arm nimmt.

Es scheint, als hätte sie sechs Arme – denn bereits wenige Minuten später dampfen auf dem Zwergentisch in der Küche fünf Teller mit Nudeln und Tomatensoße. Ohne Protest lassen sich die Kinder Lätze umbinden und fangen an, zu essen. „Die Kleinen müssen lernen, den Alltag zu meistern, ohne dass gleich die Mama kommt. Das stärkt ihr Selbstwertgefühl und die Sozialkompetenz”, sagt die Tagesmutter. Und das klappt erstaunlich gut: Rasch kehrt Ruhe ein, es wird eifrig gelöffelt. Nur Feuchttücher und Küchenrolle müssen jederzeit parat stehen.

Mit vollen Bäuchen und gewaschenen Gesichtern lassen sich Carlotta, Leni, Fiona und Janis bereitwillig in die Reisebetten im Kinderzimmer legen. Bennett, der erst ein paar Tage dabei ist, darf vorerst allein ins Schlafzimmer der Bergers. Noch ein Schlaflied, und mit der Spieluhrmelodie kehrt Stille ein im Butzemannhaus. Kyrsti kann endlich durchatmen. Eine wichtige Etappe des Tages ist geschafft. Nach dem Aufwachen gibt es noch Obststückchen und Zeit zum Spielen. Etwa 16 Uhr werden dann alle Kinder abgeholt.

Eigentlich ist die Tagesmutter gelernte Altenpflegerin. Doch nach Jahren der stationären Schwerstbetreuung und Sterbebegleitung – und nach der Geburt ihrer zweiten Tochter – entschied sie sich für den Wechsel. Im Oktober 2004 eröffnete sie das Butzemannhaus, das seither immer ausgebucht ist: Kyrsti Berger genießt einen guten Ruf. Der hilft ihr, während die Zahl der Kollegen in Leipzig beständig wächst – auf mittlerweile etwa 1000 Tagesmütter und -Väter.

Die Auflagen der Stadt sind mit den Jahren allerdings schärfer geworden. Ohne einen Grundkurs von 30 Stunden und einen Aufbaukurs von 160 Stunden zur Kindertagespflege nach dem Curriculum des Deutschen Jugendinstituts wird eine Tagesmutter nicht mehr zugelassen. „Außerdem machen wir jedes Jahr 60 Stunden Weiterbildung”, erzählt Kyrsti. Vor allem aber braucht man Leidenschaft, Gelassenheit und gute Nerven. „Aber wenn die Kinder das erste Mal ihre Arme nach mir ausstrecken und mich unvermittelt drücken – dann werde ich für meine Arbeit belohnt.“

Was kostet eine Tagesmutter?
Die Kosten eines Betreuungsplatzes in der Kindertagespflege werden in der Regel von den Eltern sowie von Land und Kommune getragen. Wie hoch sie sind, hängt davon ab, wieviel die öffentliche Hand übernimmt. Dabei werden die Zuschüsse teils auch nach den Einkommen der Eltern gestaffelt. Ein Richtwert des Tagesmütter-Bundesverbandes liegt bei 5,50 Euro pro Stunde, nach 160 Stunden im Monat also bei 880 Euro. Eine solche Spitzenbelastung ist für Eltern jedoch die Ausnahme. In Leipzig belaufen sich die Kosten der Eltern für Betreuung und Essen beispielsweise auf etwa 150 bis 200 Euro. Tagesmütter erhalten dort etwa 500 Euro für einen 9-Stunden-Betreuungsplatz.

Tagesmütter

In guten Händen
Sie suchen eine individuelle Betreuung für Ihr Kind? Sie möchten, dass es tagsüber wie in einer Familie leben kann? Dann ist eine Tagesmutter genau das Richtige.

Wie viele Tagesmütter gibt’s?
2010 zählte das Statistische Bundesamt 40 900 Tagesmütter und Tagesväter. Im Jahr zuvor waren es 2200 und in 2008 noch einmal 2300 weniger. Der Anteil der Männer liegt bei zwei bis drei Prozent. Durchschnittlich betreuten Tagesmütter 2,7 Kinder. In der Summe gibt es damit derzeit rund 112 000 mit öffentlichen Mitteln geförderte Pflegeplätze. Dies bedeutet einen Zuwachs um rund 14 Prozent. Dieser Anstieg sei zum Großteil mit dem Ausbau der Kindertagespflege für unter 3-Jährige zu erklären – fast 72 000 Kinder in Tagespflege seien jünger als drei Jahre, so die Statistiker.

Warum Tagesmutter?
Als unschätzbarer Vorteil gilt vor allem die geringe Anzahl der betreuten Kinder und die Familiennähe: Tagesmütter dürfen in der Regel maximal fünf fremde Kinder betreuen. Damit ist ein enger Bezug gewährleistet. Die zumeist Ein- bis Dreijährigen können individueller betreut werden, die Tagesmutter lernt nach kurzer Zeit deren Bedürfnisse und Eigenheiten kennen. Nachteilig wirkt sich aus, dass Tagesmütter bei Urlaub, Krankheit oder Erkrankung des eigenen Kindes teils kurzfristig ausfallen und oftmals keinen Ersatz anbieten können.

Was sagt das Gesetz?
Die Kindertagespflege ist im Achten Buch des Sozialgesetzbuches (SGB VIII) geregelt. Demnach benötigt eine Person, die mehr als 15 Stunden wöchentlich Kinder gegen Entgelt betreuen will, eine Erlaubnis. Dazu muss sie sich laut Gesetz durch Persönlichkeit, Sachkompetenz und Kooperationsbereitschaft mit den Erziehungsberechtigten auszeichnen, über kindgerechte Räumlichkeiten und „vertiefte Kenntnisse“ in der Kindertagespflege verfügen, die sie „in qualifizierten Lehrgängen erworben hat“. So gibt es ein Curriculum des Deutschen Jugendinstituts zur Qualifizierung in der Tagespflege. Zuständig sind in der Regel die Jugendämter.

Worauf achten?
Wer eine Tagesmutter für sein Kind sucht, kann neben der persönlichen Sympathie auf einiges achten, zum Beispiel: – Hat sie (oder er) eine Ausbildung nach dem Curriculum des Deutschen Jugendinstitutes absolviert? – Kann sie eine Konzeption vorweisen? – Lädt sie zum Gespräch ein und kann auf das Kind zugehen? – Fragt sie nach Erziehungsvorstellungen? – Gibt es eine dem Kind gerechte Eingewöhnungsphase? – Ist die Wohnung groß genug für bis zu fünf Kinder, ist diese sauber, ordentlich, hell, anregend, freundlich, kindgerecht? – Gibt es einen Garten oder einen nahen Spielplatz? – Wie ist die Kindergruppe zusammengesetzt? – Gibt es altersgerechte, fantasieanregende Spielmaterialien? Oder läuft den ganzen Tag der Fernseher? – Bietet die Tagesmutter auch zwischen den Mahlzeiten frisches Obst oder Gemüse an? – Wird die Entwicklung zu einer eigenständigen Persönlichkeit gefördert? – Gibt es klare Rahmenbedingungen und werden sie artikuliert? – Wie werden Ausfallzeiten organisiert, gibt es eine Vertretungsmöglichkeit? – Gibt es Absprachen für Notfälle? Auf jeden Fall sollte ein schriftlicher Betreuungsvertrag abgeschlossen werden.