Vom Lehrstuhl ins Ministerium

Die parteilose Völkerrechtsexpertin Sabine Freifrau von Schorlemer ist sächsische Wissenschaftsministerin

DIE WELT, 02. Oktober 2009

Dresden – Prof. Dr. jur. habil. Dr. rer. pol. habil. Sabine Irene Freifrau von Schorlemer: Der volle Titel der renommierten Dresdner Völkerrechtsexpertin vermittelt einen ersten Eindruck vom Pensum, das die Mutter von drei Kindern offenbar gewohnt ist, an den Tag zu legen. Das dürfte in Zukunft kaum besser werden. Seit Mittwoch ist sie Wissenschaftsministerin in Sachsen – Regierungschef Stanislaw Tillich (CDU) hatte die Topjuristin überraschend in sein neues Kabinett berufen. Die meisten ihrer akademischen Titel hält sie allerdings selbst für entbehrlich. “Sagen Sie einfach: Staatsministerin von Schorlemer”, beantwortet die 50-Jährige unprätentiös erste Fragen nach der korrekten Anrede.

Kaum zwei Stunden ernannt, kontert die zierliche Frau mit den hellblauen Augen, den hochgesteckten Haaren und der Perlenkette souverän den Ansturm der Journalistenfragen. In den Medien war sie bisher weitgehend unbekannt, nun ist sie der Star an diesem Tag. Mit ihr hat sich Regierungschef Tillich einen unabhängigen Geist ins sächsische Kabinett geholt, der für manche Kontroverse sorgen könnte. Neben Finanzminister Georg Unland, dem früheren Rektor der Bergakademie Freiberg, ist von Schorlemer nicht nur die zweite Berufung aus einer Hochschule, sondern auch die zweite Parteilose. Dass sie den Mut zur offenen Debatte hat, hat von Schorlemer bereits bewiesen. Als Mitglied der Deutschen Unesco-Kommission legte sie sich ausgerechnet mit dem Lieblingsbauprojekt der Dresdner CDU an, dem Bau der Waldschlösschenbrücke. In einem Aufsatz bezeichnete sie das Projekt als “einzigartigen Akt der kulturellen Selbstverstümmelung”. In Leipzig wohnend, empfand sie die Brückengeschichte als Provinzposse und warf der handelnden Politik Ignoranz vor. Die Kontroverse hat sie allerdings nicht davon abgehalten, den weltweit ersten Unesco-Lehrstuhl für “Internationale Beziehungen” an die TU Dresden zu holen.

Offenkundig verspricht sich von Schorlemer auch in der CDU-FDP-Regierung noch einigen Freiraum. Kunst, Kultur und Wissenschaft, sagt sie, “kennen keine parteipolitischen Grenzen”. Wissenschaft, Forschung und Kunst seien vielmehr die Zukunftsfelder, die die Grundlagen eines jeden Landes bildeten. Wie kaum ein anderes Kabinettsmitglied bringt von Schorlemer internationale Erfahrung mit. Sie studierte Rechts- und Politikwissenschaften sowie Kunstgeschichte in Berlin, München, Hamburg und Lausanne, sie lehrte als Professorin in Genf, Basel und Graz, sie arbeitete seit Jahren in internationalen Expertenrunden und war langjährige Beraterin des Auswärtigen Amtes. Dass sich die gebürtige Kölnerin vor neun Jahren für Sachsen entschied, hängt auch damit zusammen, dass sie 2000 den Lehrstuhl für Völkerrecht, EU-Recht und Internationale Beziehungen an der TU Dresden erhielt. TU-Rektor Hermann Kokenge nennt die Ernennung seiner Kollegin einen “Glücksgriff für Sachsen”. Privates erfährt man kaum über die so Gelobte – so sehr man über ihre akademischen Weihen Bescheid weiß, umso weniger erfährt die Öffentlichkeit über ihr Privatleben. In Familiendingen hält sich die Freifrau aristokratisch bedeckt.

Vom Lehrstuhl ins Ministerium

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