Neue Brücken, alte Gräben

Dresden baut unverdrossen weiter an der umstrittenen Waldschlösschen-Querung über die Elbe - und hofft nun auf einen anderen Welterbe-Titel

DIE WELT, 26. Januar 2010

Die Blamage war perfekt, als das Unesco-Komitee zu seiner Tagung in Sevilla zusammenkam: Mit Zweidrittelmehrheit befürworteten 14 der 21 anwesenden Mitglieder, Dresden seinen renommierten Titel als Welterbestätte nach nur fünf Jahren wieder abzuerkennen. Wegen des sturen Festhaltens am Bau der Waldschlösschenbrücke über die Elbe gehört Sachsens Landeshauptstadt damit zu jenen zwei Orten auf dem Globus, die von der erlauchten knapp 900 Titel langen Welterbeliste wieder gestrichen wurden – zusammen mit dem Sultanat Oman.

Mehrere Hundert erzürnte E-Mails gingen damals, im Juni 2009, im Dresdner Rathaus ein. Doch es scheint, als ließe sich trotz des ramponierten Images ganz ungeniert weiter bauen. Die Arbeiten an Deutschlands umstrittenster Flussquerung laufen seither jedenfalls hartnäckig weiter, aufgehalten höchstens vom Frost: An den Ufern ragen die künftigen Pfeiler aus dem Boden, die Tunnelzufahrten sind im Rohbau bald fertig, und auf der Altstädter Seite wird jener 1800 Tonnen schwere Stahlkoloss vollendet, der bald über die Elbe führen wird. Im Frühjahr soll der komplette Brückenbogen mit einer ingenieurtechnischen Meisterleistung auf Pontons über den Fluss geschoben werden. Vom Spätsommer 2011 an dürfte dann der Verkehr über das 160 Millionen Euro teure Projekt rollen.

Bei allem Baulärm hat sich auch die Begleitmusik der berühmt-berüchtigten Baustelle seit Sevilla kaum verändert: Das Rathaus informiert die Öffentlichkeit wöchentlich über den aktuellen Baufortschritt, eine wohlgesonnene Bürgerinitiative lädt regelmäßig zum “Brückenpicknick” ein – und selbst die Projektgegner haben trotz aller Niederlagen beschlossen, ihr Engagement unverdrossen fortzusetzen.

Schließlich wird von den Kompromissen, die eine Kommission um den früheren Frauenkirchen-Baudirektor Eberhard Burger noch 2008 zur Versöhnung mit der Unesco suchte, mittlerweile wieder Abstand genommen: Fußgängertreppen, die Burger entfernen wollte, um der Brücke ein Stück ihrer Klotzigkeit zu nehmen, könnten nun wieder eingefügt werden. Der Stadtrat will bald darüberentscheiden.

Doch zu allem, was Welterbe heißt, geht das Rathaus vorerst auf Distanz. Ein Welterbe-Informationszentrum im Lingnerschloss unweit der Brückenbaustelle wurde zum Jahreswechsel geschlossen, und aus der Organisation der deutschen Welterbestätten trat die Stadt unter Protest aus: “Der Verein hat uns überhaupt nicht unterstützt”, kritisiert Stadtsprecher Kai Schulz. “Es wurde nicht einmal der Versuch unternommen, einen Ausgleich zu finden.” Ansonsten ging Dresden vorerst auf Tauchstation, eine offensive Imagekampagne wurde bewusst vermieden. Es galt, die Öffentlichkeit nicht länger an das Brücken-Drama zu erinnern.

Dresden aber wäre nicht Dresden, wenn nicht wieder ein neuer Anlauf für einen anderen Welterbe-Titel diskutiert werden würde. Bisher war das etwa 18 Kilometer lange Elbtal mit seiner Kulturlandschaft von Pillnitz bis hinter die Altstadt von der Unesco ausgezeichnet worden. Künftig könnten es andere Ausschnitte von Elb-Florenz sein, vor allem die Altstadt samt Frauenkirche und Grünem Gewölbe, Zwinger und Semperoper.

Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) hat durchblicken lassen, dass sie sich eine neue Bewerbung durchaus vorstellen könne. Immerhin vermerkt das Protokoll von Sevilla ausdrücklich, dass “eine erneute Nominierung des Dresdner Kulturerbes vorstellbar” sei. Die Entscheidung darüber gilt allerdings als “eine Sache von mehreren Jahren”, schränkt Rathaussprecher Kai Schulz ein. Man wolle derzeit “keine neuen Gräben aufreißen” und den Waldschlösschen-Streit, der die Stadt so heftig entzweite, “erst mal sacken lassen”.
Auch Dresdens neue Marketingchefin Bettina Bunge reagierte zunächst gelassen: Die Aberkennung des Welterbes habe auf die Tourismusbranche nur geringe Auswirkungen gehabt, Buchungsrückgänge gäbe es kaum. Ohnehin seien wegen des Unesco-Titels schon früher nur 2,9 Prozent der inländischen Reisenden in die Stadt gekommen, rechnet sie vor. Ihre Marketing-Gesellschaft startete daher verschiedene Aktionen im In- und Ausland. “Wir müssen Dresden permanent neu inszenieren und über attraktive Reiseanlässe kontinuierlich berichten”, so Bunge. “Als Stadt der Musik, der Kunst und des Theaters, der Feste, der Museen, der Tagungen und Kongresse können wir das vielseitige Dresden immer wieder neu ins Licht setzen.” Positive Schlagzeilen kann Dresden dringend brauchen.

Neue Brücken, alte Gräben

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