„Leitwolf in einem hervorragenden Rudel"

Lothar Späth im Interview über seinen Weggefährten Kurt Biedenkopf

LVZ, 28. Januar 2010

Leipzig/Leonberg. Lothar Späth ist einer der engen Weggefährten Kurt Biedenkopfs. Anlässlich des 80. Geburtstages blickt er zurück auf die gemeinsame Zeit im Osten.

Frage: Sie gelten als derjenige, auf dessen Betreiben Kurt Biedenkopf 1990 für die CDU nach Sachsen ging. Wie lief das damals?

Lothar Späth: Die Baden-Württembergische CDU hatte eine Patenschaft mit den Sachsen geschlossen, um denjenigen zu helfen, die politische Verantwortung übernehmen wollten. Als Ministerpräsident Baden-Württembergs war ich damals in die Sache involviert. Auf der Suche nach einem Ministerpräsidenten-Kandidaten gab es einige Gespräche auch mit der Gruppe der 20 in Dresden. Der Bürgerrechtler Arnold Vaatz und andere reklamierten, dass es keine Einigung geben könne, wenn man jemanden aus der alten Ost-CDU nehmen würde. Das könnte zu einem politischen Sprengsatz werden.

Frage: Sie haben dann im Westen gesucht?

Späth: Ich habe im Osten und Westen mit einigen Personen Gespräche geführt, das hat mich aber nicht weitergebracht und kurz vor der entscheidenden Sitzung hat mir auch ein von einer Reihe sächsischer Mandatsträger vorgeschlagener Kandidat abgesagt. Beim Grübeln wer denn der richtige sein könnte, kam mir die Erleuchtung: Ich erinnerte mich an einen Sparziergang, den ich im Sommer in Dresden mit Kurt Biedenkopf machte, der damals an der Uni Leipzig lehrte. Er sagte damals ganz spontan: Die Aufgabe des Ministerpräsidenten in Sachsen ist eine große Herausforderung, das würde mir Spaß machen. Damals war ich noch auf der Suche nach einem ostdeutschen Kandidaten und jetzt fiel mir Biedenkopf wieder ein.

Frage: Es soll dann ein nächtliches Telefonat gegeben haben …

Späth: Es war Sommer und ich habe ihn nachts gegen halb eins in seinem Haus am Chiemsee angerufen. Zuerst kam die besorgte Frage: Ist was mit den Kindern? Und ich sagte: Mit den Kindern ist alles in Ordnung. Aber könntest du dir vorstellen, Ministerpräsident in Sachsen zu werden? Am nächsten Morgen um 8 Uhr sollte in Chemnitz die Entscheidung fallen, Biedenkopf wollte aber erst darüber schlafen. Geschlafen hat er dann vermutlich nicht mehr, aber mir am nächsten Morgen sein Einverständnis unter der Bedingung gegeben, dass die CDU hinter ihm steht. Da merkte ich, dass er schon Feuer gefangen hatte. Als ich ihn schließlich im Laufe des Tages wieder erreichen konnte, hatte er schon im Radio gehört, dass er es machen soll.

Frage: Warum Biedenkopf für Sachsen?

Späth: Biedenkopf hatte den idealen Lebenslauf für die Aufgabe. Er wusste, wie Parteien funktionieren und er brachte einen umfassenden Sachverstand mit – und es wurde ja für Sachsen eine Erfolgsstory.

Frage: Was war das Geheimnis dieses Erfolgs?

Späth: Er war richtig verliebt in diese Aufgabe, in die Idee „Sachsen”. Man hat gemerkt, dass da sein Adrenalinspiegel steigt. Diese Begeisterung war es und seine Klugheit. Er hat den Menschen gezeigt: „Wir packen das!” Zudem ist Kurt Biedenkopf jemand, der gern allein Verantwortung übernimmt. Er hat sich mehr Sorgen über die Finanzprobleme der neuen Länder gemacht als wir alle zusammen. Er hat das Amt als vaterländische Aufgabe gesehen und das haben ihm die Menschen abgenommen.

Frage: Wie ist es ihm gelungen, Sachsen zum wirtschaftlichen Musterländle zu machen?

Späth: Er hat von vornherein davor gewarnt, das Geld mit vollen Händen auszugeben. Er hat die Finanzlage deutlich gemacht und gesagt: Wir können uns nicht alles gleichzeitig leisten, sondern müssen uns auf einen langen Marsch einstellen. Und er hat davor gewarnt, Neid in den alten Ländern zu wecken. Außerdem hat er von allen Fachbereichen etwas verstanden. Er war der Leitwolf in einem hervorragenden Rudel.

Frage: War nicht auch historisches Glück dabei? Während er den Aufbau gestalten konnte, müssen seine Nachfolger den Rückbau moderieren …

Späth: Durch die absoluten Mehrheiten hatte er die Chance, sehr entscheidungsorientiert ohne Rücksicht auf Koalitionen zu arbeiten. Da waren die Erfolge schnell sichtbar. Derjenige, der den Aufbau leitet, hat natürlich eine große Erfolgsbilanz aufzuweisen und seine Nachfolger haben es umso schwerer, weil sie objektiv nicht im selben Tempo agieren können.

Frage: Ist Biedenkopf nicht auch ein Phänomen der Widersprüche: „König Kurt”, der Professor mit dem autokratischen Führungsstil, der sich zu wenig um die Belange des Landes kümmerte, der Sachsen als Bühne für die Bundespolitik nutze – und der dennoch den Menschen Selbstvertrauen gab?

Späth: Es ist ihm aber gelungen, genau diesen Widerspruch aufzulösen. Er hat den Sachsen gezeigt: „Ihr seid spitze! Wir sind die Nummer 1.” Da konnte er „den guten König Kurt” spielen und auch viele Aufgaben an sein gutes Team delegieren.

Frage: Welche Fehler oder Versäumnisse sehen Sie im Rückblick?

Späth: Die gibt es sicher, auch Biedenkopf würde heute wohl dieses und jenes anders machen. Aber entscheidend ist die Erfolgsstory, die ihm keiner nehmen kann.

Frage: Am Ende wurde Biedenkopf von der eigenen Partei und durch manche Skandale vom Hofe gejagt. Haben Sie eine Erklärung für den unschönen Abgang?

Späth: Zu diesen internen Auseinandersetzungen kann ich wenig sagen, weil ich in Jena ganz anders und sehr stark eingebunden war.

Frage: Biedenkopf galt stets als Querdenker, als Unbequemer, er pflegte Kontakte zur SPD und zu Gewerkschaften und seine Feindschaft zu Helmut Kohl. War er je Parteipolitiker?

Späth: Er hat durchaus an der politischen Diskussion teilgenommen, auch als Querdenker. Aber er war ein Sachpolitiker, der erstmal ein Konzept schrieb, bevor er loslegte. Der akademische Hintergrund war da spürbar und er war offen auch für Gespräche mit politischen Gegnern. Helmut Kohl dagegen verkörperte schlicht die CDU.

Frage: Wenn Sie morgen in Dresden zu „Bikos” 80. Geburtstag erscheinen. Was werden Sie sagen, ist Biedenkopfs größte Lebensleitung?

Späth: Dass er die Gründung und den Aufbau Sachsens in so einer großartigen Weise gemeistert hat.

Interview: Sven Heitkamp

Leitwolf in einem hervorragenden Rudel

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