Der Eastman des Ostens

George Eastman hat mit seiner Kodak vor gut hundert Jahren eine Revolution in der Fotografie eingeleitet. Hans Dieter Lindemeyer will den Erfolg wiederholen: Im Web soll es für Freunde der digitalen Fotografie einen Totalservice geben. Schnappschüsse im digitalen Zeitalter.

Juli 2000

„You press the button. We do the rest.“ Mit diesem Slogan kündigte George Eastman vor fast 120 Jahren eine Revolution in der Fotografie an. Der New Yorker Tüftler hatte 1879 in der Küche seiner Mutter den Rollfilm erfunden, ein mit einer Gelatine-Emulsion beschichtetes Papier. Die passende Kamera kam 1888 ebenfalls aus dem Hause Eastman: eine handliche Box, in die ein Film mit bis zu hundert kreisrunden Aufnahmen passte. Die Schnappschuss-Kamera wurde samt belichtetem Film in die Eastman-Fabrik geschickt und kam mit einem frischen Negativfilm zurück. Die Zeit riesiger Plattenapparate und stechenden Pulverdampfs war damit abgelaufen. Über Nacht wurde das Ablichten der Gegenwart für jedermann möglich. Und Eastman ersann für sein Produkt einen Kunstnamen, der bis heute in jedem Winkel der Welt bekannt ist: Kodak.

Mehr als hundert Jahre später zeigt sich die nächste technische Revolution: das elektronische, das digitale Bild. Ihr deutscher Vorreiter heißt Hans Dieter Lindemeyer, seine Firma: Pixelnet. Seine Marke auf dem Weg zum möglichen Weltruhm: Orwo.
Die Idee: Amateure bearbeiten ihre digitalen Sonnenuntergänge und Hochzeitsfotos am heimischen PC und jagen sie durch die Leitungen des Internets in die Fotofabriken. Die schicken umgehend und portofrei Abzüge, Foto-CDs, Bürotassen, T-Shirts, Mousepads und sogar Torten zurück oder stellen die Motive in persönliche Alben des Kunden im Internet. Mit Zugriff für die ganze Familie und den Freundeskreis. Die Rechnungen liegen im gleichen Rahmen wie beim normalen Fotogeschäft: 18,90 Mark für 36 Farbbilder, 14,90 Mark für die Foto-CD, 28,80 Mark für beides zusammen. Das Web-Album gibt´s gratis dazu.
Papierbilder? Warum werden immer noch die Abzüge mitgeschickt? Nun, digitale Kameras sind qualitativ gut, die Bildbearbeitung am PC ist für Amateure ein weiterer Pluspunkt. Doch wer, wie die meisten, ein Foto auf Papier haben möchte, um es herzuzeigen, ins Album zu kleben oder was auch immer, der muss die digitale Abbildung auf einem Computerdrucker ausdrucken. Das ist sehr teuer – pro Bild zehn Mark und mehr – und nach ein paar Monaten sieht das Resultat alt aus.

Digitalkameras sind gut, aber die Leute wollen ihre Fotos in die Hand nehmen

Das Problem mit dem Drucken ist wohl auch ein Grund dafür, dass der Anteil von Digitalkameras mit 300000 Stück noch unter einem Prozent des Gesamtgeschäftes mit Fotoapparaten liegt. Doch Marktforscher prognostizieren, dass bereits 2002/ 2003 jede zweite neu gekaufte Kamera eine digitale sein wird. 2005 soll schon jedes zweite Bild ein elektronisches sein. Ein Riesengeschäft: Allein deutsche Amateure ließen 1999 nach Brancheninformationen mehr als fünf Milliarden Bilder abziehen und gaben insgesamt fürs Fotografieren 6,4 Milliarden Mark aus.
Hans Dieter Lindemeyer, 46, gelernter Diplom-Mathematiker und umtriebiger Unternehmer, liegt bei der digitalen Revolution vorn, weil er nicht an langfristige Verträge mit Großlabors und Filmherstellern gefesselt ist. So verzichtet seine Firma Pixelnet auf den Umweg über Drogerien. Die Filme werden im nächsten Briefkasten eingeworfen, die Bilder kommen – in jedem beliebigen Medium – postwendend zurück.
„Ostdeutschlands erfolgreichste Gründerfigur“ (»Die Welt«) nutzt dazu einen alten Fotostandort: Wolfen, wo die Wiege des Farbfilms steht. Die einstige DDR-Filmbude Orwo belieferte von hier aus bis zur Wende 75 Länder, darunter den ganzen Ostblock. Nach 1994 aber befand sich der Betrieb zweimal in Konkurs und Abwicklung. Dennoch erinnert Orwo, das steht für „ORiginal WOlfen“, an gute alte Traditionen.
Im ostdeutschen Chemiedreieck, in direkter Nachbarschaft zu Bitterfeld, stellte Agfa 1936 den weltweit ersten Farbfilm her. Nach dem Krieg ging Agfa in die Westzone und wurde in Leverkusen als Agfa-Gevaert ein neuer Konzern. Die Ostfabrik verlor indes 1964 einen juristischen Streit um den gemeinsamen Namen und taufte sich um. Heute kündet noch ein Filmmuseum vom einstigen Ruhm. Das Gelände, die Gebäude und die Markenrechte im Gesamtwert von etwa 40 Millionen hat das verzweigte Lindemeyer-Imperium im Herbst vergangenen Jahres von der Treuhand „für einen einstelligen Millionenbetrag“ erworben. In modernen Labors laufen seit der Jahreswende die ersten Papier- und digitalen Bilder vom Band. „Wir hatten bis Mitte Mai Aufträge von 60000 Kunden“, sagt Lindemeyer.
Doch die Zukunft plant er großformatig: Allein in Wolfen können jährlich 60 Millionen Bilder hergestellt werden, und die Obergrenze könnte schon nächstes Jahr erreicht sein. Bisher gibt es 36 Angestellte, die Beschäftigtenzahl soll aber in wenigen Jahren in den dreistelligen Bereich wachsen. Weitere Investitionen von 30 Millionen Mark sind geplant. Lindemeyer: „Den Löwenanteil wird die Datenanbindung verschlingen, damit die Drähte nicht ständig überlastet werden.“
Die Abwicklung der Geschäfte läuft indes nicht über die Orwo, sondern die Pixelnet AG. Der Zehn-Mann-Betrieb ist das Scharnier zwischen Kunde und Orwo. Vorstandschef des Unternehmens ist Matthias Sawatzky. Der 56-Jährige rollte schon einmal in den siebziger Jahren den Fotogroßhandel auf, indem er das Bilder-Geschäft in die Drogerien brachte. Im Vorjahr machte Pixelnet bei drei Millionen Umsatz noch eine Million Verlust. „In diesem Jahr wird der Umsatz 30 Millionen und 2001 dann 100 Millionen erreichen“, sagt Lindemeyer zuversichtlich. Am 21. Juni ging Pixelnet an die Börse. 3,3 Millionen Aktien wurden ausgeschüttet. Mit dem Geld, das der Börsengang in die Kassen spülte, hat die Firma ehrgeizige Pläne.

Pixelnet-Promotion: Wer viel fotografiert, bekommt einen Film geschenkt

Der Online-Fotodienst soll europaweit dezentral abgewickelt werden. In Oslo wird bereits das erste Auslandsbüro eröffnet. „Skandinavien ist wegen seiner Weitläufigkeit viel weiter in der Internetanbindung als Deutschland“, begründet Lindemeyer den Schritt in den Norden. Auch in Westeuropa sollen neue Partner aufgetan werden. „Aber nicht jedes Labor eignet sich für unsere Zwecke. Auch über Neugründungen müssen wir nachdenken.“ Parallel laufen Gespräche mit Online-Anbietern wie AOL und der Telekom, um massiv in den Markt vorzudringen.
Als Promotion-Trick verteilt Pixelnet inzwischen kostenlos 36er-Filme und Versandtaschen mit seinem Namen, auf denen das Prinzip erklärt wird. Die Strategen gehen gezielt an die Vielknipser: Sämtliche Urlauber eines großen Reiseveranstalters bekommen dieses Jahr einen Pixelnet-Film geschenkt. Und frisch gebackene Eltern erhalten den Film zum großen Windelpaket dazu. Auch Berufsgruppen wie Architekten und Ärzte, Sachverständige und Gutachter werden umworben. Insgesamt 1,6 Millionen Filme sollen so unter die Leute kommen. Große Pläne, aber Bescheidenheit gehört nicht zu den Tugenden Lindemeyers. So ist er sich „ziemlich sicher, dass wir auf dem Gebiet der digitalen Fotodienstleistungen Weltmarktführer werden“. Zudem will er bis 2001 neben der Lintec Computer AG (Börsengang 1998) und Pixelnet zehn weitere seiner Unternehmen an den Neuen Markt bringen und bis 2005 zum „europaweit agierenden Konzern für Informationstechnik werden“.
Kenner der Branche sind allerdings nicht ganz so sicher, dass die Lindemeyer-Strategie aufgeht. So könnte dem Autodidakten das Stammhaus Lintec AG aus dem Blick geraten: Die PC-Sparte aber ist immer noch die „cash cow“ des Konzerns. Lindemeyer sieht solche Skepsis gelassen. Er hat genug hinter sich, um sich nicht mehr so leicht aus der Fassung bringen zu lassen: Im Wendejahr 1990 stieg er im 14000-Seelen-Ort Taucha bei Leipzig ins Computergeschäft ein. Fuhr mit dem Trabi nach Hamburg, um Ersatzteile zu kaufen, schraubte die Kisten im Erdgeschoss seines Einfamilienhauses zusammen. „Ich hatte vorher noch nie einen PC gebaut. Aber alle wollten damals schnell Computer haben.“

Lindemeyers Pläne sind gewaltig, doch seine Gegner sind ebenfalls nicht klein

Die ersten Kunden waren vor allem Wissenschaftler, Institute und Firmen. Lindemeyers Motto lautete: „Alle Leistungen aus einer Hand“. Privatkunden kamen bald dazu. Der einstige Hochschuldozent und EDV-Organisator von DDR-Firmen wie VEB Exquisit und Robotron startete nach der Gründung seiner Firma „Soft- und Hardware Dieter Lindemeyer (SHL)“ im März 1990 eine regelrechte Roadshow und erhielt hunderte von Aufträgen. Er belieferte auch die Konkurrenz, wurde Großhändler. Läden in Halle, Arnstadt, Dresden, Chemnitz und Cottbus entstanden. Lindemeyer eroberte auch die jungfräulichen Märkte in Tschechien, Litauen und Weißrussland. Inzwischen hat Lintec Dependancen in Minsk und St. Petersburg, die die kostenlose Bildbearbeitungs- und Übertragungs-Software „pixel2pixel“ für Pixelnet mit entwickelt haben. Die Minsker Softwareschmiede bekam den Auftrag, für die Nationalbank und die Finanzämter in Weißrussland Programme zu liefern. „Man muss die Märkte mit der gebotenen Vorsicht aufbauen, mit den Leuten vor Ort eng zusammenarbeiten. Die einheimischen Kollegen kennen die Mentalität und die Märkte ihres Landes. Und sie haben die Beziehungen, die dort enorm wichtig sind.“
Die einstige One-Man-Show hat unterdessen große Ausmaße angenommen. Allein im Mutterhaus arbeiten heute 488 Beschäftigte. Insgesamt zählt die Lintec-Gruppe 650 Mitarbeiter, die dieses Jahr etwa 750 Millionen Mark umsetzen sollen. Wachstum ohne Ende, so scheint es. Doch Obacht.
Auch die Konkurrenz hat das Online-Geschäft mit Schnappschüssen im Sucher: Kodak, Agfa, Fuji rüsten in der ePhotography auf. Kodak bietet seit einigen Monaten über mehrere tausend Händler die Möglichkeit, Fotonet-Dienstleistungen, CDs und Disketten erstellen zu lassen. Wie der David Pixelnet bietet auch der Goliath Kodak elektronische Bilder vom Film und Papierabzüge vom Digitalformat an. Drei Vertriebswege stehen den Verbrauchern offen: über den normalen Fotohandel, über digitale Orderstations in Elektronikmärkten und vom heimischen PC aus. Im Juli 1999 begann die Offensive in Deutschland. Weltweit hat der Konzern nach eigenen Angaben schon 2,4 Milliarden Dollar im digitalen Markt umgesetzt.
Dennoch bleibt der Fotomulti zurückhaltend. Gunter Plapp, Kodaks Marketing-Manager für digitale Produkte, traut den hochfliegenden Prognosen für den Absatz im digitalen Fotomarkt nicht. „Die Aussagen sind sehr gewagt.“ Alles nur mehr digital fotografieren? Nein, meint Gunter Plapp. Das Auto werde schließlich auch nicht vom Flugzeug ersetzt: „Das wird nur eine Ergänzung der analogen Möglichkeiten sein.“ Tatsächlich wächst auch der Löwenanteil des Fotogeschäfts, der „analoge Markt“ mit normalen Kameras und Bildern.
Allerdings, so wissen Branchenkenner, ist die digitale Kamera auch ein Ausdruck des Lebensstils der jungen Leute, der Web-Generation. Die ePhotography ist für Web-Designer unerlässlich. Nur mit ihr können sie preiswert und schnell Fotos ins Netz bringen. Und vielleicht hat die neue Generation der Schnappschuss-Freunde auch ein Faible für lange haltbare Papierbilder. Klingt alles durchaus plausibel.
Und es ist auch nicht ganz unwahrscheinlich, dass sich die Großen in der alten Kamera- und Fotowelt ein wenig gegen die neue Zeit wehren. So etwas soll schon vorgekommen sein, und es gäbe auch gute Gründe: „Wir sind die ,first mover‘ in diesem Markt“, sagt Lindemeyer. „Die Großen können noch gar nicht so massiv auftreten wie wir, weil sie an alte gewachsene Vertriebswege gebunden sind. Um vorn zu sein, müssten sie ihr eigenes Stammgeschäft angreifen.“ Und das wäre bei weniger als einem Prozent Marktanteil digitaler Fotografie schon ein wenig töricht.
Das Dreigestirn Pixelnet, Orwo und Lintec muss dagegen keine Angst haben, durch Selbstkannibalisierung zu leiden. Darum könnte schon etwas dran sein am Eastman des Ostens.