Jobs statt Heimatschachteln

LVZ, 3. November 2007

Zittau – 17 Jahre verbrachte er auf der Autobahn, pendelte nach Kiel, Konstanz und Saarlouis, verschliss vier Autos. Jens Rohr, 43, Familienvater und Instandhaltungsmechaniker aus Görlitz. Als es 1990 mit der Braunkohle zu Ende ging, ging der Sachse auf Montage in den Westen. „Eigentlich wollte ich dass nur zwei, drei Jahre machen. Aber es hat sich nicht ergeben“, sagt Rohr. Doch jetzt hat die verfluchte Fahrerei ein Ende.
Seit drei Wochen ist er wieder Zuhause, fand einen Job beim Anlagenbauer Kraftwerksservice Cottbus (KSC). Zu den KSC-Stützpunkten in Boxberg und Hagenwerder sind es nur noch zehn Kilometer. „Da verdien’ ich weniger Geld, aber ich bin endlich bei der Familie”, sagt Rohr. Leute wie ihn hat Sachsen dringend nötig. Seit 1990 hat der Freistaat durch Abwanderung und Geburtenmangel 13 Prozent der Bevölkerung verloren, bis 2020 droht die Einwohnerzahl von 4,3 auf 3,8 Millionen zu schrumpfen – wie überall im Osten.
Mehr als zwei Millionen Menschen kehrten seit der Wende den neuen Ländern den Rücken, doch nicht einmal halb so viele siedelten in der Gegenrichtung um. Die ländlichen Regionen zwischen Anklam und Zittau bluten damit zusehends aus, der Geburtenrückgang tut ein Übriges. Ein Exodus mit verheerenden Folgen: Fachkäftemangel, Ärztemangel, Frauenmangel.
Ost-Minister Wolfgang Tiefensee (SPD) versuchte voriges Jahr bereits mit seinen viel geschmähten „Heimatschachteln“ Abgewanderte zurück zu erobern. Die besonders stark betroffenen Länder Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt sowie die Lausitz in Sachsen kämpfen indes mit langfristigeren Strategien und Agenturen wie „MV4You“ oder „Junge Karriere Mitteldeutschland“ um Rückkehrer – und das mit Erfolg: Wer wieder einen Job in seiner alten Heimat findet, geht gern zurück.
Maik Weber zum Beispiel. Fünf Jahre hat er in München ausgehalten, hat eine Lehre als Maurer gemacht, bei der Bundeswehr in Bad Reichenhall gedient und viel gearbeitet. Doch 2005 konnte der Zittauer endlich zurück in seine Heimatstadt. Beim Präzisions-Maschinenbauer Havlat mit 240 Beschäftigten fand der 24-Jährige einen Job im Versand. Nach kurzer Einarbeitung ging es los. Sein Bruder, der bei Havlat eine Ausbildung machte, hatte den Job vermittelt. „Ich wollte immer zurück”, sagt Weber. „In München war es so schwer, Anschluss zu finden. Ich kannte fast nur Ostdeutsche.”
Weber und Rohr gehören zu jenen Sachsen, die in den Westen gingen, um das Glück zu suchen – und doch wieder nach Hause kamen. Vor allem die Oberlausitz, die bei Arbeitslosigkeit und Abwanderung stets traurige Spitzenplätze belegt, bemüht sich mittlerweile intensiv um verlorene Landeskinder. Ein ganzer Verband von Unternehmen versucht so, dringend benötigte Fachkräfte für ihre florierenden, mittelständischen Firmen zu akquirieren.
Schon 2003 schalteten der agile Ausbildungsring „Oberland” und die Industrie- und Handelskammer (IHK) die Internetbörse ww.sachsekommzurueck.de. Ein zartes Pflänzchen, das erste Früchte trägt: 3500 Zugriffe verzeichnet die Seite im Monat, sagt Werner Mankel, IHK-Bildungs-Geschäftsführer. Von 168 Jobs, die seither in der Region vermittelt wurden, ging jede fünfte an einen Rückkehrer. Sogar Unternehmer sind darunter, die neue Betriebe aus dem Boden stampfen, wie der Neugersdorfer Torsten Hölzel, der in den 90-ern in Pforzheim war und sich nach einem bierseligen Abend unter Kollegen für eine Firmengründung in der Lausitz entschied.
„Die Leute kommen nicht als Wirtschaftsflüchtlinge“, sagt Mankel. Meist sind für sie private Gründe entscheidend. Die Lausitzer gelten als heimatverbunden. Und der Bedarf ist riesig: Ab 2008 drohen der Region allein 2500 Ingenieure zu fehlen – trotz hoher Arbeitslosigkeit von fast 16 Prozent. „Doch nur eine Handvoll Heimaterde”, so Mankel, „ist nicht das, was sie nachgeschickt haben wollen.”
Das sieht auch der sächsische Regierungschef Georg Milbradt (CDU) so. „Mit Heimatschachteln werden wir die Menschen nicht zurückgewinnen. Wir müssen deutlich machen, dass es hier auch gute Jobs gibt.” In der Oberlausitz, wo viele Maschinenbauer und Zulieferer der Autoindustrie kräftig vom Wirtschaftsboom profitieren, müssten die Unternehmen stärker auf Ausbildung setzen. „Die Zeit der Rosinenpickerei ist vorbei.”
Neben Arbeitslosen und älteren Fachkräften würden Heimkehrer, Pendler und Neu-Sachsen immer wichtiger, um Lücken in den Unternehmen zu schließen, sagt Milbradt. Wie bei Maschinenbauer Havlat, der mittlerweile zehn West-Heimkehrer beschäftigt. „Viele haben noch eine Ausbildung aus DDR-Zeiten und müssen viel dazu lernen“, sagt Firmenchef Konrad Havlat. „Aber sie gehen mit einer großen Motivation an die Sache, weil sie hier ihre Chance sehen.“
Für Maik Weber hat sich die Rückkehr 2005 jedenfalls gelohnt. Zwar hat er in München 500 Euro mehr verdient. Doch sein Lebensstandard hat sich in der Lausitz gewaltig verbessert. „In München hatte ich nur eine kleine Wohnung“, sagt Weber. „Jetzt hab ich ein Haus auf dem Land gekauft.”

Jobs statt Heimatschachteln

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