Der Renner aus dem Labor

Eine kleine ostdeutsche Firma liefert Vogelgrippe-Schnelltests in alle Welt

Rheinischer Merkur, 23. Februar 2006

Schon für BSE entwickelte Roboscreen die passenden Analyseverfahren. Jetzt boomt bei den Leipzigern die Nachfrage nach ihrem neuen Produkt: „Bird Flu H5N1”

Der Weg zum nächsten Vogelgrippetest verlangt ein bisschen Spürsinn: Er führt über eine versteckte Schotterstraße, vorbei an flachen, graugesichtigen Häusern am Rande des St. Georg Krankenhauses in Leipzig zu einem verborgenen Innenhof. Hier, gegenüber der Blutbank der Leipziger Uniklinik, steht ein unscheinbarer Containerbau mit grünen Fenstern, in dem die kleine Biotechfirma Roboscreen Zuhause ist. Doch das bescheidene Äußere täuscht über das weltweite Netzwerk des Unternehmens hinweg. Wenn irgendwo auf der Welt die Vogelgrippe ausbricht, kommen die Virenschnelltests meist auch aus diesem ostdeutschen Forscherlabor.
„Wir gehören zu den Marktführern”, sagt Roboscreen-Geschäftsführer Thomas Köhler. Dabei zählt sein Unternehmen, das Analyseverfahren für verschiedenste Erbgutspuren entwickelt, bislang nur 14 Mitarbeiter. Doch Roboscreen sei das erste Unternehmen gewesen, das einen kommerziellen Vogelgrippetest auf einer eigenen, molekularbiologischen Plattform anbot. Inzwischen ist die Firma mit dem Vogelgrippetest in 20 Ländern vertreten, darunter in zehn nationalen Referenzzentren. Die Seuche in Mecklenburg-Vorpommern untersucht zwar noch das Friedrich-Loeffler-Institut des Bundes mit eigenen Bordmitteln. „Aber wenn die Zahl der infizierten Vögel in Deutschland andere Größenordnungen annimmt, dürften wir gefordert sein”, sagt Köhler.
Schon Ende Dezember, als sich das gefährliche H5N1-Virus in weiten Teilen der Türkei ausbreitete und bei mehr als 20 Menschen nachgewiesen wurde, zählte Roboscreen zu den wichtigsten Herstellern für die Regierung in Ankara. „Wir haben mehrere Tausend Tests geliefert”, erzählt Köhler. Zwar ist Roboscreen nicht als einziger Hersteller mit solchen Schnelltests am internationalen Markt. So versucht beispielsweise das Duisburger Unternehmen Genekam den Leipzigern Konkurrenz zu machen. „Aber im Unterschied zu anderen Anbietern nutzen wir ein eigenes Patent und sind sehr schnell”, sagt Köhler. Die Tests dauern je nach Untersuchungsgerät nur knapp zweieinhalb bis vier Stunden.
Der Erfolg hat seinen Grund. Das Leipziger Forscherteam war schon Anfang 2004 mit der Geflügelpest befasst, als gerade die ersten Infektionsfälle in Thailand auftraten. Der renommierte Virologe Wasun Chantratita von der Universitätsklinik in Bangkok bat damals die deutschen Partner, ihr vielseitig einsetzbares System für den neuen H5N1-Typus auszurüsten. Die Experten in Bangkok hatten als erste das spezielle Vogelgrippevirus in seine Bestandteile zerlegt. Noch im März 2004 entstand binnen weniger Wochen in den Leipziger Labors der Geflügelpest-Schnelltest: „Robo Gene Bird Flu H5N1” war geboren. Feldversuche an Tieren in Thailand und Tests in europäischen Referenzlabors wie dem Berliner Robert-Koch-Institut folgten – und waren erfolgreich.
Die Nachweis-Kits von Roboscreen sind sowohl für Tiere wie auch für Menschen geeignet. In einem ersten Schritt werden die Proben – oft simple Kotabstriche – so lange gereinigt und aufbereitet, bis nur die Nukleinsäure als Trägerin des Erbguts übrig bleibt. Danach werden die Moleküle mit dem benötigten Informationskern in einer chemischen Kettenreaktion milliardenfach kopiert, bis messbare fluoreszierende Effekte sichtbar werden –nur wenn sie ausbleiben, liegt das gefährliche Virus nicht vor.
Ein Test kostet 10 bis 15 Euro, was die Eroberung des asiatischen Marktes erschwert. Dennoch hat sich die Nachfrage privater Laborärzte und staatlicher Untersuchungsämter in den vergangenen Monaten verdoppelt. „Bird Flu“ habe bereits Platz 1 der Verkaufshitliste des Unternehmens gestürmt, erzählt Köhler. Inzwischen mache die Vogelgrippe rund 20 Prozent des Jahresumsatzes von einer Million Euro jährlich aus. Tendenz weiter steigend.
Doch die Forscher von Roboscreen sind keine Glücksritter, die aus einer weltweiten Seuche schnell Kapital schlagen wollen. Begonnen hat das Team im Jahr 2000 als kleines Start-up-Unternehmen. Zwei erfahrene Molekularbiologen der Leipziger Uniklinik taten sich mit zwei Kollegen der Berliner Gentechnik-Firma Invitek zusammen und wagten den Sprung aus der sicheren Laufbahn ins kalte Wasser. Die Idee: Plattformen zur standardisierten Analyse von Nukleinsäuren und Proteinen für diverse medizinische Untersuchungen zu schaffen. Die einen Gesellschafter brachten das Reinigungsverfahren mit, die anderen die Analysetechnik. Das Team: Ausnahmslos Männer aus dem Osten. „Das ist aber keine ideologische Frage”, betont Köhler, „das sind einfach fähige Leute, die sich kennen und bei denen die Chemie stimmt.”
Die Firmengründer begannen mit der Diagnostik einer speziellen Leukämieform. Mittlerweile ist Roboscreen nicht nur an bundesweiten Tumorstudien beteiligt, sondern hat ein Dutzend Patente angemeldet und bietet mehrere Hunderte verschiedene Tests an. Die Palette reicht von Hepatitis C über HIV bis zur Tuberkulose. Als weiterer Renner im Geschäft sollte sich ein BSE-Schnelltest erweisen, der 2005 von der EU zertifiziert wurde. Roboscreen ist damit eines von nur acht Unternehmen in der Welt, das über eine solche Zulassung verfügt.
Anfang vorigen Jahres stieg dann die Analytik Jena (AJ), zu der schon intensive Kontakte bestanden, mit 51 Prozent als Mehrheitsgesellschafterin ein. Die neue Konzernmutter, die sich auf Analysemesstechnik spezialisiert hat, will ihr Standbein am gewinnträchtigen Biotechnologie-Markt ausbauen und pumpte schon jetzt eine Viertelmillion Euro in die Erweiterung der Leipziger Produktionskapazitäten. „Roboscreen liefert das chemische Know-how, das uns fehlt”, sagt Thomas Fritsche von der Analytik Jena AG.
Für die nächsten Jahre hat das ostdeutsche Analyse-Duo einiges vor: Forschung und Entwicklung sollen ausgebaut, Vertriebswege neu aufgebaut und zusätzliche Mitarbeiter eingestellt werden. Eine Kapitalerhöhung an der Börse, so Fritsche, solle diesen Sommer fünf Millionen Euro in die Kassen von AJ spülen. „Wir wollen organisch wachsen”, sagt Roboscreen-Chef Köhler. Und in ein paar Jahren, so hofft der Mann mit dem markanten Zwirbelbart, wird der Umsatz verdreifacht und sein Unternehmen an der Börse sein. Wenn es klappt, dürfte der unscheinbare Firmensitz am Rande der Stadt dann irgendwann Geschichte sein.

Der Renner aus dem Labor

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