Comeback der Oldies

Sie werden in den Vorruhestand geschickt und sind ohne Chance, wenn sie den Job verlieren. Doch einige Firmen holen die älteren Arbeitsnehmer zurück.

HÖRZU, Nr. 28, Juli 2005

Wie ein Raumschiff liegt das nagelneue BMW-Werk in der Pampa nördlich der Leipziger Messe. Ein futuristischer Fremdkörper aus Beton und Glas – und ein absoluter Neuling auf dem bundesdeutschen Arbeitsmarkt. Denn die Personalchefs des Konzerns haben sich in einem einzigartigen Experiment vorgenommen, eine bunt gemischte Belegschaft jeden Alters zusammenzustellen, statt nur auf junge Leute zu setzen. Immerhin können sie bei der Besetzung der 5500 Stellen aus satten 135 000 Bewerbungen auswählen.

Und die Idee funktioniert: Von den bisher 2100 eingestellten Kollegen sind bereits 22 Prozent zwischen 40 und 50 Jahre und 75 Werker sogar über 50 Jahre alt. „Der älteste ist 61 Jahre“, sagt Michael Janßen, Sprecher bei BMW, er wurde mit 59-einhalb noch von uns eingestellt.“ Der Vorteil des Qualitätsprüfers: Er ist aus Erfahrung gut.

Auch Karin Siegert ist eine der neuen, alten Kolleginnen. Die 53-Jährige gehört zu jenen, die von BMW in Leipzig wieder eine Chance bekamen. Heute steht sie an einer computergesteuerten Maschine in den blitzblanken Werkshallen, legt Blechteile für den Seitenrahmen der Karosserie in die umhersurrenden Roboterarme ein. Und sollte die Technik in der Komponentenfertigung „KF 2“ mal ungenau arbeiten, ist die sympathische wie resolute Frau in der Latzhose schnell in der Lage, per Computer den Roboter wieder zu justieren: „Das musste ich mir alles erst aneignen“, sagt sie mit Stolz. Heute ist sie so etwas wie die Mutter im Team von jungen Männern: „Manchmal hören sie sogar auf mich.“

Ein Jahr lang war Karin Siegert arbeitslos, doch im Juni 2004 gaben ihr die Münchener Motorenwerker am neuen Sitz wieder eine Perspektive. „Ich hatte Glück“, sagt die gelernte Mess- und Regeltechnikerin, die zuvor 20 Jahre in der ostdeutschen Petrochemie Schaltschränke montierte. Als aber die Aufträge ihrer Firma ausblieben, wurden zuerst die Frauen entlassen. Doch bloß noch Zuhause sitzen kam für Karin Siegert nicht in Frage. Also wagte sie den stundenlangen Einstellungstest für BMW -und bekam den Job. Es folgten eine viermonatige Computerschulung vom Arbeitsamt und acht Monate Einarbeitung im Werk in Regensburg. Seit Februar arbeitet sie in Leipzig und fährt dafür tags wie nachts die 75 Kilometer von ihrem Heimatdorf bei Zeitz zum Schichtdienst.

„Es gibt ein großes Potenzial hervorragend Qualifizierter unter den älteren Arbeitnehmern“, sagt BMW-Sprecher Janßen. Wichtig seien vor allem die Motivation, die Einstellung zur Arbeit und die Lernbereitschaft der Bewerber. Gute und schlechte Beispiele gebe es da in allen Altersgruppen Ohnehin denken viele Aufsichtsräte nach dem Reinfall mit den Jungstars in der geplatzten New-Econony-Blase um und setzen in der Manageretage lieber wieder auf alte Hasen.
Auch die Leipziger Autoschmiede hat nicht etwa ein gutes Herz für die Alten entdeckt. Die vorausschauende Personalpolitik folgt kühlem Kalkül: Zum einen sammelte der Konzern in seinem Werk in Regensburg schlechte Erfahrungen, als er vor allem auf junge Leute setzte. Die Belegschaft altert heute gemeinsam, Personalwechsel sind selten, kommen in einigen Jahren aber geballt auf das Unternehmen zu. Ein gut gemischtes Team wie in Leipzig ist dagegen „langfristig tragfähig“, so Janßen. In der Mitarbeiterschaft ist mehr Bewegung und das Arbeitsklima stimmt.

Zum anderen aber treibt BMW die Sorge vor der Alterung der Gesellschaft um. Spätestens ab 2010 droht ein wachsender Fachkräftemangel: Es werden mehr ältere Kollegen aus den Betrieben ausscheiden als jüngere nachwachsen. So rechnet das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung damit, dass die Zahl der Arbeitskräfte von derzeit 40 Millionen bis 2040 trotz einiger Zuwanderung aus dem Ausland auf 30 Millionen schrumpfen wird. Graubärte ersetzen dann Grünschnäbel, die Wirtschaft kann es sich gar nicht mehr leisten, auf Leute über 40 zu verzichten.

„Wir werden bald händeringend junge Leute suchen und kooperieren schon heute mit Schulen, um für Nachwuchs zu werben“, erzählt BMW-Sprecher Janßen. Seit Monaten macht der Konzern mit seinem neuen Konzept Schlagzeilen und wird ständig von Firmen, Verbänden, Wissenschaftlern und in der Politik zu Vorträgen eingeladen. Inzwischen ist BMW nicht mehr allein: Autozulieferer Brose in Coburg setzt auf graue Schläfen bei seinen Entscheidungsträgern; Fabrikplaner Fahrion Engineering in Kornwestheim suchte per Annonce erfahrene Ingenieure in den besten Jahren; das Möbelhaus Segmüller in Weiterstadt stellte – kundengerecht – hunderte Verkäufer über 45 Jahren ein.

Die Modelle machen Schule und die Firmenchefs Karriere in Talkshows. „Doch bisher wird vor allem viel geredet, die Praxis sieht noch anders aus“, kritisiert Johannes Jakob, Arbeitsmarktexperte beim DGB. Denn nach wie vor sind die meisten Arbeitslosen älter als 50. Beim sonst eher unternehmer-kritischen Gewerkschaftsbund ist man daher sehr zufrieden mit dem Weg, den BMW eingeschlagen hat. „Ein ständiges, großflächiges Aussortieren der Älteren wird man nicht mehr durchhalten können“, sagt Jakob. Da ist man sich mit den Arbeitgebern ausnahmsweise einig.

Martin Kannegiesser, Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, lobt die strategischen Münchener Personalplaner als Vorbild. „ Ich setze darauf, dass mehr Unternehmen dem Beispiel BMW folgen und eine Gewinnsituation für alle schaffen“, sagte Kannegiesser der Hörzu. „Für qualifizierte ältere Mitarbeiter, die jetzt einen Job suchen, für die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens und für unseren Standort insgesamt.“

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