Der Eisheilige

Eismann Hans-Peter Pfeifer aus Leipzig hat ein einfaches Erfolgsrezept: Nichts verändern und keine Schulden machen. So sieht die Eisdiele seiner Familie noch heute aus wie 1953 – und die Kunden lieben sie.

brand eins, September 2005

Kein Stein blieb auf dem anderen, damals, als die Mauer fiel und in die aufblühenden Ecken des Ostens der Westen kam, als Sanierung, Modernisierung und Innovation alleinige Richtschnur beim brummenden Aufschwung waren. Was nach muffiger „Zone“ roch, musste raus, was nach glitzernder Warenwelt aussah, zog ein.

Nur wenige wagten es seinerzeit, der überschwappenden Welle des Neuen zu widerstehen und ihren eigenen Stiefel zu machen. Einer wie Hans-Peter Pfeifer und seine Frau Petra. Sie führen in der agilen Leipziger Südvorstadt eine Eisdiele, die noch fast genauso aussieht wie vor 52 Jahren, als sie Vater Horst Pfeifer gründete: Blasse Tapeten mit Blümchenmustern, handgeschriebene Preisschilder auf Pappdeckeln, eine dünne Holzwand mit Furnierfolie, die die Küche abtrennt. Manchmal nennt der Ladenbesitzer sein Mobiliar liebevoll „Brennholz“. Die Versicherung knöpft ihm dafür allerdings jedes Jahr höhere Prämien ab und die ARD nutzte den Laden schon als Filmkulisse für eine alte HO-Gaststätte.

Zur Einrichtung in dem Eckhaus an der Kochstraße gehören noch immer die hölzerne Deckenlampe, die der Vater schon zur Eröffnung 1953 gebraucht gekauft hatte, der bauchige Tresen, der bereits vor dem Krieg in einer Bäckerei seinen Dienst getan hat und die dunkelbraun lackierten Holzstühle, die tapfer seit fünf Jahrzehnten ihre Gäste tragen. Nur die gelb-roten „Eis“-Schilder und die kleinen runden Bistrotische sind jüngeren Datums – sie sind erst rund 30 Jahre alt. Selbst als das Haus 1997 saniert wurde, blieb der 25 Quadratmeter kleine Laden weitgehend verschont. Pfeifer: „Wir haben Glück mit dem Hauseigentümer.“ Nur das DDR-Geschirr ist größtenteils ausrangiert und dient heute als Dekoration.
Das Eis macht der 57-Jährige täglich frisch. Vanille, Schoko und Erdbeere gibt’s jeden Tag, im Wechsel jetzt auch Stracciatella und Pfefferminze, Ananas und Johannisbeere. Besonders begehrt ist für vier Euro der „Schweden-Eisbecher“ – mit Eierlikör und Apfelmus. Die Rezepte und die Geräte sind die Gleichen geblieben, mit einem wichtigen Nebeneffekt: Es riecht und schmeckt bei Pfeifers wie ehedem. Manche Kunden kommen allein schon wegen der Erinnerungen in die Eisdiele.

Und der Laden läuft – mindestens so gut, dass die Familie zufrieden davon leben kann. „80 Prozent sind Stammkunden“, sagt Pfeifer, der Rest ist Laufkundschaft. Und viele Gäste scheinen Fans zu sein: Die jungen Familien aus dem Szeneviertel, die mehrmals die Woche herkommen. Die Studentin in dem bunten Rock, die beim Betreten des Landens staunend die Sonnenbrille hochschiebt und einfach murmelt: „Wow. Cool.“ Und die ältere Dame, die in einer Ecke sitzt, Pfeifer anlächelt und entschieden sagt: „Lassen Sie bloß alles so, wie es ist.“
Was haben Sie ihm alles andrehen wollen, in den Jahren nach der Wende. Spielautomaten, Sicherheitstechnik, einen großen Eingangsbereich und eine Eismaschinen für 40 000 Mark. „Wenn sie das nicht machen, gehen sie pleite, hat man uns gedroht“, erzählt Pfeifer. Doch es kam anders. Von denen, die auf die Glücksritter hörten, sind viele nicht mehr da. Pfeifers schon. „Wir haben hier nichts verändert, uns nicht verschuldet. Bloß gut“, sagt der Ladenbesitzer. Lange habe man sie belächelt – „und jetzt sind die Leute froh, dass es bei uns nicht aussieht wie in jedem Eiscafé Venezia.“

Für die unternehmerische Enthaltsamkeit sorgte nicht etwa eine kluge Beraterfirma, sondern Pfeifers Bauchgefühl und Bodenständigkeit. „Anfangs war einfach kein Geld da. Die Leute haben ja die neue West-Mark nicht mehr für Eis ausgegeben.“ Später, nach ein paar harten Jahren, stellte sich heraus, dass das alte Interieur noch immer gut ankam. Dass die Eisbar nun genau in die Ostalgie-Welle und den Retro-Look der letzten Jahre passt, nehmen die Pfeifers dankbar hin auf ihrem gradlinigen Weg. Ein Westdeutscher wollte die Einrichtung schon kaufen und damit in Hamburg einen Ost-Laden aufmachen. 2000 Euro hat der Mann geboten. Pfeifer hat natürlich abgelehnt: „Das kam für uns nicht in Frage.“

Ohnehin ist die Familie schon immer eigene Wege gegangen, wenn man Pfeifers Erzählungen folgt. Als Vater Horst im März 1953 die Eisdiele eröffnete, war keine gute Zeit: Die Trümmerbahn rollte noch, Stalin starb und Ulbricht regierte. Zu den Mai-Feiertagen hing der Kaufmann keine Fahne aus dem Fenster und die drei Söhne konnten im Laden helfen, statt zu den Partei-Aufzügen zu gehen. Die Genossen haben wohl darüber hinweg gesehen – sie zählten selbst zu Pfeifers Kunden.

Nach einer Lehre als Maschinenbauer machte Sohn Hans-Peter 1979 den Gewerbeschein – „das hatte Honecker wieder zugelassen“ – und übernahm das Geschäft. Schwieriger als die politischen Verhältnisse war jedoch manchmal die Versorgung mit Nachschub. In heißen Sommern konnte es schon passieren, dass die Eiswaffeln der halben Republik an die Ostsee gekarrt wurden. Pfeifers Kunden brachten dann ihr Schälchen von Zuhause mit. „Früher standen die Leute 60 Meter Schlange. Das ist natürlich vorbei“, sagt Pfeifer. Es kommen nur noch ein Fünftel der Kunden. Die Preise sind jedoch um das Fünffache gestiegen. „Unter dem Strich haben wir den gleichen Umsatz.“

In ein paar Jahren wird für die Pfeifers Schluss sein. Interessenten für den Laden gibt es längst. „Aber die meisten“, sagt der Chef, „haben keine Ahnung, wie viel Arbeit das ist.“ Jeden Tag stehen die Eheleute von 8.30 bis 18.30 Uhr im Geschäft, bevor sie abends mit dem Bus nach Hause fahren. Mehr als 230 Tage im Jahr – von März bis Nikolaus – ist geöffnet. An den etwa 30 heißen Tagen pro Saison muss allerdings der größte Teil des Umsatzes reinkommen. Nur samstags, da ist trotz allen Kopfschüttelns und entgegen aller wohlmeinenden Ratschläge geschlossen. Da sind die Pfeifers eigen und verzichten auf das Geld. „Das ist seit 1953 so“, sagt der Eismann. „Und das bleibt auch so.“

Brand Eins - Der Eisheilige

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