Porsche statt Pökelfleisch

Vorwärtskommen? Aufsteigen? Karriere schreiben? Bewegung im Berufsleben ist im 21. Jahrhundert auch anders möglich. Wer unglücklich in seinem Job ist, wechselt einfach. Die Chancen standen lange nicht so gut

Im Leipziger Porsche-Werk, mit mehr als 4000 Mitarbeitern größter Produktionsstandort des Konzerns, leitet Ingo Deutsch das Mess-Team für den Panamera, ein hochspezialisierter Job, obwohl er nach der Schule eigentlich etwas ganz anderes gelernt hat: Fleischer. Sein Opa ist Schäfer, sein Onkel hat eine Fleischerei bei Freyburg an der Unstrut, die Männer begeistern den Jungen früh dafür, irgendwann das Familiengeschäft zu übernehmen. „Seit ich sieben war, wollte ich Fleischer werden“, erzählt Ingo Deutsch. Nach der Realschule lernt er in einem Handwerksbetrieb, wie man Wurst und Fleisch herstellt. Er wird jahrelang Geselle und lernt zudem das Schlachten. Es hätte wohl sein Leben lang so weitergehen können, bis alles doch ganz anders kam.
Ingo Deutsch gehört zu jenen, die irgendwann in ihrem Berufsleben eine innere Uhr immer lauter ticken hören, die innehalten, sich umdrehen, sich hinterfragen – und den Absprung aus ihrem alten Job wagen. Sie sind vielleicht nach der Schule in die falsche Branche geschlittert, haben familiäre, gesundheitliche oder religiöse Umbrüche durchgemacht, sie wollen schlicht mehr Geld verdienen oder ihr Hobby zum Beruf machen. Solche Jobwechsler sind inzwischen keine Seltenheit mehr auf dem Arbeitsmarkt. Denn am Anfang des 21. Jahrhunderts wandeln sich Lebensläufe und Werte: Eine schnelle und steile Karriere verliert an Bedeutung, Inhalte und Privatleben werden wichtiger. Die Bereitschaft, sich örtlich von der Familie zu trennen, nimmt seit Jahren stark ab, wie das Managerbarometer der Personalberatung „Odgers Berndtson“ zeigt. Dieser Stimmungswandel bildet das Grundrauschen für die wachsende Lust am Umstieg – und auch in Unternehmen steigt die Bereitschaft, solche Wanderarbeiter zu fördern.
„Der Fachkräftemangel macht Unternehmen erfinderisch“, sagt Holger Seibert, Wissenschaftler am Berliner Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit. „Personalabteilungen lassen sich zunehmend auch auf artfremde Berufe ein und nehmen dafür eine etwas längere Einarbeitungszeit in Kauf.“ Berechnungen über Ausbildungsabsolventen zeigten, so Seibert, dass etwa ein Viertel von ihnen beim Berufseinstieg nicht im erlernten Beruf arbeitet. Es sind Leute wie Ingo Deutsch.
Dem Fleischer machte bei der feuchten, kalten und harten Arbeit zunehmend sein Rheuma zu schaffen. Als er sich auch noch beim Schlachten in die Hand sticht, beginnt er, Auswege zu suchen. In einem Berufsförderungswerk macht er mit 23 Jahren eine sehr spezielle Entdeckung: Die Ausbildung zum „Qualitätsfachmann Längenmesstechnik“. Vielleicht, weil er schon als Jugendlicher Mopeds auseinandergenommen und mit seinem Vater ein Haus gebaut hat. „Ich war schon immer handwerklich begabt“, sagt er. Als Jahrgangsbester seiner Umschulung landet er 2012 im Leipziger Porsche-Werk. Er wird als Messtechniker für den Macan engagiert, wenn auch zunächst als Leiharbeiter. Der geübte Handwerker genießt die detailverliebte Arbeit an den Premiumautos und die anerkennenden Blicke der Bekannten, wenn er erzählt, wo er nun arbeitet. Das Unternehmen stellt ihn bald fest ein und investiert mehr als zwei Jahre in seine Qualifizierung. Heute organisiert Ingo Deutsch als Teamsprecher die Analysearbeit von 15 Kollegen im Messraum für den Karosseriebau und sichert die hohe Qualität der Sportlimousinen. „Meine beiden Berufe“, sagt der 32-Jährige, „haben viel mit Zielstrebigkeit, mit Verantwortungsgefühl und Qualitätssinn zu tun.“
Solche Eigenschaften von Seiteneinsteigern schätzen Personalverantwortliche. „In der Produktion und der Qualitätssicherung haben wir Querschnittsaufgaben, die man nicht als Lehrberuf findet“, sagt Grit Schöbel, die Leiterin des Personalmanagements bei Porsche Leipzig. Für sie zählen bei der Bewerbersuche grundlegende Skills: ein gutes technisches Verständnis, Geschicklichkeit, Leidenschaft für Autos, Ausdauer, Verantwortungsbewusstsein und Teamgeist. Gerade bei Seiteneinsteigern seien solche Vorzüge häufig zu finden. „Sie haben berufliche Erfahrungen und sind besonders hoch motiviert, denn sie haben viel in ihren Neuanfang investiert“, sagt Schöbel. „Unsere produktionsspezifischen Kenntnisse satteln wir dann in Qualifizierungsmodulen stufenweise auf.“ So kommt es, dass heute auch eine gelernte Konditorin in der Lackiererei arbeitet. Und dass Katja Weisemann bei Porsche ist: Nach der Schule hatte die Thüringerin bei der Bundeswehr im bayrischen Erding Werkstoffprüferin gelernt, danach spürte sie etwa nach Unfällen mögliche Materialmängel auf. Doch die Aufgaben waren ihr nicht abwechslungsreich genug und zudem fern der Familie. Seit zwei Jahren ist sie nun wieder nahe der Heimat und untersucht im Werkslabor Rohkarosserien. „Ich möchte nichts anderes mehr machen“, sagt die 29-Jährige.
Dass sich immer mehr Arbeitgeber für Seiteneinsteiger öffnen, hat aber nicht nur mit Fachkräftemangel zu tun. „Die Arbeitswelt wird flexibler und offener“, sagt Kienbaum-Personalberater Arndt Masuch. „Manager schauen öfter über den Tellerrand und sind aufgeschlossener für ungewöhnliche Personalvorschläge. Die Akzeptanz für andere Lebensentwürfe, für nachlassendes Karrieredenken und eine neue Work-Life-Balance steigt.“ Dieser Gesinnungswandel in den Chefetagen hat seinen handfesten Grund. „Menschen, die sich beruflich verändern, bringen Flexibilität, Lernbereitschaft, Demut und zugleich Selbstbewusstsein mit“, sagt Masuch. „Von diesen mentalen Stärken und der Andersartigkeit möchten Arbeitgeber profitieren, die auf Vielfalt statt Einfalt setzen.“ Für ein Jobangebot an Berufswechsler braucht es allerdings Mut auf allen Seiten: Headhunter mit Erfahrung, die sich ungewöhnliche Kandidatenvorschläge zutrauen, und Personaler, die sich nicht bei allen geforderten Skills voll absichern wollen. Masuch, 45, kennt das: Er selbst hat Pädagogik studiert und war lange Zeit mit Leib und Seele Sozialarbeiter, ehe er zu Kienbaum wechselte. „Früher hätte ich mir nicht vorstellen können“, sagt der heutige Director und Partner des Beratungskonzerns, „zum Schlipsträger zu werden.“
Maike Brunk steht an den Hamburger Landungsbrücken. Ein kalter Wind pfeift durch ihre vollen blonden Haare, mit einem herzlichen Lächeln begrüßt sie ihre Passagiere auf einer historischen Barkasse. In ihrem ersten Leben war die 45-Jährige IT-Beraterin, doch vor zehn Jahren warf sie die alte Karriere über Bord und fing etwas ganz anderes an: Schiffstouren im Hamburger Hafen. Es ist die Geschichte einer unerfüllten Sehnsucht. „Ich hab den Neuanfang noch keinen Tag bereut“, sagt Maike Brunk.
Die junge Frau aus Nordfriesland studiert in Kiel Wirtschaftsinformatik, sie hatte im geliebten Norden keinen anderen Studienplatz bekommen. Nach der Uni findet sie gleich einen Job, sie berät Firmen im Dokumenten-Management, Workflow-Lösungen und Prozessoptimierung. Aber es ist kein Engagement mit Leidenschaft. „In die Branche bin ich eher reingeschlittert und dort hängen geblieben“, sagt sie. „Das Drumherum hat gepasst.“ Den entscheidenden Impuls, mit dem Vertrieb Schluss zu machen, bekommt sie bei einer Fernsehreportage. Als sie eine ehemalige Krankenschwester sieht, die heute als Hochseekapitänin Frachtschiffe über die Weltmeere steuert, denkt Maike Brunk: Ich kann auch was anderes. Irgendwas mit Tourismus, irgendwie selbstständig, und am liebsten in Hamburg. Sie geht zu einer Jobfindungs-Beraterin und denkt über ihr Berufsleben nach. „Das Gefühl, das sich was ändern muss, wurde immer stärker.“ Sie beginnt neben dem Job ein Fernstudium für Tourismusmanagement, und als sie nach zwei Jahren fertig ist, sitzt sie zufällig auf einem Dampfer mit dem Kapitän zusammen und erzählt davon, wie unglücklich sie ist. Die Beiden spinnen ein wenig herum, von Elbtouren in Hamburger Gegenden, die sonst keiner besucht. „An diesem Abend“, sagt sie, „hat es Klick gemacht.“ Also schreibt Maike Brunk einen Businessplan für ihre kleine, feine Nische und rechnet richtig. Mittlerweile hat sie mehr als 35 000 Gäste begleitet, als Stadtführerin, Hafenguide, Reiseleiterin. „Ich kann gut von meinem Projekt leben“, sagt sie. „Ich bin angekommen an den Landungsbrücken und in meinem neuen Leben.“
Uta Glaubitz hat Maike Brunk auf ihrem Weg begleitet. Sie kennt sich aus mit diesen Wankelmütigen. Seit 20 Jahren berät sie Leute, die eigentlich was anderes machen wollen als das, was sie tun. Und seit 20 Jahren kommen diese Menschen mit der gleichen Frage zu ihr: Was mache ich auf diesem Planeten? Die große Mehrheit ihrer Kunden, erzählt sie, hat einen ganz normalen Brotjob, in den sie irgendwie hineingeraten sind. Vielleicht, weil gerade eine Lehrstelle oder ein Studienplatz frei waren oder weil sie den gut gemeinten Ratschlägen von Verwandten gefolgt sind. „Aber diese Leute machen nichts, das mit ihnen zu tun hat und das sie berührt.“ Sie verwalten etwas oder beantworten den ganzen Tag E-Mails. „Eigentlich wollten sie das nur ein oder zwei Jahre machen. Aber sie finden keinen Ausstieg“, sagt Glaubitz. „Kommen dann noch Kinder oder ein Bauernhaus am Stadtrand dazu, werden die Mauern immer höher – und ein alter Berufswunsch bleibt ungelebt.“ Diese Sehnsucht gebe es bei fast allen Menschen, doch nur bei manchen wird sie sichtbar.
Doch der typische Fall weiß gar nicht, was er will, erzählt die Beraterin. „Die Leute sagen, sie möchten etwas Sinnvolles tun. Dann antworte ich: Sinnvoll ist Busfahrer.“ Das klingt hart. Aber ein Berufswechsel, wenn er erst gemeint ist und das übrige Leben tragen soll, habe selten etwas mit Kitschideen vom Bücherschreiben und Schafezüchten zu tun, mit Selbstverwirklichung und Traumerfüllung. Glaubitz’ oberstes Gebot für Seitenwechsler lautet vielmehr: Such dir einen qualifizierten Beruf, um dein Geld zu verdienen. Ein Jobwechsel funktioniere selten ohne lange Vorbereitung. „Die Betonung liegt auf Beruf – nicht auf Traum.“ Das Schwierigste daran ist allerdings, sich zu trennen. Wer wirklich seinen Job austauschen wolle, müsse vor allem bereit sein, das Alte loszulassen. „Die meisten Menschen müssen sich klar machen, dass sie dazu nicht ohne weiteres in der Lage sind“, sagt Uta Glaubitz. Auch bei ihr war es anders gekommen als gedacht. „Anfangs wollte ich Studenten beraten“, erzählt sie. „Aber es kamen ständig Leute zu mir, die schon einen Beruf hatten.“
Zu ihnen gehörte Gabriele Braun. Die Frau war Top-Managerin in zwei Dax-Konzernen, aber sie war nicht glücklich an der Spitze der Hierarchien, in einer Welt voller Assistentinnen, Reisen, Interviews und 16-Stunden-Tagen. Sie wollte lieber etwas mit ihren Händen machen, kreativ sein. Mode vielleicht. Nach ein paar Stunden mit Uta Glaubitz fährt sie in einen Schuhladen in Berlin und lässt bald darauf ihre Aussicht auf einen Vorstandsposten sausen. Sie beginnt eine Lehre zur Schuhmacherin, mit Mitte 40, von der Pike auf. Seit vorigem Jahr ist sie Partnerin der exklusiven Maßschuhmacherei „Hennemann und Braun“ im Prenzlauer Berg und managt das kleine feine Geschäft, wenn sie sich nicht in Leisten und Leder vertieft. „Die Welt des Handwerks“, sagt sie heute, „ist viel natürlicher als das Spiel der Macht. Was ich finanziell verloren habe, bekomme ich dreifach an Lebensqualität zurück.“
Frust über den eindimensionalen Alltag, Hoffnung auf mehr Wohlstand oder Sehnsucht nach einem neuen Kick – all das waren für Jürgen Eikenbusch keine Gründe, sein erstes Leben aufzugeben. Es war eine elementare Glaubensfrage, als sich der katholischen Priester mit 35 in einen Mann verliebte. Jahrelang hatte er Theologie studiert, mit 26 Jahren wurde er zum Priester geweiht. Er schrieb an seiner Promotion in Theologie, als die Liebe seine christliche Berufung in Frage stellte. Sein Arbeitgeber verlangte das Zölibat und hielt schon gar nichts von Homosexualität. „Diesen Regeln wollte und konnte ich mich nicht mehr unterwerfen“, sagt Eikenbusch. Nach langen Gesprächen und vielen Überlegungen verlässt er die katholische Kirche als Arbeitgeber. Der Mann des Wortes landet in einer Münchener Kommunikationsagentur und wird später Sprecher der Direktbank DAB. Mittlerweile organisiert er in der Bankengruppe der BNP Paribas auch den Bereich für „Corporate Social Responsibility“: das freiwillige soziale Engagement des Unternehmens. Das Geldhaus unterstützt zum Beispiel „Handicap international“, ein Münchener Hilfsprojekt für Flüchtlinge mit Behinderungen. Das passt zu Jürgen Eikenbusch. Auch der katholischen Kirche ist er treu geblieben. „Ich habe den Job gewechselt“, sagt er. „Aber nicht meine Überzeugungen.“