Sitzsäcke zum Chillen

Wie Grundschülerinnen in einem sächsischen Rathaus mitregieren

Ein heißer Nachmittag im Juni, doch anstatt schwimmen zu gehen, sitzen sechs Jungs und drei Mädchen im schummrigen Ratssaal zusammen. Bei Saft und Gummibärchen tagt im sächsischen Thalheim das Kinderparlament.

An der Stirnseite des großen, dunklen Tisches haben Nikita und Josy Platz genommen, zwischen ihnen der Bürgermeister. Die beiden Zehnjährigen sind die Kinderbürgermeisterinnen der 6100-Einwohner-Stadt im Erzgebirge.

Zu besprechen ist die Aktion "Bäume pflanzen". Ein Herbststurm hat in einem nahen Wäldchen viele Bäume entwurzelt. Nikitas Idee ist es, dort neue Bäume zu setzen. Jetzt wollen die Kinder Baumpaten finden, sie beschließen, selbst gemalte Plakate in den Schulen aufzuhängen. "Wir sind ja die nächste Generation, und es wäre nicht schön, wenn die Wälder in Zukunft kahl wären", sagt Nikita.

Thalheim ist nicht der einzige deutsche Ort, in dem Kinder mitreden dürfen. Auch viele andere Gemeinden bemühen sich seit einigen Jahren, den Nachwuchs einzubinden. Sie beschäftigen Kinderbeauftragte und lassen Kinderparlamente wählen. In den Gemeindeordnungen von 12 der 16 Bundesländer ist verankert, dass Kinder und Jugendliche beteiligt werden können, sollen oder sogar müssen.

Erste Ansätze dazu seien bereits Ende der Achtzigerjahre entstanden, als die Vereinten Nationen die Kinderrechtskonvention verabschiedeten, sagt Sebastian Schiller vom Deutschen Kinderhilfswerk. Doch erst seit knapp zehn Jahren nehme die Idee Fahrt auf: "Es dauert, bis sie in den Verwaltungen angekommen ist, bis ausreichende Stellen geschaffen, Personal qualifiziert und Budgets bewilligt wurden."

Die Institution Kinderbürgermeister ist in Thalheim vor allem dem parteilosen Rathauschef Nico Dittmann zu verdanken, der nach der Wahl 2013 Sachsens jüngster Amtsinhaber war. Den heute 34-Jährigen ärgert die Demokratieverdrossenheit in seiner Region. Bei der Kommunalwahl im Mai bewarben sich in seiner Stadt auf die 18 Ratssitze bloß 21 Bürger. "Viele Menschen schimpfen und meckern", sagt er. "Aber kaum einer macht mehr mit."

Als Anstoß zu einer Veränderung rief Dittmann 2017 aus beiden örtlichen Schulen 16 Klassensprecher zusammen. Vor einem halben Jahr durften die Schüler der 2. bis 4. Klassen zwei Kinderbürgermeister wählen, die Beteiligung lag bei 64 Prozent. Nikita und Josy sind für zwei Jahre im Amt.

Die Aktion wird unterstützt vom Freistaat Sachsen und von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung.

Bürgermeister Dittmann sagt: "Wir müssen Demokratie für Kinder erlebbar machen." Sie sollten sehen, "dass hinter den Mauern des Rathauses normale Leute sitzen, die nach Lösungen suchen".

In den Thalheimer Ratssaal sind auch einige erwachsene Stadträte gekommen. Einer möchte auf einer betonierten Freifläche der Grundschule feste Kunststoffsitze aufstellen lassen, für kleine Open-Air-Veranstaltungen. Kosten: etwa 6000 Euro.

Von den Kindern kommt schnell Widerspruch. Sitzkissen wären schöner, findet Sechstklässlerin Stacey. Die Runde nickt, Dittmann stimmt zu. Er schlägt zusätzlich Sitzsäcke vor, in denen Schüler in den Pausen chillen können. Und er will einen Tageslicht-Beamer anschaffen. Die Jungs freuen sich schon auf gemeinsames Fußballgucken zur Europameisterschaft 2020. Also wird der Plan geändert: An Thalheims Grundschule soll es bald weiche Kissen statt harter Sitze geben. Der überstimmte Stadtrat nimmt die Ablehnung seiner Idee mit einem Lächeln hin.

"So, wie die Leute euch erziehen, könnt ihr auch sie erziehen", sagt der Bürgermeister. Die Mädchen lachen.

Die Idee zu den Kinderbürgermeisterinnen hat sich Dittmann in der fränkischen Partnergemeinde Markt Roßtal abgeschaut. "Kinder haben einen anderen Blickwinkel", sagt er. "Den wollen wir kennen." Doch Kinder nach ihren Wünschen zu fragen ist auch ein Wagnis. Nach dem Start der Kinderbeteiligung 2017 kam schnell eine teure Wunschliste zusammen: Erlebnisbad, Konzerthalle, Kinderkino, Indoor-Spielplatz. Der Bürgermeister musste erklären, dass sich die Stadt nicht alles leisten kann.

Seit Amtsantritt haben Nikita und Josy reguläre Ratssitzungen besucht und einige Termine bestritten. "Ich dachte mir, wenn ich eine Idee habe, kann ich die als Bürgermeisterin besser einbringen", erzählt Nikita. "Außerdem setzen wir uns für andere Kinder ein – das finde ich gut."

Allerdings ist der Freizeitjob auch eine Belastung für die Viertklässlerinnen. Schule bis 13 Uhr, Sport am Nachmittag und jetzt noch Lokalpolitik. Nikitas Vater beobachtet das Engagement daher mit gemischten Gefühlen. "Man hört wirklich auf die Mädchen und gibt sich viel Mühe, dass die Idee gelebt wird", sagt er. "Aber es ist auch Stress, die Termine dürfen nicht zu viel werden." In der Partnergemeinde Markt Roßtal trat der Kinderbürgermeister vor einigen Wochen zurück, wegen Überlastung.

Vielen Kindern und Jugendlichen geht die Partizipation jedoch nicht weit genug. Laut einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des Deutschen Kinderhilfswerks halten es sieben von zehn Kindern und Jugendlichen zwischen 10 und 17 Jahren für wichtig oder sehr wichtig, in ihrer Stadt oder ihrer Gemeinde stärker mitzubestimmen. Sechs von zehn wollen in ihrem Wohngebiet mehr mitgestalten, fast acht von zehn in Deutschland insgesamt.

In Thalheim wird immerhin schon ein neuer Spielplatz gebaut. Nikita und Josy sollen die Eröffnungsrede halten.

"Fridays for Future" - unter diesem Motto gehen Zehntausende Schülerinnen und Schüler in Deutschland seit Monaten auf die Straße, um sich für mehr Klimaschutz stark zu machen. Sie fordern politische Mitbestimmung, haben aber kein Wahlrecht. Welche Möglichkeiten haben Kinder und Jugendliche noch, wenn sie mitreden, mitentscheiden wollen? Was wollen sie anders machen als Erwachsene? Und auf welche Widerstände stoßen sie? Diesen Fragen geht der SPIEGEL in einer Themenwoche mit Reportagen, Berichten und Interviews nach.