Machtkämpfe am Werkstor

Seit zwei Wochen streiken die 600 Beschäftigten von Halberg Guss in Leipzig für den Erhalt ihrer Jobs. Der Ausgang ist völlig ungewiss.

Manchmal knistert die Spannung am Werkstor von Halberg Guss in Leipzig, dort wo seit zwei Wochen mehr als 600 Arbeiter für ihre Jobs streiken. Am Mittwoch kurz vor 11 Uhr ist so ein Moment. Da steht der weiße 40-Tonner mit polnischem Kennzeichen auf der Linksabbieger-Spur der Hauptstraße, er blinkt beharrlich, kann aber nicht los. In der Werkseinfahrt stehen Arbeiter mit grimmigen Mienen und weichen keinen Zentimeter. „Der kommt hier nicht rein!“, murrt einer. Erst als ein Polizeibeamter auf die Streikenden zugeht und eine Weile mit ihnen spricht, gehen die Männer widerwillig beiseite. Tagelang war die Zufahrt vollständig blockiert, doch die Firmenleitung erwirkte eine einstweilige Verfügung, es gab Handgemenge auf offener Straße. Nun werden die letzten Lagerbestände abgefahren.

Quer durch die Werkseinfahrt ist seit Dienstagabend eine rosa Linie gesprüht – eine richterlich verordnete Demarkationslinie für jene, die nicht aufs Gelände dürfen. Wachleute einer Security-Firma und eine Videokamera wachen darüber. Der weiße Laster darf passieren, um Bauteile für Volkswagen abzuholen. Bei Halberg Guss in Leipzig kochen die Gießer Stahl bei über 1000 Grad zu Motorblöcken für VW und dessen LKW-Schmieden MAN und Scania in Schweden, ebenso für Iveco, Opel und Deutz. Doch nun bekommen die Autofabriken den Streik in Leipzig deutschland- und europaweit immer stärker zu spüren, sie müssen ihre Produktion bereits bremsen. Denn die Stahllegierungen sind kein profanes Handwerk. „Die Kollegen sind kleine Künstler“, sagt IG-Metall-Gewerkschaftssekretär Hein Volkmer. Eigentlich müssten die Gießer jetzt drinnen im Werk arbeiten, doch seit zwei Wochen stehen sie auf der Straße. „Hier arbeitet kein Mensch“, sagt Volkmer. Nur Notarbeiten laufen, etwa, um den Stahlofen in Gang zu halten. „Wir wollen unseren Standort nicht beschädigen.“

Neben der Werkseinfahrt von Halberg Guss hat ein Nachbarbetrieb seine überdachten Stellplätze freigeräumt. Darunter hocken die Streikenden im Schatten und spielen Skat oder Tischtennis. Für die WM-Spiele gibt’s eine Satellitenschüssel und eine Leinwand. Den ganzen Tag glüht der Grill, Rauschschwaden ziehen über den Hof, in der Einfahrt stehen Feuertonnen für die langen Nächte. Davor steht ein Lieferwagen und bringt Brötchen und Getränke, im Hintergrund läuft Popmusik. Am Werkszaun steht auf einem Transparent: „Hast du Prevent im Haus, geht dir bald die Arbeit aus!“

Die umstrittene Prevent-Gruppe ist der Mutterkonzern von Halberg Guss, der seit zwei Jahren Machtspiele mit Volkswagen treibt. Sie will den Leipziger Standort Ende 2019 schließen, inklusive Leiharbeitern sind 700 Jobs betroffen. Im Mutterhaus in Saarbrücken sind es nochmal mindestens 300. Mit dem Streik wollen die Beschäftigten nun ordentliche Sozialverträge erreichen. Die IG Metall verlangt für jedes Jahr Betriebszugehörigkeit dreieinhalb Monatsgehälter, plus vier- und fünfstellige Zulagen für Gewerkschaftsmitglieder, für Schwerbehinderte und für Kinder. Zudem geht es um eine Transfergesellschaft für Umschulungen nach der Schließung. Die Belegschaft will sich so teuer wie möglich verkaufen. „Dafür stehen wir hier“, sagt Betriebsratschef Thomas Juers, 46, der den halben Tag am heißen Grill „Streik-Burger“ wendet. „Wir haben immer ordentlich geliefert.“ Schon sein Vater war Gießer im Betrieb, 1999 kam der Sohn als Industriemechaniker dazu. „Die Leute identifizieren sich mit dem Betrieb“, sagt Juers. „Das ist wie Familie.“

Doch für die 620 Festangestellten würde das geforderte Paket unterm Strich 270 Millionen Euro kosten, argumentiert Prevent und verweigert weitere Verhandlungen. Die Hoffnung und das Kalkül der Gewerkschafter könnte dabei auch ein anderes sein: Man will die Kosten einer Schließung in die Höhe treiben, um das Aus zu verhindern. Kunden gibt es ja genug: Die Kollegen von Halberg Guss arbeiten rund um die Uhr und am Wochenende. Einer von ihnen ist Roger Jäger, 53, gelernter Elektriker. Er hat schon 1988 beim Vorgänger VEB Metallgusswerke Leipzig angefangen. Nun arbeitet er für die Maschinen-Instandhaltung, seit 2012 ist er Teamchef. Jäger sagt: „Ich will eigentlich keine Abfindung. Ich will lieber noch zehn Jahre arbeiten.“ Doch die Kollegen seien sauer auf die Geschäftsführung, weil die ihre Macht auf Kosten des kleinen Mannes ausspielt – deshalb stehe er auf der Straße.

Immer wieder ergreift jemand das Mikrofon: Frank Paetzold, Leiter der Vertrauensleute bei Volkswagen aus Wolfsburg, überbringt solidarische Grüße der VW-Kollegen. Eine Lehrerin kündigt für den nächsten Tag den Besuch ihrer Schüler mit eigenen Texten und Bildern an. IG-Metall-Chef Bernd Kruppa sagt für Samstag den Besuch von Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) und schon für Freitag Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) an. Die Leute klatschen. Kruppa bringt auch einen Treuhandfonds ins Gespräch, an dem sich die Autokonzerne beteiligen sollen, um den Betrieb zu retten. Das wäre allemal günstiger, rechnet er, als Geschäfte mit Prevent zu machen. Aber so ein Deal kann dauern. Stehen die Streikenden also Weihnachten noch immer vorm Werkstor? Kruppa zuckt mit den Schultern.