Lieblingsstadt Leipzig

Weltoffenheit, Toleranz und Zufriedenheit stehen hoch im Kurs in der Messestadt. Auch deshalb fühlt sich Max Steilen hier wohl – wie die meisten anderen Bewohner.

Wenn Max Steilen, Herr eines Mini-Brillenlabels in Leipzig, seine Gäste im “Showroom” in der “12. Etage” empfängt, ist das eine ganz besondere Form der Kundentäuschung. In Wahrheit liegt der Laden, den man kaum so nennen kann, in einer Zwei-Raum-Wohnung eines Plattenbaus am Dorotheenplatz. Bis in den sechsten Stock muss man die Treppen steigen, Aufzug gibt es nicht. Die Kunden sind trotzdem bereit, mindestens 345 Euro für eine seiner hochwertig designten “St. Eilen”-Brillen hinzulegen.
Max Steilen, ein etwas grau melierter 37-Jähriger mit gelber Strickmütze und dunkelblauem Dufflecoat, will seine Gäste gar nicht bösartig hinters Licht führen. Er ist auch kein DDR-Nostalgiker oder Sozialist. Er witzelt nur gern ironisch über die Selbstvermarktung in der Konsumgesellschaft. Und seine Gäste mögen seine sympathische, offene und geduldige Art. Außerdem werden sie im Showroom mit einem fulminanten Blick auf die Innenstadt mit Thomaskirche, Rathausturm und Uni-Riesen belohnt – was beim Brillen-Kauf ja auch nicht unwichtig ist.
Eine SZ-Umfrage hat ergeben, dass die Leipziger zu den zufriedensten Leuten in Sachsen zählen: Die meisten Bürger in der Stadt der Montagsdemos sind einverstanden mit der Demokratie, die wenigsten haben Angst vor islamistischem Terror oder sehen sich als Bürger zweiter Klasse. Der Autor der SZ-Umfrage, der Soziologe Gert Pickel, beschreibt klare Unterschiede “zwischen dem eher kosmopolitisch ausgerichteten Leipzig, dessen meisten Einwohner mit den Herausforderungen der Globalisierung gut zurechtkommen und dem eher klassischen Gedanken von Heimat verbundenen ländlichen Bewohner Sachsens”.
Um die akademische Sicht auf die Spezies “Lipsigensis” besser zu verstehen, sollte man sich ihr aber volkskundlich nähern. Max Steilen ist ein gutes Objekt dafür. Er ist im Januar 1981 in Magdeburg geboren und einer der vielen Zugereisten, die heute die Mehrheit der Stadtgesellschaft stellen. Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) hat schon vor einer Weile vorgerechnet, dass mehr als jeder zweite Leipziger im Jahr 1989 noch nicht in der Stadt war. Jung sagt: “Leipziger ist jeder, der kommt!”
Steilen also auch. Er kommt als Schüler Anfang der 90er-Jahre nach Leipzig und erklärt die neue Heimat bald zu seiner Lieblingsstadt. Obwohl Mitschüler ihn erst mal zum “Wessi” abstempeln, weil Max nach dem frühen Tod der Mutter vorübergehend bei Angehörigen in Niedersachsen aufwuchs. Der Junge geht auf die 43. Sport-Mittelschule, kommt dort aber ins Wirtschaftsprofil, das ihn für die nächsten Jahre prägt. Er absolviert eine Ausbildung bei Fielmann, macht Karriere im Brillen-Konzern, lebt in Plön und Lübeck. “Aber immer, wenn ich im Leipziger Hauptbahnhof aus dem Zug gestiegen bin, ging mir das Herz auf”, sagt er. “Das ist Zuhause.” Also kommt der aus dem Rahmen fallende Optikermeister 2012 zurück, macht sich selbstständig und bleibt.
Die Liebe für die Stadt hat nicht nur etwas damit zu tun, dass alle wichtigen Orte per Rad zu erreichen sind. Und nicht nur mit dem Auwald, den vielen Parks und den Seen vor der Haustür. Leipzig sei vor allem eine Stadt von sympathischen Menschen, die kleine Brötchen backen. “Statussymbole haben hier weit weniger Bedeutung als in anderen Metropolen”, sagt Steilen. “Leipziger sind unprätentiös.”
Soll heißen: Bescheiden, einfach, schmucklos. “Diese Genügsamkeit bringt viel Ruhe in die Stadt.” Aber was war das damals mit der großspurigen Olympia-Bewerbung und dem Hypezig-Kult der letzten Jahre? Naja, sagt Steilen. “Eine Stadt braucht Selbstbewusstsein.” Aus den Initiativen sei auch viel Gutes entstanden. Seiner Meinung nach könnte das Rathaus ruhig noch mutiger sein, im Gewandhaus und am Schauspielhaus etwa auch mal Neues wagen statt ständig auf die Klassiker zu setzen. Manchmal hätte Steilen sogar Lust, es gleich selbst zu probieren: Oberbürgermeister.
An der Tür von Steilens “Showroom” hängt ein altes blau-weißes Straßenschild aus DDR-Zeiten: Straße der Freundschaft. Das passt. Steilen kennt Hinz und Kunz in der Stadt, Krethi und Plethi auch. Die Frau vom Oberbürgermeister trifft er auf einem Fotoshooting. Bekannte Leipziger Maler haben sein Kunden-WC gestaltet. Er hält Kontakte zu Rappern und Schriftstellern, Journalisten und Modemachern, Autoschraubern und Geschäftsleuten aus der High Society, die mit Ferrari vorfahren. Er hat 4 500 Facebook-Kontakte.
All das ist natürlich Teil des Business. Aber es ist auch typisch für diese Stadt: Vernetzt zu sein, Leute zu kennen, offen zu sein für neue Kontakte. Oder wie Stadtforscher Sebastian Lentz sagt: Das Grundgefühl, die Welt sei in Leipzig zu Gast, wird hier gelebt. Mehr noch: Die Stadt lebt davon, mit der Welt vernetzt zu sein. Mittlerweile hat fast jeder siebte Leipziger einen Migrationshintergrund, die allermeisten stammen aus Osteuropa und Vietnam. Nur jeder zehnte Ausländer ist ein Flüchtling aus Syrien.
“Sie haben ihren Platz in Leipzig gefunden, machen ihr Ding und tragen zur Stimmung in der Stadt bei”, sagt Steilen mit großer Gelassenheit. Soziologen beschreiben das Phänomen mit der “Kontakthypothese”: Je mehr Kontakt man mit Angehörigen anderer Gruppen wie ethnischen Minderheiten hat, umso mehr erkennt man, dass Kriminalität und Terror Ausnahmephänome sind. Positive Erlebnisse überwiegen.
Tatsächlich trifft man in Leipzig immer wieder auf Freunde von Freunden, auf Bekannte von Bekannten, gleich welcher Nationalität, weil der Austausch groß ist. Es ist ein Netzwerk des Leben-und-Leben-lassens: “In Leipzig kannst du sein, wie du bist und deinen Plan verfolgen”, sagt Steilen. “Außerdem findest du als Firmengründer günstige Mieten und hast für wenig Geld eine höhere Lebensqualität als anderswo.” Seine Devise lautet: Lieber mit dem Fahrrad an den Strand, als mit dem Mercedes ins Büro. Das gilt in der Stadt nicht nur für ihn.
Unpolitisch ist Leipzig damit nicht. Wenn Legida und andere Rechtsradikale durch die Straßen marschieren, protestieren regelmäßig zwei- bis dreimal so viele Bürger dagegen. Auch Steilen war schon dabei. Am 29. Januar 2017, seinem 36. Geburtstag, hielt Martin Schulz die erste große Rede als SPD-Kanzlerkandidat. Steilen sah per Facebook-Live-Übertragung zu und trat noch am selben Tag in die Partei ein. Weil er fand, dass Schulz am überzeugendsten und unbestechlichsten die Werte von sozialer Gerechtigkeit vertrat. “Ich will”, sagt Steilen, “dass auch für diejenigen gesorgt wird, die nicht für sich selbst einstehen können.” Das jetzige parteiinterne Tauziehen um die Große Koalition findet er passend für die verfahrene Situation.
Reich geworden ist Max Steilen bisher noch nicht von seinen hochkarätigen Brillen. Auch wenn er schon Kunden von 800 Brillen glücklich gemacht hat, reicht der Umsatz seines Ein-Mann-Unternehmens bisher nur für ein bodenständiges Leben.
Die “St. Eilen” gilt ihm dabei als die Essenz einer langen Suche nach der perfekten, schnörkellose Brille, die nahezu jedem steht. Deshalb gibt es bisher auch nur zweieinhalb unterschiedliche Modelle. Sie wurden unter anderem ausgezeichnet als Publikumsliebling beim Sächsischen Staatspreis für Design 2014 und beim Leipziger Gründerpreis 2015. Die Gestelle werden in einer Manufaktur in Rathenow gefertigt, verbaut wird feines Zellulose-Acetat aus Norditalien. Die Gläser werden in einer Jenaer Werkstatt geschliffen. Dazu gibt es ein Lederetui aus Pouch bei Bitterfeld von einem Lieferanten, der den Verschnitt aus der Innenraum-Verkleidung von Nobelautos verwendet.
Unterm Strich bleibt nicht viel fürs Familieneinkommen. Steilen lebt mit seiner Liebsten in einer Wohnung in Lindenau, sie suchen gerade einen Kindergartenplatz für den gemeinsam Sohn und bekommen dabei die Wachstumsschmerzen der Stadt zu spüren: Dass Eltern ständig um einen guten Betreuungsplatz bangen müssen, beklagt Max Steilen, dass mache seine Lieblingsstadt dann doch auch ein bisschen unattraktiv.