Leben mit dem Dämon

Hanka Rackwitz ist ein bekanntes TV-Gesicht. Die Fernsehzuschauer kennen sie als coole und offene Frau, die als Immobilienmaklerin unterwegs ist. Im Privatleben aber ist Hanka eine ganz andere Person. Sie leidet unter Zwangsstörungen.

Sie trägt gar keine Gummistiefel. Obwohl es eben noch geregnet hat und die grünen Gummitreter eigentlich zu ihrem Markenzeichen erklärt wurden. Stattdessen schlendert Hanka Rackwitz in hohen schwarzen Sportschuhen über den Hof des kleinen alten Wasserschlosses in Mücheln am Geiseltalsee zwischen Merseburg und Naumburg. Sie grinst und sagt, was zu erwarten war: “Ich geb‘ mal nicht die Hand, das mag ich nicht.” So geht es anderen Menschen vielleicht auch, aber bei Hanka Rackwitz ist es etwas anderes. Es ist ein Teil ihrer Geschichte.
Hanka Rackwitz! Millionen Fernsehgucker lernten die offene, lässige Frau kennen, seit sie im Herbst 2000 in der zweiten Staffel von Big Brother auftrat. Sie machte sich als “Hexe Hanka” einen Namen. Heute ist sie vor allem bekannt, weil sie seit sieben Jahren in der täglichen Vox-Dokuserie “mieten, kaufen, wohnen” als eine von vielen Immobilienmaklern unterwegs ist. Sie vermittelt dort vor laufender Kamera Wohnungen und Häuser im Raum Leipzig.
Mehr als 500 Sendungen hat sie seit 2009 gedreht, Hanka gehört zu den populären Gesichtern des Fernsehformats, das im Herbst vorerst auslaufen soll. Doch dieses Frühjahr hat die Frau, die 1969 in Dresden geboren wurde, alle überrascht. Sie veröffentlichte ein Buch mit einem eindeutigen Titel: “Ich tick nicht richtig”. Denn Hanka Rackwitz leidet unter Ängsten und Zwängen. Merkwürdige, kräftezehrende Handlungen und Kämpfe mit sich selbst bestimmen einen Teil ihres Alltags, mal mehr, mal weniger, je nach Stimmungen und Lebenslage.
Zurzeit zum Beispiel hat sie ein Problem mit der schönen Handtasche, die sie sich erst im Urlaub gekauft hat. Sie liegt im Kofferraum ihres kleinen schwarzen Autos. Hanka kann die tolle Tasche aber nicht mehr anfassen, seit sie bei einer unerfreulichen zwischenmenschlichen Begegnung dabei war. “An solchen Dingen kann Unheil kleben, die unangenehme Situation ist auf die Tasche übergegangen”, sagt Hanka Rackwitz. “Auch wenn ich weiß, dass es Nonsens ist – ich komm da nicht dran vorbei.” Sie fürchtet dann, in Panik zu geraten. Das würde bedeuten: Erstarren, weglaufen, in tiefer Verzweiflung nach Luft ringen, ehe sie langsam wieder runterkommt.
Am schlimmsten, sagt sie, sei das, was sie “magisches Denken” nennt. Ein unsichtbares Unheil, das ihrem hohen moralischen Anspruch an Mitmenschlichkeit widerspricht und das zum Beispiel an Orten und Plätzen klebt. Sie ging mal mit einem verheirateten Mann entlang einer Mauer spazieren, der ihr unvermittelt von seinem geheimen ausschweifenden Sexualleben erzählte. Dort kann sie nicht mehr hingehen – auch aus Angst vor der Angst. Anders läuft das beim Fernsehen. Da kommt sie immer wieder an neue Orte, die fremd sind und unbelastet. “An Plätzen, die keine Geschichte haben, kann ich mich gut bewegen”, sagte sie. Auch das Adrenalin, das an Drehtagen immer im Spiel ist, hilft: “Es macht die Macke kleiner. Dann kann ich zu mir sagen: Los Hanka, das ist jetzt der Job, der Dämon darf nicht kommen.” Nur wenn sie in ein Hotelzimmer kommt, muss sie es eben erst desinfizieren und das eigene Bettzeug aufziehen.
Auch Schuhe sind ein Problem. An Schuhen hängt Angst. Weil sie mit der Straße in Berührung gekommen sind. Hanka Rackwitz trägt vor allem deshalb gern Gummistiefel, weil man sie an- und ausziehen kann, ohne sie anzufassen. Und weil sie sich damit in den Bach stellen kann und die Stadt abwaschen, wenn sie nach Hause in das alte Wasserschloss kommt, wo sie seit vier Jahren eine Wohnung hat. Auch die neuen Sportschuhe lassen sich mit einem langen Schuhlöffel prima ohne Hände benutzen. Sie muss sie nur immer mal sauber machen: Also mitten im Gespräch von der Bank aufstehen und sie im regennassen Gras abwischen.
Hanka Rackwitz weiß natürlich, dass ihr Verhalten sinnlos ist. Sie ist ja nicht bescheuert, im Gegenteil. Sie ist schlau und extrem sensibel. “Aber der Dämon”, sagt sie, “ist eben da. Wie ein Klotz am Bein.” So richtig erklären und verstehen lässt sich all das nicht. Aber in 15 Jahren Therapien und Behandlungen hat sie gelernt, zu ihren Zwängen auf Distanz zu gehen und auch mal über ihre “Macken” zu lachen. Ihr Buch trägt den Untertitel: “Geschichten aus meinen Neurosengarten.”
Cornelia Exner ist Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Leipzig, sie hat über Zwangsstörungen habilitiert und forscht an neuen Behandlungsmöglichkeiten. Sie kennt Hanka Rackwitz nicht, aber ihre Erklärungen treffen genau auf sie zu: “Zwangspatienten leiden unter Vorstellungen und Bildern im Kopf, die Ängste, Ekel oder Abscheu auslösen”, sagt Exner. “Sie passen nicht zum eigenen Weltbild und zu eigenen Wertvorstellungen und lösen sehr unangenehme Spannungszustände aus.” Andere Menschen verabschieden sich schnell von kleinen Schreckensgedanken. Die Betroffenen entwickeln Zwänge. Auf der Suche nach Sicherheit waschen sie sich zehnmal hintereinander die Hände oder kontrollieren achtmal die Haustür und das Bügeleisen, ehe sie aus der Wohnung gehen. Exner sagt: “Einen logischen Zusammenhang zu den Ängsten muss es dabei nicht geben.”
Zwangserkrankungen gelten als schwere psychische Störung, weil sie eine selbstständige Lebensführung, Partnerschaften und eine Berufsausübung massiv beeinträchtigen können, erklärt Exner. Und oft kommen weitere psychische Leiden wie Depressionen hinzu. Etwa ein bis drei Prozent der Bevölkerung werden in ihrem Leben von Zwängen heimgesucht – in Deutschland sind das ein bis zwei Millionen Menschen. Weil aber Scham und Schuldgefühle groß sind, geben sich viele Betroffene gar nicht oder erst spät zu erkennen. Es dauert Jahre, ehe sie einen Psychologen oder Psychiater aufsuchen.
Ursachen für die psychischen Störungen können traumatische Erlebnisse sein – Angriffe etwa, Krieg, Tod, Verletzungen oder nicht bewältigte Trauer. Bei Hanka Rackwitz war es wohl der frühe Tod ihres Vaters. Er starb an Krebs. Damals war sie ein kleines Mädchen. Die Familie hat versucht, die Kinder von dem Schrecken fernzuhalten. Das Mädchen aber leidet darunter, dass sie nicht genug getrauert haben könnte. “Ein Schuldkomplex ist da”, sagt Hanka Rackwitz. “Der Tod meines Vatis war das traumatische Schlüsselerlebnis.” Der eigentliche Auslöser der Zwänge allerdings sei der Herbst 1989 gewesen, der Zusammenbruch des gewohnten Lebens in der DDR. “Wieder einmal zog man mir den Teppich unter den Füßen weg.”
Bei Zwangspatienten liegt häufig auch eine genetische Anfälligkeit vor. Der Austausch von Botenstoffen des Nervensystems kann gestört werden. Daher helfen mitunter auch Psychopharmaka, die den neurobiologischen Stoffwechsel günstig verändern, auch Hanka Rackwitz nimmt sie. Aber vor allem die Therapien haben vieles besser gemacht. Eine Form davon ist die Konfrontationstherapie, eine gängige Praxis bei der Behandlung von Zwangsstörungen. Dabei werden die Menschen in Begleitung eines Experten in genau jene Situationen gebracht, die sie am ehesten fürchten. Sie sollen ihre Horrorvorstellungen aushalten, um zu spüren, dass Angst und Unbehagen auch ohne Zwangsrituale abklingen. “Das klingt hart, ist aber in vielen Studien erfolgreich erprobt”, sagt Professorin Exner.
Die Crux: Viele Patienten schaffen es kaum, sich auf diese Konfrontationen einzulassen, und auch der Aufwand für die Psychologen ist enorm. Exner arbeitet daher nun mit einer anderen Therapieform, die den Patienten eine Neubewertung und Distanzierung von belastenden Gedankenspiralen ermöglichen will, ohne direkte Konfrontation. Erste Pilotstudien sind schon gelaufen, nun beginnt in Leipzig und Marburg eine weitere große Untersuchungsreihe. Teilnehmer werden noch gesucht. Hanka Rackwitz will vielleicht dazugehören.
Sie ist ja ohnehin schon in die Offensive gegangen und hat ihre Neurosen offenbart, es ist auch eine Form der Therapie. Ihre TV-Prominenz hat ihr den Weg geebnet. Wer würde sonst das Buch einer unbekannten Frau mit komischen Zwängen lesen? Das Buch hilft ihr, weil Menschen in ihrem Umfeld meist viel mehr Verständnis zeigen, wenn sie Bescheid wissen. Wie in ihrem kleinen Ort Mücheln. Es ist ja so: Wenn ihr im Laden etwas aus den Händen fällt, kann sie es unmöglich wieder aufheben. Der Boden! Nicht auszudenken! Also muss jemand kommen, auch wenn ihr das unendlich unangenehm ist. Bei ihr zu Hause kommt einmal im Monat ihre Schwester und macht die Wohnung wieder “angstfrei.” Sie schafft alles fort, was Hanka Rackwitz mit der Greifzange schon beiseite geräumt hat. In ihrem Buch erzählt sie auf 180 Seiten von all den Nöten, Kämpfen und Komplexen, von ihren Lebens- und Liebesgeschichten, ihren Niederlagen und ihren Auswegen. Sie will auch anderen helfen, sich ihren Kopfmonstern zu stellen. Die ersten 3 000 Exemplare sind verkauft.