„Wir wollen nur eine Chance“

Flüchtlingswohnhäuser wie in Leipzig bieten asylsuchenden Familien ein neues Zuhause und ermöglichen den Start in die deutsche Normalität – mit Licht und Schattenseiten.

Februar 2016

 

Ein einfaches Wohnhaus aus der Gründerzeit, hellgraue Fassade, vier Stockwerke. Im Erdgeschoss sind Schaufenster längst geschlossener Läden: Wer sich mit purer Normalität bemänteln will, ist in der langen Häuserzeile der Georg-Schwarz-Straße im Leipziger Westen gut untergebracht. Die unauffällige Adresse ist eine ideale Unterkunft für Flüchtlinge, die in Deutschland Hilfe und Sicherheit suchen. Acht Familien aus Afghanistan, Syrien, Tschetschenien, Albanien, Serbien und dem Kosovo leben hier in acht Wohnungen: 36 geflüchtete Menschen, unter ihnen 21 Kinder zwischen anderthalb und 18 Jahren. Zusätzlich zu ihren Zwei- und Drei-Zimmer-Wohnungen haben sie im Erdgeschoss einen Aufenthaltsraum, ein Spielzimmer, eine Teeküche und im Hinterhof einen selbst gestalteten Garten.

Das Haus ist eines von einem Dutzend kleiner Flüchtlingsquartiere in Leipzig, es bietet den Familien einen geschützten Raum für den Start in den deutschen Alltag. „Das dezentrale Unterbringungskonzept ist der richtige Weg“, sagt Ina Lackert, 49, Sozialarbeiterin des Trägervereins „Pandechaion – Herberge“. „Wir haben hier noch keine Übergriffe oder Anfeindungen erlebt.“ Die Frau mit den langen rotbraunen Haaren sitzt in einem kleinen Büro im Erdgeschoss und managt die Bedürfnisse der geflüchteten Familien: Deutschkurse, Schulfragen, Kita-Suche, Behördengänge, Arzttermine, Kontakte zum Fußballclub. Die Sozialarbeiterin hat zwölf Jahre im Nahen Osten gelebt, sie kann sich in die Nöte der Ankömmlinge einfühlen. „Unser Ansatz ist aber die Hilfe zur Selbsthilfe: Wir nehmen den Familien nicht alles ab. Wir zeigen ihnen, wie sie Anliegen selbst erledigen können.“

Familie Noor aus Masar-e Scharif zum Beispiel. Vater Firooz Noor, gelernter Zimmermann, leitete in der Heimat eine Tankstelle und hatte dort ein Haus. Doch die politische Stimmung in Afghanistan wurde für die liberal denkende Familie lebensgefährlich. „Ein Freund von uns wurde schon ermordet“, erzählt der 29-Jährige halb in deutsch, halb in englisch. Ende 2014 beschließen die Noors, nach Deutschland zu gehen. Das Auftreten der Bundeswehr in Masar-e Scharif hatte sie beeindruckt. „Ich wollte mein Land nicht verlassen. Aber ich wollte auch nicht, dass meine Kinder in der Angst leben, dass ihr Vater oder ihre Mutter morgen getötet werden.“ Mit seiner Frau Wasima und den drei Töchtern reist Firooz Noor fünf Monate über den Iran, die Türkei, Bulgarien, Serbien und Ungarn bis Sachsen. Im Frühjahr 2015 kommt er in Leipzig an, bei Ina Lackert in der Georg-Schwarz-Straße.

Inzwischen wachsen die Kinder zweisprachig auf: Deutsch und Dari. Tochter Rahna besucht eine Kita in der Nähe des Stadtzentrums. Ihre erste Angst hat die Fünfjährige überwunden, sie war schon in Leipziger Familien eingeladen. Allerdings müssen die Eltern das Mädchen jeden Tag eine Dreiviertelstunde mit der Straßenbahn zum Kindergarten bringen. „Drei Mal Umsteigen“, sagt Firooz Noor. Tochter Asma, 7, besucht seit Sommer eine Grundschule, 15 Minuten Fußweg von ihrem Haus entfernt. Anfangs war es nur eine DaZ-Klasse: Deutsch als Zweitsprache. Aber Asma hat schnell gelernt, sie lernt jetzt in einer regulären 1. Klasse Schreiben und dolmetscht manchmal für ihre Mutter. „Sie geht gern in die Schule. Manchmal möchte sie noch länger bleiben, wenn wir sie abholen“, erzählt der Papa. Die zweijährige Zuhal bleibt indes noch bei ihren Eltern. Die sind vor allem mit dem Spracherwerb beschäftigt: Firooz hat die Deutsch-Intensivkurse A1 und A2 mit Auszeichnung absolviert, 20 Stunden pro Woche. Jetzt löst er einen Gutschein über weitere 200 Stunden ein. „Ich muss es nicht – ich will.“ Außerdem möchte er dieses Jahr ein Praktikum absolvieren, mit einem Fensterbauer hat er schon gesprochen. Auch seine Frau Wasima hat seit August Deutschstunden, zweimal pro Woche kommt außerdem ein pensionierter Lehrer für eine Stunde ins Haus. Spätestens nächstes Jahr will Firooz Noor eine eigene Wohnung mieten. „Wir wollen es selber schaffen – wir sind ja nicht wegen des Geldes hier.“

Rund 68 000 Asylsuchende kamen voriges Jahr in den Erstaufnahme-Einrichtungen Sachsens an, fünfmal so viele wie 2014. Fast 5000 Flüchtlinge landeten in Leipzig. Die Stadt versucht die meisten Menschen nach der zentralen Erstaufnahme in Wohnhäusern oder Wohnheimen unterzubringen, einige kommen auch in Gemeinschaftsunterkünfte. Oft sind Kinder dabei: Ende 2015 gingen rund 1200 Schüler aus Flüchtlingsfamilien in DaZ-Klassen an 32 Schulen. Weitere werden eingerichtet.

Reibungslos läuft das nicht immer. Familie Haliti aus dem Kosovo verzweifelt am sächsischen Schulsystem. Der 18-jährige Sohn Pajazit muss Schleifen an einer Oberschule drehen, ohne weiterzukommen. Er kann keinen deutschen Realschulabschluss machen, weil er noch keine Noten erhält. „Ich hatte große Pläne, wollte studieren“, sagt Pajazit. „Jetzt frage ich mich langsam, warum ich noch in die Schule gehen soll.“ In Prizren habe er gute Noten gehabt und stand kurz vor einem Schulabschluss mit einer beruflichen Qualifizierung in Grafikdesign. Die Zeugnisse liegen übersetzt und beglaubigt vor. „Aber die Anerkennung dauert eine Ewigkeit.“ Stattdessen sitzt er mit viel kleineren Kindern in einer DaZ-Klasse und ist wütend. „Ich bin doch kein Baby.“ Seiner 16-jährigen Schwester Azemine ergeht es ähnlich: Nachdem sie vier Monate in einer DaZ-Klasse war, musste sie nach den Sommerferien alles in der 9. Klasse wiederholen.

„Natürlich müssen die Kinder deutsch lernen. Aber das System gibt ihnen keine Chance, mehr aus sich zu machen“, kritisiert die Mutter. „Wenn die Kinder ihre Motivation verlieren, beginnen die Probleme.“ Fatima Haliti war Radiojournalistin in Prizren. Sie floh mit ihren Kindern aus der Heimat, nachdem Serben der Roma-Familie zweimal das Haus abgebrannt und sie weiter angegriffen und bedroht haben. „Roma werden im Kosovo als ethnische Minderheit angefeindet, diskriminiert, geschlagen – und die Regierung verschließt die Augen“, erzählt die 45-Jährige. Auf der Flucht durch Serbien erleiden die drei einen Busunfall, sie schlagen sich trotzdem über Ungarn bis München durch, seit Anfang 2015 sind sie in Leipzig. Fatima Haliti spricht vier Sprachen, sie hat zwei Deutschkurse besucht und will bald den nächsten beginnen. Sie hilft für 1,05 Euro pro Stunde als Dolmetscherin bei der Heilsarmee. „Wir wollen kein Geld“, sagt sie. „Wir wollen nur eine Chance.“

Betreuerin Ina Lackert versucht zu helfen, führt Gespräche mit Lehrern und der sächsischen Bildungsbürokratie. Aber sie weiß: Bis zur Anerkennung von Schulabschlüssen können zwei Jahre vergehen. „Wir kriegen Pajazit nirgendwo unter, solange er nur Kopfnoten bekommt“, sagt sie. Andere Bewohner des Hauses haben es leichter. Sie erhalten Hilfe von engagierten Nachbarn, die zu Sprachtrainings und zur Nachhilfe ins Flüchtlingshaus kommen oder Kinder betreuen, während die Eltern Deutschkurse absolvieren. „Das“, sagt Lackert, „ist erlebte Willkommenskultur.“