„Selber machen!“

Auch wenn Schläge als Erziehungsmethode spätestens seit den 1980er-Jahren in Deutschland tabu sind – ein respektvoller Umgang und der Schutz von Kinderrechten muüssen im Alltag immer wieder neu verhandelt werden.

01/2016

 

Als die UN-Kinderrechtskonvention vor 25 Jahren beschlossen wurde, dachte man in Deutschland zunächst, dies sei vor allem eine Herausforderung für Entwicklungsländer. Bis heute ein Irrtum. Christa Preissing, Direktorin des Berliner Kita-Instituts für Qualitätsentwicklung, kann dazu erschreckende Beispiele erzählen. Noch immer gebe es Kitas in Deutschland, in denen Kinder mit Mullbinden ans Bett gefesselt werden, an Tischen fixiert und zum Essen gezwungen oder zur Strafe mit kaltem Wasser abgespritzt würden. „So etwas kommt uns zu Ohren“, sagt die Vize-Präsidentin der Internationalen Akademie (INA) für innovative Pädagogik, Psychologie und Ökonomie an der FU Berlin. Vor mehr als 300 Fachleuten aus dem Bundesgebiet sprach Preissing im November auf der Konferenz „Kinderrechte und Kinderschutz in pädagogischen Instituten“ in Halle (Saale).
Kinderrechte würden aber nicht nur verletzt, wenn ein Kind misshandelt werde, sondern auch, wenn Erwachsene nicht sehen und respektierten, was es schon kann. Dies machte Lothar Krappmann vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung klar. In der pädagogischen Arbeit bedeute es eine Entrechtung, Dinge für ein Kind zu tun, die schon im Rahmen seiner Möglichkeiten liegen. „Behütung ist nicht Anerkennung.“ Der frühe Ruf von Kleinkindern „Selber machen!“ müsse beachtet werden. „Es geht darum, Kinder nicht zu entmündigen, sondern in den eigenen Kräften zu stärken“, so Krappmann. „Beteiligung stärkt das Kind.“ Die Kinderrechtskonvention verlange, dass Kinder als Personen mit Rechten und eigenen Ansichten anerkannt werden – in Institutionen wie in Familien.
Der Appell von Christa Preissing an die Praktiker war demzufolge klar und deutlich: „Es tut gut, in den eigenen Instituten zu überprüfen, wie Kinderrechte im Haus angelegt sind.“ Kommunikation sei vielerorts noch eine Einbahnstraße mit Anweisungen, Verboten und Erklärungen – ohne Beteiligungs- und Beschwerderechte für Kinder. Ziel sei aber, dass Kinder lernen, wie sie lernen, dass sie Zutrauen zu sich selbst finden, respektvoll miteinander umgehen und sich Kompetenzen aneignen, um die Welt zu erschließen. „Bildungs ist ein produktives Geschehen, nicht re-produktiv“, betonte Preissing. „Wir müssen sie da stärken, wo sie etwas selbst entwickeln.“ Für viele Pädagogen-Teams sei es daher wichtig, fachlichen Austausch, kollegiale Beobachtung, Supervisonen und Evalutionen zuzulassen. „Wer sich darauf einlässt, macht sehr gute Erfahrungen.“
Dass allerdings gleiche Rechte für alle Kinder längst nicht umgesetzt sind, machte Norbert Hocke vom GEW-Vorstandsbereich Jugendhilfe und Sozialarbeit deutlich. Doch gute Arbeit von Pädagogen sei auch eine Frage der nötigen Rahmenbedingungen, die es zu schaffen gelte, und des veränderten pädagogischen Rüstzeugs. „Wir müssen die Biografien, die Erzieher mitbringen, schon in der Ausbildung thematisieren und in der täglichen Arbeit wie eine Hintergrundfolie beachten.“ Zentral seien in der Ausbildung künftig die Schwerpunkte Inklusion, Nachhaltigkeit und Rechte. Das Bildungs- und Förderwerk der GEW hatte die Konferenz finanziell unterstützt.
Historisch gesehen verlassen Kinder in der Moderne früher als je zuvor den Kreis der Familie und verschwinden in öffentlichen Bildungsinstitutionen, machte die Leiterin des Instituts bildung:elementar, Ursula Rabe-Kleberg, deutlich. Nun gehe es darum, ihnen gute Orte zu schaffen und Formen der Welt- und Selbsterkenntnis mit allen Sinnen zu ermöglichen. Dazu gehöre zuallererst das Spielen, Ausprobieren, Erfahrungen sammeln, Fragen stellen und Lösungen finden. „Spielen“, so Soziologin Rabe-Kleberg, „ist die Grundlage von Bildungsprozessen.“ Auch wenn manches Tun für Erwachsene schwer verständlich und mitunter schwer zu ertragen sei. Es dennoch zuzulassen, bedeutet auch, Kinderrechte zu schützen. Die Gastgeberin hatte ein Zitat des Kinderbuch-Illustrators Tomi Ungerer an die Leinwand geworfen. „Das größte Wort ist Respekt. Nur Respekt führt zu Frieden.“