Auf Mut folgt Wankelmut

Es wird wohl nichts mit dem Einheitsdenkmal in Leipzig: Der Wettbewerb muss völlig neu ausgeschrieben werden. Eine Blamage für die Stadt. Und Berlin kommt mit seinem Denkmal auch nicht voran.

15. Juli 2014

Mit ihren Montagsdemos im Herbst 1989 haben die Leipziger es zwar vermocht, die Berliner Mauer mit einzustürzen. An einem Nationalmonument für ihren Heldenmut scheinen sie aber zu scheitern. Der Bau eines Freiheits- und Einheitsdenkmals – wie parallel ein zweites auf dem Berliner Schlossplatz geplant wird – dürfte heute vom Leipziger Stadtrat vorerst beerdigt werden. Den Parlamentariern der Stadt liegt ein gemeinsamer, mehrheitsfähiger Antrag von SPD, CDU und Grünen vor, um das festgefahrene Wettbewerbsverfahren mit den zerstrittenen Architekten zu beenden. Zugleich soll der alte Ratsbeschluss für den umstrittenen Standort Wilhelm-Leuschner-Platz aufgehoben werden.
Damit sind die Leipziger noch radikaler als die Berliner: Am Schlossplatz der Hauptstadt verzögert sich der Bau des Entwurfs „Bürger in Bewegung“ in Form einer begehbaren Schale ebenfalls schon seit Jahren. Zurzeit behindern der Fund von Mosaiken aus der Kaiserzeit, eine zu steile Besucherrampe und die Entdeckung von Fledermäusen unterhalb des alten Sockels den Baustart. Eine Denkmals-Eröffnung zum 25-jährigen Jubiläum der Deutschen Einheit im nächsten Jahr scheint kaum noch realistisch – in Berlin wie in Leipzig.
Für Tobias Hollitzer vom Leipziger Bürgerkomitee ist das zu erwartende Aus „eine absolute Blamage“ für die Stadt, die sich als Zentrum der Friedlichen Revolution versteht. Doch über das Für und Wider des Denkmals wird schon seit dem Bundestags-Beschluss vom 9. November 2007 leidenschaftlich debattiert. Allein schon der dafür vorgesehene Standort Wilhelm-Leuschner-Platz wird kritisiert, weil er keine historische Rolle im ’89er Wendeherbst spielte. Die städtebauliche Entwicklung des brach liegenden Areals am Rand der Innenstadt hätte nur dem Rathaus unter Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) gut in den Kram gepasst. Bund und Freistaat stellen immerhin 6,5 Millionen Euro bereit.
Doch seit die Architektenentwürfe auf dem Tisch liegen, ist die Debatte vollends verfahren. Zunächst hatte sich eine Arbeitsgemeinschaft des Berliner Büros „Annabau Architektur und Landschaft“ und des Münchener Büros „M+M“ mit dem Entwurf „Siebzigtausend“ durchgesetzt. Ein riesiges Flächenrechteck mit 70 000 bunten Podesten auf 70 000 bunten Bodenplatten sollte an die Zahl der Demonstranten im Oktober 1989 erinnern. Der farbenfrohe Entwurf stieß aber auf Protest: Bürgerrechtler fühlten sich von dem spielerischen Modell veralbert. Daher lobte Oberbürgermeister Jung überraschend eine zweite Runde aus. Das neu aus dem Hut gezauberte Bewertungsgremium tauschte den zuvor Erstplatzierten durch den Drittplatzierten aus. Damit lag der „Herbstgarten“ der Leipziger Kunst-Hochschulprofessorin Tina Bara vorn. Bara, einst in der DDR-Opposition aktiv, plante eine grüne Hügellandschaft mit Apfelbäumen und Soundinstallationen, meterhohe Metallbuchstaben sollten den Slogan „Keine Gewalt“ ergeben. Kritiker lästerten, man brauche „nicht noch eine schlecht gestaltete Grünfläche“.
Parallel zogen Annabau und „M + M“ vor Gericht, weil sie sich mit dem Modell „Siebzigtausend” zu Unrecht zurückgestuft sahen – und das Oberlandesgericht Dresden gab ihnen teilweise Recht. Zumindest hätte das Rathaus nicht unvermittelt eine andere Jury einsetzen dürfen. Neben den juristischen Auseinandersetzungen kippte die politische Stimmung zusehends: Eine Stadtrats-Mehrheit war für keinen der Entwürfe mehr zu erwarten. Nun stellt das Stadtparlament alles auf Null, um noch einmal von vorn zu beginnen. Jung, bisher Verfechter des Denkmals, zeigt sich erleichtert über die „Atempause“. Am Ziel, in den nächsten Jahren doch noch ein Zeichen für die Friedliche Revolution zu setzen, hält er aber fest und will künftig eine breitere Debatte über die Ausgestaltung führen. Seine Stadtverwaltung soll dazu ein neues Verfahren vorschlagen. Zunächst aber muss das Rathaus hohe Rechnungen bezahlen – für das gescheiterte Verfahren.