"Ein Brexit wäre ein Desaster für die Wirtschaft"

Am 23. Juni stimmen die Briten in einem Referendum über den möglichen Ausstieg ihres Königreichs aus der EU ab. Philip Rooke, Chef der international agierenden E-Commerce-Plattform für T-Shirt-Druck Spreadshirt in Leipzig, stammt aus einer Grafschaft im Südwesten Englands - und hat für einen Brexit kein Verständnis. Er warnt vor den Folgen.

9. März 2016

 

Herr Rooke, können Sie die Neigung vieler Briten zum "Brexit" verstehen?
Nein, im Gegenteil. Ich betrachte die Brexit-Debatte in meiner Heimat mit großer Sorge. Ich bin stolzer Brite, bekennender Royalist, und ich kenne das Business in England, in Europa und darüber hinaus seit 20 Jahren. Insofern habe ich durchaus eine europäisch-globale Perspektive und fürchte negative Konsequenzen nicht nur für den internationalen Finanzplatz London, sondern für jene britischen Unternehmen, die in Europa aktiv und erfolgreich sind. Besonders die Online-Händler wie das große Modeportal Next und große Markennamen wie Burberry, Ben Sherman oder der weltweite Brauereikonzern SABMiller.
Soll konkret heißen?
Meiner Ansicht nach wäre ein Brexit ein Desaster. Die Händler und viele Marken auf der Insel, die im weltweiten Wettbewerb erfolgreich sind oder sein möchten, stünden regelrecht isoliert da und wären stark beeinträchtigt im Wettrennen mit Global Playern. Viele britische Unternehmen - und letzten Endes die gesamte Bevölkerung auf der Insel - würden darunter leiden. Start-ups hätten schlechtere Chancen, den Sprung auf den Weltmarkt zu schaffen, und etablierte Unternehmen wären gefährdeter, von Konkurrenten überrollt zu werden. Statt sich zu isolieren, sollte die britische Wirtschaft die Chancen der EU nutzen.
Aber in manchen Umfragen war nur eine knappe Mehrheit kleinerer Firmen in Großbritannien der Meinung, dass sich die EU-Mitgliedschaft positiv auf die Volkswirtschaft auswirkt. Warum?
Es sind oft kleinere Betriebe, die wenig exportieren und sich stattdessen über die Konkurrenz aus anderen EU-Staaten und über zu viel Regulierung aus Brüssel beklagen. Diese Umfragen bedeuten: Zu wenige britische Unternehmen erkennen und nutzen schon die Vorteile des europäischen Binnenmarktes. Besonders für den E-Commerce ist die EU aber eine Chance, Wettbewerbern aus anderen großen Märkten - allen voran USA und China - auf Augenhöhe zu begegnen oder ihnen sogar gefährlich werden zu können.
Was meinen Sie, haben Ihre Landsleute nicht verstanden?
Schauen Sie: Es ist doch kein Zufall, dass viele Internetgiganten aus den USA oder aus China kommen. Sie entwickeln sich in einem riesigen Markt, in dem sie schnell wachsen können. Ein amerikanisches Unternehmen etwa macht seine ersten Schritte in einem Heimatmarkt von 227 Millionen Internetnutzern, sein chinesisches Pendant hat Zugang zu 644 Millionen. Das macht sie vom ersten Tag an skalierbarer und attraktiv für Investoren. Aus ihrem großen Heimatmarkt heraus bringen sie sich für den globalen Vormarsch in Stellung. Aber in Großbritannien gibt es gerade einmal 57 Millionen Internetnutzer und somit potenzielle Kunden. Das Wachstum erreicht da rasch eine Grenze. Wenn sich ein Unternehmen aber als Teil der EU betrachtet, kann es sich in einem Markt von 400 Millionen Kunden entwickeln. Auch Spreadshirt wächst auf diesem Fundament und hat Märkte in den USA, Kanada, Brasilien und Australien erobert. Als Nächstes steht Asien auf dem Plan.
Das Online-Geschäft läuft doch grenzenlos. Welche Rolle spielt da die EU?
Onlinehändler haben in der EU vor allem drei Vorteile: Die Freizügigkeit, die Gemeinsamkeiten und - das klingt vielleicht überraschend - weniger Bürokratie. Das grenzenlose Onlinegeschäft ist auf den freien Warenverkehr über Ländergrenzen hinweg angewiesen. Ich glaube, viele Menschen haben schnell vergessen, wie aufwendig es in einem Europa der geschlossenen Grenzen war, Waren zu verschicken. Ebenso wichtig ist die Freizügigkeit der Arbeitnehmer. In unserem Hauptquartier in Leipzig arbeiten Kollegen aus 15 Nationen. Ohne dieses Team wäre Spreadshirt nicht in der Lage, so international zu agieren. Freizügigkeit innerhalb der EU bedeutet daher auch die Freiheit, genau die richtige Person für einen Job einzustellen - Sprach- und Kulturkenntnisse inklusive.
Spreadshirt nutzt die Freiheit auch, um die Leipziger Produktion nach Tschechien und Polen zu verlagern ...
Wir verstehen uns als gesamteuropäisches Unternehmen und schaffen Arbeitsplätze in der gesamten EU. Spreadshirt wird weiterhin in allen europäischen Ländern wachsen.
Doch auch die Differenzen zwischen vielen EU-Ländern und die Sprachenvielfalt sind auf dem Kontinent erhalten geblieben. Ist dies kein Hindernis?
Natürlich gibt es nach wie vor große Unterschiede. Für den E-Commerce zählen aber vor allem die Gemeinsamkeiten: Marketing und Versand sind relativ einfach zu handhaben, Steuer- und Rechtssysteme sind verhältnismäßig ähnlich, es gibt mehrere Online-Bezahl-Optionen, und auch Übersetzungen sind kein Problem. Angesichts der großen Chancen sind die kleinen Hürden leicht zu nehmen.
Ist die EU nicht trotzdem immer noch viel zu bürokratisch und an gängelnden Vorgaben orientiert - was nicht nur die Briten kritisieren?
Es wird zwar viel über die "Bürokratie-Krake" geschimpft. Aber meiner Meinung nach hat die EU den Verwaltungsaufwand in einigen Bereichen sogar verringert - besonders für Händler. Auch Datenschutz, Verbraucherrechte und Beschäftigung werden in Ländern, die EU-Vorgaben vernünftig handhaben, zunehmend einfacher.
Erleben Sie das bei Spreadshirt ähnlich?
Da Spreadshirt fast die Hälfte des Umsatzes außerhalb der EU macht, haben wir täglich den Vergleich. Wenn wir beispielsweise mit schweizerischen Steuern oder dem norwegischen Zoll zu tun haben - da wünschen wir uns oft EU-Regeln. Auch in den USA macht jeder Bundesstaat seine eigenen Gesetze. Und über die Schwierigkeiten, mit denen wir in Brasilien konfrontiert sind, könnte ich ein ganzes Buch füllen. All dies können sich die britischen Wähler eigentlich nicht zurückwünschen.