Leider nicht versetzt

Lehrkräfte, die in ein anderes Bundesland ziehen wollen, stehen schnell vor den Schranken föderaler Kultusbürokratie. Verschiedene Schulformen und Lehramtstypen, unterschiedliche Studienstrukturen, Ausbildungsabschlüsse und Vorbereitungsdienste quälen Pädagogen wie Schüler und Eltern. Jedes Jahr trifft es hunderte Kollegen, deren Versetzung gestoppt wird.

Der junge Gymnasiallehrer aus Sachsen fiel aus allen Wolken, als ihm gewahr wurde, was er bisher nicht ahnte. Ein schneller Umzug nach Thüringen zu seinem Lebenspartner – da brauche er schon sehr viel Glück, hatte man ihm gesagt. Das sei „wie ein Sechser im Lotto“. Jetzt hängt der 40-Jährige in der Schleife des Tauschverfahrens, in dem nur einmal pro Schuljahr entschieden wird. Ausgang ungewiss. Aus einem Bundesland, das über drohenden Lehrermangel klagt und als eins der wenigen nicht verbeamtet, ist es nicht so einfach wegzukommen. Familienzusammenführung hin oder her.

Deutschland – ein Flickenteppich divergierender Bildungssysteme. Kein Bundesland unterrichtet wie das andere, und obwohl es immer wieder Abwerbe-Aktionen gibt, verläuft ein Wechsel nach Schweden oder Spanien mitunter leichter als über die nächste Landesgrenze. Wer sich umhört in der föderalen Bildungsrepublik, erfährt viele Geschichten von Kolleginnen und Kollegen, die irgendwo festsitzen, eingemauert in die völlig unterschiedlichen Bausteine der Ausbildung und Ausübung des Lehrerberufs: Die Berlinerin, die einen „Master of Education“ erwirbt, damit aber nicht nach München darf, weil sie dort ein Staatsexamen braucht. Der junge Mann aus Rheinland-Pfalz, der nicht zu seiner schwangeren Freundin nach Flensburg ziehen kann, weil er nur ein Unterrichtsfach studiert hat. Die Passauer Studentin, die für ihr Referendariat zurück in die Lausitzer Heimat möchte, aber an der falschen Fächerkombination scheitert. Ein Kollege aus Nordrhein-Westfalen (NRW), der jahrelang prozessiert, um in Schleswig-Holstein sein Studienfach Informatik anerkannt zu bekommen. Von den Eltern schulpflichtiger Kinder, die bei einem Umzug auf ganz andere Anforderungen stoßen, ganz zu schweigen.

Formale Hürden

Nach einer Schätzung der Kultusministerkonferenz (KMK), von der die Deutsche Presse-Agentur (dpa) berichtet, wechseln zwar pro Jahr 6000 bis 9000 Pädagoginnen und Pädagogen vor oder nach dem Vorbereitungsdienst in ein anderes Bundesland. Doch bei rund 700 Fällen allein im Schuljahr 2011/12 verhinderten formale Hürden einen Wechsel. Dutzende verschiedene Schulformen und Lehramtstypen, unterschiedliche Studienstrukturen, Ausbildungsstätten, Fächerkombinationen und Abschlüsse, andere Vorbereitungsdienste und Versetzungsordnungen blockierten die Mobilität innerhalb der Bundesrepublik. Und die Familie ist hunderte Kilometer entfernt, man selbst jedes Wochenende auf der Autobahn. Verschärft werden die Differenzen durch gravierende Unterschiede in der Bezahlung von bis zu mehreren hundert Euro, seit die Länder durch die Föderalismusreform I in der Beamtenbesoldung autonom geworden sind und dies auch nach „Gutsherrenart“ nutzen (s. S. 20 ff.).

Dass die Landesregierungen nun über eine gegenseitige Anerkennung der Abschlüsse verhandelt haben, hat den Betroffenen bisher nicht geholfen. Sie müssen durchhalten, so wie Christina Beier. Drei Jahre harrte die 30-jährige Gymnasiallehrerin in Baden-Württemberg aus, ehe sie endlich zu ihrer Familie nach Braunschweig umziehen konnte. Zunächst hat sie eine schöne Stelle in Ellwangen, doch ihr Lebensgefährte, der sie begleitet, findet dort keinen Job. Die Beziehung geht in die Brüche. Spätestens von da an fühlt sie sich nicht mehr wohl in der Region, will wieder weg, so sehr ihr die Arbeit an der Schule auch gefällt. Doch damit beginnt eine bittere Durststrecke voller Ungewissheiten: Alle Jahre wieder bewirbt sie sich für einen Wechsel, füllt seitenweise Formulare aus, beschreibt mehrmals in einem Seelenstriptease ihre Beweggründe.

Doch Baden-Württemberg gibt sie nicht frei – weil im aufnehmenden Land kein Ersatz aufzutreiben ist. Erst nach drei Jahren Wartezeit bekommt sie endlich grünes Licht, auch ohne Tauschpartner. Plötzlich muss sie binnen drei Wochen alle Formalitäten klären und ihre Sachen packen. Heute unterrichtet sie an einer Gesamtschule, an der sie sich beworben hatte. „Ich bin beruflich und privat endlich angekommen“, sagt sie. Dafür nimmt sie auch in Kauf, dass sie in Niedersachsen netto rund 100 Euro weniger monatlich verdient, weil das tarifliche Bruttogehalt in Baden-Württemberg generell höher ist. Weiterer bitterer Beigeschmack: Ihren Status als Beamtin auf Probe hat man ihr in Niedersachsen nur teilweise angerechnet und damit um mehr als ein Jahr verlängert. Für eine volle Anerkennung der drei Jahre fehlten ihr nur ein paar Wochen. Nun muss sie bis Juli warten. Ein letztes Stückchen Ungewissheit.

Typische föderale Kleinstaaterei bekommen schon frisch ausgebildete Lehrkräfte bei der ersten Bewerbung zu spüren. Es sind Kollegen wie Thomas Becker, heute Gymnasiallehrer für Deutsch und Geschichte an einer beruflichen Schule in Heilbronn. 2010, nach Studienabschluss in Leipzig und Auslandserfahrungen in Kalifornien, suchte er bundesweit eine Stelle. „Von der Hallig Hooge bis zu den Alpen war mir alles recht“, sagt er. Also bewarb er sich in acht Bundesländern – mitsamt acht ärztlichen Attesten, acht Geburtsurkunden, acht polizeilichen Führungszeugnissen, acht Sätzen beglaubigter Kopien seiner Unterlagen. Becker versteht nicht, warum jedes Bundesland auf Originale besteht – noch bevor klar ist, ob es überhaupt vakante Plätze gibt. „Dieser teure Aufwand für junge Menschen vor dem Berufseinstieg, die wenig Geld haben, muss doch nicht sein“, meint der Lehrer.

Mobilität mit Auflage

In Zukunft soll alles leichter werden, denn der Bund hat Druck ausgeübt. Ex-Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) hat den Ländern eine „Qualitätsoffensive“ für die Lehrerausbildung in Aussicht gestellt, ein Paket von 500 Millionen Euro jährlich bis 2023. Doch sie hat die Auszahlung an eine Bedingung geknüpft: Die Mobilität soll durch eine schrankenlose Anerkennung der Lehramtsabschlüsse erleichtert werden. Über die Vereinbarung zur Lehrermobilität hat die KMK allerdings lange gerungen. Nach der jüngsten KMK-Sitzung am 7. März gab es immerhin einen Länderbeschluss, dass ab 2014 alle Lehrerexamen bundesweit anzuerkennen sind (s. S. 4).
Dabei könnte alles so schön sein. Wie das Beispiel von Susanne Nentwig zeigt. Die 25-Jährige erwirbt im September 2012 den Masterabschluss in den Fächern Musik und Französisch in Leipzig und kann schon im Februar in Braunschweig ein Referendariat beginnen. „Die Abschlüsse zwischen Sachsen und Niedersachsen sind gleichgestellt, ich musste keine Qualifikationen nachholen, auch der Wechsel zum Halbjahr war kein Problem“, erzählt sie. Und dass man in Niedersachsen mehr Gehalt bekommt als in Sachsen, verbeamtet wird und weniger Stunden unterrichten muss, sei ein „zusätzlicher, sehr netter Nebeneffekt“. Mancher Kollege, manche Kollegin wird sie darum beneiden.