„Forschungsklau"

Forschungsleistungen des akademischen Nachwuchses werden mitunter regelrecht „geklaut“ – und die Wissenschaftler in spe nehmen dies aus Angst vor Nachteilen für die Karriere hin. „Forschungsklau“ hat viele Formen und Facetten.

Machtverhältnisse in der Wissenschaft nehmen manchmal bizarre Formen an: eine promovierende Meereskundlerin, die täglich die Forschungsrobben versorgt, weil sie noch immer auf das Gutachten ihres Doktorvaters wartet. Ein Kulturwissenschaftler, der jahrelang Lexikonartikel verfasst – die jedoch unter dem Namen des Institutsleiters erscheinen. Fast schon sprichwörtlich ist die jahrzehntealte Geschichte des Doktoranden, der jeden Morgen den Hund seines Professors Gassi führt. Fakt ist: Das 40 Jahre alte „Ihr da oben – wir da unten“ funktioniert im akademischen Alltag bis heute.

Besonders heikel wird es, wenn Professoren Abhängigkeitsverhältnisse ausnutzen und sich weit über Gebühr der Forschungsergebnisse von Promovenden bemächtigen. Etwa wenn Leitungspersonen für sich einen Vorteil aus der Arbeit junger Nachwuchswissenschaftler ziehen – und deren Mitarbeit verschweigen. „Professoren bei der Recherche zu unterstützen und ihnen für eine Publikation zuzuarbeiten ist noch normal“, sagt Johannes Moes, Sprecher der GEW-Projektgruppe Doktorandinnen und Doktoranden. „Doch die Frage ist: Wo hört die bloße Zuarbeit auf? Wo ist die Grenze? Es darf auf jeden Fall nicht so weit gehen, dass Nachwuchsforscher ihrer Ideen beraubt und um die Früchte ihrer eigenen Arbeit gebracht werden.“

Mehr noch. „Ehrenautorschaften“ ohne wesentlichen Beitrag des angeblichen Verfassers sind ein klarer Verstoß gegen die Regeln zur „Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“, wie sie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)* vor Jahren in einer Denkschrift aufgestellt hat. Kriterien, die die Universitäten für die Förderung durch die DFG auch anerkannt haben. Dennoch kommt solches Fehlverhalten im Verborgenen immer wieder vor. Es ist die oft nicht bekannte Kehrseite der Medaille in der Plagiatsdebatte um Ex-Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) und andere. Es sind Geschichten derjenigen, deren Forschungsarbeiten andere schamlos ausgebeutet haben – wie im Fall einer Wissenschaftlerin aus den östlichen Bundesländern.**


Kein Einzelfall

Vor rund einem Jahr beginnt die Leidensgeschichte der heute 31-jährigen Arbeitslosen. 2006 macht sie ihr Diplom in Systems Engineering. Nach einem Ausflug in eine Softwarefirma kehrt sie an ihre Hochschule zurück, wird 2010 gemeinsam mit einer Psychologin beauftragt, über Kompetenzen von Fabrikplanern zu forschen. Sie entwickelt Fragebögen, hält erste Testworkshops ab, lässt die Teilnehmenden Lego-Modelle bauen, schreibt Beobachtungsbögen und Beurteilungen. Dann geht sie in Mutterschutz, schwanger mit dem ersten Kind. In ihrer Abwesenheit veröffentlicht der Moderator der Workshops zusammen mit dem Lehrstuhlinhaber Ergebnisse ihrer Fragebögen in einem Tagungsband. „Man hat einfach einen Teil meiner Forschungsergebnisse genommen und daraus hinter meinem Rücken eine merkwürdige Veröffentlichung gestrickt“, beklagt sie. „Sie ist in Bezug auf die Daten sogar nachweislich grob fehlerhaft.“

Die Publikation entdeckt die Ingenieurin eher zufällig nach ihrer Rückkehr aus der Elternzeit. Doch alle Versuche, nachträglich Gerechtigkeit zu erlangen, scheitern. Weder zuständige Gremien noch externe Ombudsstellen noch Gespräche mit dem Rektorat führten bis heute zu einer Klärung des Falles. Im Gegenteil. Man habe ihr vorgeworfen, den Professor und den Ruf der Hochschule zu beschädigen. Ihr Vertrag wurde befristet und nicht mehr verlängert. Begründung: Das Vertrauensverhältnis sei gestört, eine weitere Zusammenarbeit nicht mehr möglich. „Mitten in meinem selbst konzipierten Drittmittelprojekt musste ich sämtliche Materialien übergeben und verlor damit auch noch die Grundlage für meine Doktorarbeit“, sagt sie. Mittlerweile klagt sie vor dem Arbeitsgericht.

Die junge Frau ist kein Einzelfall. „Forschungsklau“ kommt im akademischen Alltag in vielen Formen und Facetten vor. Dies offenbart der Ombudsman für die Wissenschaft***, den die DFG seit 1999 – lange vor den großen Plagiatsdiskussionen – eingerichtet hat. Die unabhängige Beratungs- und Vermittlungseinrichtung ist Ansprechpartner für Fragen guter wissenschaftlicher Praxis sowie Regelverletzungen durch Unredlichkeit. Allein 2011 hat der Ombudsman insgesamt 20 neue Verfahren bearbeitet. „Nicht selten sind diese Konflikte verknüpft mit problematischer oder inadäquater Doktorandenbetreuung und/oder Behinderung des wissenschaftlichen Nachwuchses“, heißt es im jüngsten Jahresbericht.

Die Art der Fälle ist vielfältig. Da werden schon mal Experimente wiederholt, nur um Autoren aus einer Arbeits- und Verfassergruppe auszuschließen. Berichtet wird das Beispiel eines Doktoranden, der befürchten musste, auf diese Weise in einer Publikation nicht mehr als Autor genannt zu werden, obwohl die Veröffentlichung für seine Karriere von Bedeutung war. Oder eine junge Kollegin aus Heidelberg. Sie entdeckte zufällig die Ergebnisse ihrer Doktorarbeit in einer wissenschaftlichen Zeitschrift – doch der Methodenteil war verändert worden und eine Zustimmung zu ihrer Zweitautorschaft offenbar gefälscht, wie die Wissenschaftlerin versicherte. Ein Fall, den der damalige Prorektor der Uni Heidelberg, Jochen Träger, vor ein paar Jahren ausführlich darstellte.

Fragliche Autorenschaft

Rund 350 Anfragen gingen in den ersten zehn Jahren an den „Ombudsman für die Wissenschaft“, Autorenschaftsfragen waren dabei am häufigsten. Dabei handelte es sich vor allem um Probleme von Diplomanden, Doktoranden oder Postdoktoranden. Bemerkenswert sei, dass sich nur in wenigen Fällen jüngere Wissenschaftlerinnen oder Wissenschaftler gegen Ehrenautorschaften unbeteiligter „Senior Scientists“ wehrten, stellte der Zehn-Jahres-Bericht fest: „Zum einen wird dabei diese ungerechtfertigte Beteiligung von Leitungspersönlichkeiten noch immer als normal angesehen und zum anderen spielt die Angst vor Benachteiligungen in der Karriere eine nicht unwesentliche Rolle.“

Die Doktorandinnen und Doktoranden in der GEW haben sich des Themas längst angenommen. „Promotion im Brennpunkt“**** lautet der Titel ihrer Broschüre mit Reformvorschlägen zu den oft prekären Arbeitsverhältnissen und Abhängigkeiten des wissenschaftlichen Nachwuchses. Die Nachwuchsakademiker fordern, wissenschaftliches Fehlverhalten bei allen Akteuren zu bekämpfen. Einziger Hoffnungsschimmer: Darauf zu bestehen, die DFG-Regeln einzuhalten, werde im Idealfall helfen, mehr Aufmerksamkeit auf die Opfer von Regelverstößen zu lenken. „Oft genug sind sie diejenigen“, heißt es in der Materialie, „die man um die Anerkennung ihrer Arbeiten geprellt hat und die jahrelang Zuarbeiten geleistet haben, ohne dafür entsprechende berufliche und wissenschaftliche Würdigung zu erhalten.“



*Deutsche Forschungsgemeinschaft: Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis. Denkschrift, 1998 www.dfg.de/foerderung/rechtliche_rahmenbedingungen/gwp/
**Name der Redaktion bekannt
***www.ombudsman-fuer-die-wissenschaft.de