„Kinder sind die besten Lehrmeister“

Für besonders gelungene Inklusion werden jährlich bundesweit drei Schulen mit dem Jakob-Muth-Preis ausgezeichnet. Die Grundschule an der Trießnitz in Jena gehört dazu. Durch die Aufnahme behinderter Kinder ist die ehemalige Grundschule ein Haus der offenen Türen geworden.

Sportschuhe, Jeans, blaues Poloshirt – Norbert Beckert hat schon optisch nicht viel gemein mit dem Klischee eines gestrengen Schuldirektors. Wenn der passionierte Fußballtrainer über die langen Flure „seiner“ staatlichen Grundschule an der Trießnitz in Jena läuft und durch die offenen Türen schaut, spricht der drahtige 50-Jährige viele seiner Schülerinnen und Schüler mit Namen an, spaßt herum, fragt nach unerledigten Aufgaben. Wer Beckert begegnet, versteht schnell, warum die Ganztagsschule mit dem Jakob-Muth-Preis für beispielhafte Inklusion behinderter Kinder ausgezeichnet wurde: Das Zusammenleben behinderter und nicht behinderter Menschen ist zuerst eine Frage der Haltung, der Offenheit und des Ernstnehmens von Heranwachsenden.

Eine Frage der Immobilie ist es jedenfalls nicht: Die Grundschule, die heute nicht mehr an der Trießnitz liegt, ist ein kaum sanierter DDR-Plattenbau. Doch das Team hat es sich schick gemacht. Jede der drei Etagen wird als eigenes „Lernhaus“ tituliert, mit je vier Lerngruppen der Klassenstufen 1 und 2 sowie 3 und 4, mit festem Lehrerteam und Horterziehern, mit denen die Kinder gemeinsam groß werden. In diesen bunten, lebendigen Lernhäusern nach schwedischem Vorbild verbringen die rund 200 Schülerinnen und Schüler ihre gesamte Grundschulzeit. Die kann je nach persönlicher Entwicklung bis zu sechs Jahre dauern. Dafür gibt es eine flexible Eingangsphase in Klasse 1 und 2 sowie ein Dehnungsjahr in Klasse 3 und 4. Dieser Ansatz ist nicht nur eine Notwendigkeit für die heute rund 30 Kinder mit Handicaps an der Grundschule. Sie kommt allen Regelschülern entgegen. „Wir haben schnell gemerkt, dass wir mit Frontalunterricht allein nicht weiterkommen“, erzählt Beckert. „Wir denken heute ganz anders über Unterricht nach und gehen individuell auf die Entwicklung der Kinder ein.“ Wie das gehen kann, zeigt ein Blick in den Alltag: In einem großen Raum im zweiten Stock haben zwei Lerngruppen gerade gemeinsamen Unterricht, es gilt, Samen von Tomaten, Kohlrabi und Sonnenblumen unter die Lupe zu nehmen.

Ort für Entdeckungsreisen

Die Kinder hocken in Grüppchen auf dem Boden. Joshi nimmt Jolina an die Hand und geht mit ihr durch den Raum, sie ist ein Mädchen mit Downsyndrom und braucht Hilfe. Mehrere Lehrkräfte, Erzieher und Sonderpädagogen begleiten die Lernzeit. Jolina nimmt immer wieder einen Sonnenblumenkern in die Hand und bestaunt seine Farbe und Form. „Sie ist offen, zugänglich und traut sich was zu“, sagt Lehrerin Jeanette Dölschner. Die Kollegin ist von Anfang an dabei. „Anfangs habe ich mich gefragt, wie das funktionieren soll“, erinnert sie sich. Heute findet sie: „Kinder sind die besten Lehrmeister.“ Erwachsene hätten oft viel mehr Berührungsängste.

Auch Kerstin Jehrings Klassenzimmer für die Lerngruppe 5 im Raum 2-09 ist ein bunter Ort für Entdeckungsreisen. Die Tafel hängt voll mit Buchstaben und Bildern, entlang der Wände stehen offene Regale mit Material für die Freiarbeit. Zwischen den Gruppentischen liegt ein runder Teppich mit einem Kreis von Bildern und kurzen Texten über die Vögel des Frühjahrs. Die Kinder haben ihn selbst gestaltet. Am Schrank kleben dicke blaue Kissen zum Anlehnen. „Jede Lehrkraft richtet sich ihren Raum ein, wie sie ihn benötigt“, sagt Beckert.

Kerstin Jehring hat drei Kinder mit sozialen und emotionalen Beeinträchtigungen in der Lerngruppe. Das Grundprinzip des Unterrichts ist simpel: Alle Kinder arbeiten am selben Thema, aber auf unterschiedlichem Niveau. Dazu verfügen alle über einen Wochenplan, der auf sie abgestimmt ist. Dafür sind freilich umfangreiche Absprachen und detaillierte Sitzungen nötig. „Der Lehrer muss seine Türen aufmachen und mit den Kollegen sprechen“, sagt Beckert. „Seinen alten Stiefel runterreißen – das geht nicht mehr. Man hat immer jemanden mit im Klassenzimmer.“ Anfangs sei nicht alles glatt gelaufen, gibt Beckert zu. Aber die Kolleginnen und Kollegen hätten gelernt, auf diese Weise zu arbeiten – und viel Spaß daran. „Man toleriert, dass man nicht fehlerlos ist und auch mal zurückstecken muss.“ Es war ein langer Weg.

Die Staatliche Grundschule besteht seit 1991 als normale Regelschule, Beckert ist seither ihr Schulleiter. Vor zehn Jahren haben sie begonnen, Kinder mit Handicaps zu integrieren. Der Wunsch kam damals von Jenaer Eltern. Sie hatten ihren Nachwuchs in integrativen Kindergärten untergebracht und suchten nach einer Alternative zur Förderschule. Die Stadt brauchte eine Einrichtung, die dazu bereit war. Beckert sagte zu. „Wir haben das als Chance begriffen“, sagt er. „Damals hat noch keine staatliche Schule in Thüringen inklusiv gearbeitet.“

Die Grundschule an der Trießnitz war seinerzeit eine einzügige Zwergschule mit nur 68 Kindern. Es war die Zeit, in der die Schulen des Freistaates ihr Profil ausprägen sollten. Sport allein sollte es nicht sein. Mit kleinen Schritten begann das Team, den Alltag aufzubrechen. Kursstunden und Freiarbeit hielten Einzug, später wurde der ganze Tagesablauf in Blöcken rhythmisiert. Ein Klingelzeichen gibt es heute nicht mehr. Beckert reiste zu einer Vorzeigeschule in die Steiermark mit jahrgangsübergreifendem Unterricht und Kindern mit Handicaps. „Ich war tief beeindruckt und dachte mir: Was die können, können wir auch.“

Seither beschäftigt sich Beckert permanent mit der Inklusion, immer wieder kommen neue Ideen und neues Unterrichtsmaterial hinzu. Ein junges Team von 13 Lehrkräften, fünf Sonderpädagogen, mehreren Lehramtsanwärtern, 13 Erzieherinnen und neun Schulbegleitern zieht dabei kräftig mit. „Fertig“, sagt Beckert, „werden wir wohl nie.“ Doch die Grundschule ist heute selbst ein Pilgerort für Fachleute, die sehen wollen, wie Inklusion gehen kann.

Alle geben ihr Bestes

Seit ein paar Jahren haben sie zum Beispiel einen „Snoezelraum“, eine Erfindung aus den Niederlanden. Das Zimmer ist komplett weiß eingerichtet, mit Wasserbett, Diskokugel, Musikanlage und Wassersäule. Der Rückzugsort für überdrehte Kinder mit Beeinträchtigungen dient vor allem der Entspannung und besseren sensitiven Wahrnehmung. „Unsere Autisten sind begeistert von der Wassersäule“, sagt Beckert. „Hier können sie sich beruhigen.“ Beckert, das Team und die Eltern haben zudem im Laufe der Jahre dafür gesorgt, dass es eine Spielothek sowie Lese-, Hausaufgaben- und Bauzimmer gibt, dazu im Hof diverse Spiellandschaften.

Gewandelt hat sich auch die Arbeit im offenen Hort. Wenn die Gruppen mittwochs in die Natur gehen, kann man Schüler beobachten, die einen Rollstuhl einen Hang hochschieben oder einen Bollerwagen mit anderen Kindern hinter sich her ziehen. Beim Spielen im Grünen sammeln Behinderte und Nicht-Behinderte gemeinsame Sinneserfahrungen. „Diese sozialen Erlebnisse machen unglaublich zufrieden und prägen die Kinder fürs Leben“, sagt Hort-Koordinatorin Katrin Dreier-Lippmann. „Jeder hier möchte die Inklusion und gibt dafür sein Bestes. Es ist toll, dabei zu sein.“