Lasst’s zappeln

Kinematics will mit einem Roboter-Bausatz den Spielzeugmarkt erobern. Auf sie wartet schon ein großer Player.

19. April 2014

Sie können mit dem Po wackeln, fahren, laufen oder krabbeln und mit einer Smartphone-App gesteuert werden: "TinkerBots", eine kleine feine Spielzeugneuheit aus simpel erscheinenden Plastiksteinen, die es in sich haben. Der Baukasten ermöglicht es, unendlich viele verschiedene, bewegliche und lernfähige Figuren zu kreieren. Elektronisch, aber kabellos und ohne komplizierte Bauanleitung oder Programmierkenntnisse. Eine Art "lebendiges Lego". Studenten der Bauhaus-Uni Weimar haben es erfunden, dann gründeten sie in Leipzig ihre Firma Kinematics. Mit Erfolg.
Das Produkt ist noch nicht mal richtig auf dem Markt, es gibt nur fünf ausgereifte Prototypen, und es wird auch noch nicht in Serie gefertigt. Dennoch heimsen die drei jungen Gründer schon seit drei Jahren Preise, Ehrungen und honorige Förderungen ein. Erst im März bei der Computermesse Cebit in Hannover erhielten sie den begehrten "Cebit Innovation Award", verbunden mit 30 000 Euro Fördergeld. Beim Gründerwettbewerb IKT des Bundeswirtschaftsministers 2012 erhielten sie dieselbe Summe. Die Sächsische Aufbaubank förderte sie gerade ein Jahr lang mit dem Stipendienprogramm Seed, nun investiert der Brandenburger Frühphasenfonds einen kleinen Millionenbetrag. Seither hat Kinematics einen zweiten Standort in Bernau nördlich von Berlin.
Ein roter Würfel ist das Herzstück der TinkerBots. Das "Powerbrain" enthält Steuerelemente, Akku und Netzwerkschnittstellen, die Steckverbindungen übertragen Daten und Strom, Servomotoren führen die Bewegungen aus. Zwei Patente sind für den Baukasten angemeldet. Obwohl das Thüringer Trio seit 2011 eher im Verborgenen forschte und entwickelte, rennt ihm nun eine Fangemeinde die Bude ein. Auf der Internetplattform Indiegogo läuft seit zehn Tagen eine Crowdfounding-Aktion wie die Feuerwehr: Allein bis gestern Mittag hatten 480 Unterstützer mehr als 156 000 US-Dollar (gut 110 000 Euro) investiert. Das angepeilte Ziel ist damit schon 40 Tage vor Ablauf weit überschritten und das limitierte "Early Bird Set" ausverkauft. Somit werden bald auch mehrere Hundert TinkerBots-Baukästen tatsächlich ausgeliefert. Ein Basis-Tierset kostet umgerechnet 165 Euro, ein Basis-Fahrzeugset 108 Euro und ein großes Sensorik-Set 360 Euro. Noch bis 25. Mai kann man sie bestellen, bis Weihnachten sollen sie beim Kunden sein. "Wir hätten nie erwartet, dass wir von einer solchen Welle überrollt werden", erzählt Kinematice-Mitbegründer und Entwickler Christian Guder.
Ein großer Teil des Ansturms kommt sogar aus den USA. Geschäftsführer Matthias Bürger war vor dem Start der Kampagne eigens nach San Francisco und New York gereist, um das Spielzeug Journalisten, Bloggern und einem Fachmesse-Publikum vorzustellen. "Die Idee wird in den USA enthusiastisch aufgenommen", sagt Guder. "Dort ist die Begeisterung für die Technologie noch größer, der Preis stört die Kunden weniger." Die Kinematicer rechnen jetzt mit 500 bis 1000 Kästen in diesem Jahr.
Kleine Chinesen schulen
Das eingespielte Geld reicht in erster Linie für die Herstellungskosten. "Uns geht es darum, potenziellen Investoren zu beweisen, dass Leute bereit sind, für unser Produkt wirklich Geld auszugeben", sagt Guder. Ziel ist es, künftig mittelständische Partner in der Spielzeugbranche zu finden, um die Serienproduktion zu starten und die Verkaufsregale der großen Spielzeugketten zu entern. Im nächsten Jahr soll der flächendeckende Vertrieb in Deutschland starten. Immerhin ist schon ProSiebenSat.1 mit eingestiegen, um eine zukünftige Fernsehvermarktung zu ermöglichen. Interesse weckt die Idee selbst in Asien. Ein deutscher Entrepreneur in Peking schreibt diese Woche auf der Crowdfounding-Plattform: "Ich sehe für eure Produkte ein Riesenpotenzial im Bereich Bildung, vor allem hier in China. Würde dies gerne mit Euch vertiefen." Allerdings sind die Kinematics-Gründer mit der Idee nicht allein auf der Welt. Spielzeug-Riese Lego baut sein Angebot an robotergestützen Baukästen kontinuierlich aus, und auch in den USA entwickelt "Modular robotics" ähnliche Systeme.
Begonnen hat das unternehmerische Abenteuer an der Bauhaus-Uni Weimar 2009. Der eigentliche Erfinder des Projekts, Leonhard Oschütz, hatte für eine Diplomarbeit im Fach Produktdesign seine Lego-Leidenschaft ausgelebt. Seine Idee war es, die Technologie des 21. Jahrhunderts in Bausteine zu verpacken, mit denen schon Kinder interaktive Roboter bauen und steuern können. So werden schon Grundschüler an Themen wie Mechanik, Sensorik und erneuerbare Energie herangeführt. Seither arbeitet Oschütz kontinuierlich am TinkerBots-Projekt. Produktdesigner Guder, sein früherer Kommilitone mit Industriemechaniker-Ausbildung bei Leica Microsystems und Bürger als promovierter Betriebswirtschaftler in Innovationsökonomik stießen vor zwei Jahren dazu. "Wir haben alle drei den gleichen Freundeskreis", sagt Guder und fügt schmunzelnd hinzu: "Das hilft uns, auch Krisen zu überstehen." www.indiegogo.com/projects/tinkerbots