So klingt Rolls-Royce: Harfenklänge statt Pieptöne

Eine Probefahrt um die Leipziger Messe, die auf eine Fortsetzung der AMI hofft.

31. Mai 2014

 

Die Königsklasse der Autowelt zeichnet sich dadurch aus, dass man sie beim Fahren nicht spürt. Mit 180 Sachen gleitet der Rolls-Royce-Ghost über die linke Spur der Autobahn zwischen Leipzig und Dresden wie ein Golf durch eine Tempo-30-Zone. Der 6,6-Liter-Turbo-Motor mit zwölf Zylindern ist weniger zu merken als die Klimatechnik im warmen Sitz. Auch die Figur "Emily" aus Rauchglas vorne an der Kühlerhaube rührt sich nicht. Eine kurze Probefahrt mit dem 323 000 Euro teuren Super-Luxusauto erlaubt dem Reporter zum Auftakt der Leipziger Automesse AMI einen Blick in eine Welt, die man sonst nur aus dem Fernsehen kennt.
Die "Coach-Dores" öffnen zur Mitte hin. In die vorderen Türen sind - very british - Regenschirme eingelassen. Hat man sich noch nicht angeschnallt, ertönt kein nerviger Piepton, sondern eine dezente Harfe. Die Innenausstattung des 5,40 Meter langen Wagens ist nur aus Holz, Leder und Edelmetallen, verziert mit Art-déco-Intarsien. Die Sitze der Rückbank sind einzeln verstellbar. Dem Fahrer stehen alle denkbaren Fahrerassistenzsysteme bereit, ohne dass das Armaturenbrett mit Knöpfen vollgestopft wäre. "Das Auto kann einfach alles. Mehr geht nicht", sagt Melita Relic, Verkaufsleiterin bei Thomas Exklusiv in Radebeul, einem der größten deutschen Händler für Luxusautos.
Dass die Rundfahrt möglich ist, ist auch eine Folge des Öffnungskurses von Rolls-Royce Deutschland-Chef Peter Schoppmann. Er möchte die Marke "sichtbar und anfassbar" machen. Die Ehrfurcht der Menschen soll einer Hochachtung vor der Handarbeit der 1300 Mitarbeiter in der Manufaktur im südenglischen Goodwood weichen. Öffnung lautet seit etwa vier Jahren die Strategie des hoch profitablen Unternehmens. Damals brachte Rolls-Royce die Business-Limousine Ghost auf den Markt, nachdem man jahrzehntelang nur den riesigen Phantom kannte, den man mit Königshäusern und Popstars samt Chauffeur in Verbindung bringt. Mit dem Ghost steigen die Verkaufszahlen weltweit - auch in Deutschland: Hatten die noblen Briten hierzulande bis dato nur etwa 20 Autos im Jahr verkauft, stieg der Absatz über 63 im Jahr 2011 und 73 im Jahr 2012 auf 84 im vorigen Jahr. Dieses Jahr will Schoppmann die 100er-Marke "deutlich übertreffen".
Dazu soll vor allem auch der vor einem Jahr vorgestellte, sportliche Zweitürer Wraith mit 632 PS beitragen. Auch er ist vor allem für Selbstfahrer. Aber wer kauft Super-Luxusautos ab 200 000 Euro aufwärts? Zur Hälfte seien es sehr erfolgreiche Mittelständler und Unternehmer, die sich einen Lebenstraum erfüllen, sagt Schoppmann. Dies gelte auch im Osten.
Die meisten Kunden brauchten das Auto nicht, um von A nach B zu kommen; sie hätten bereits zwei bis vier Wagen in der Garage. Die zweite Hälfte der Kunden seien angestammte Käufer von Superluxusmarken, die sich irgendwann auch einen Rolls-Royce zulegen. Hinzu kommen Nutzer wie etwa Fünf-Sterne-Hotels, die einen gehobenen Chauffeurdienst anbieten . Weltweit verkaufte die Edel-Schmiede voriges Jahr 3 630 Autos, die meisten in China, den USA und im Mittleren Osten. In Europa führt das Heimatland Großbritannien, dahinter folgt bereits Deutschland.
Ein kleiner Teil der Autos stammt dabei aus Sachsen: Die Lederbezüge werden von Wert-Leder in Brand-Erbisdorf bei Freiberg an die englische Traditions-Manufaktur geliefert. Und seit Rolls-Royce zu BMW gehört, kommen Motoren und Chassis aus Bayern. Weil BMW nun mal ein großes Werk in Leipzig betreibt, gehört es jetzt auch zum guten Ton für Rolls-Royce, auf der alle zwei Jahre stattfindenden Leipziger AMI präsent zu sein. Ob das auch 2016 wieder so sein wird, werde man sehen, gibt sich Schoppmann zurückhaltend.
Doch ob es dann überhaupt wieder eine AMI geben wird, ist nicht sicher. Denn die Resonanz ist magerer als früher. Internationale Anbieter wie Toyota und Mazda, Renault/Dacia und Fiat haben abgesagt, viele Stände sind kleiner ausgefallen, der Andrang ist geringer. Auch die rund 50 Welt-, Europa- und Deutschland-Premieren fallen weniger spektakulär aus. Große Premieren neuer Modelle finden eher in den Salons in Paris, Frankfurt und Genf statt. So wabern Gespräche durch die langen Leipziger Messegänge, dieser Jahrgang könne der letzte für die AMI sein. Volker Lange, Präsident des Verbandes der Internationalen Kraftfahrzeughersteller, vermutet dahinter zwar bewusst gestreute Gerüchte. Er gehe davon aus, dass es die AMI auch 2016 geben wird, sagte er der SZ. Doch er warnte zugleich: "Der Erfolg der Messe bemisst sich auch an der Besucherzahl. Da darf es keinen Einbruch geben. Die Menschen der Region müssen mit den Füßen abstimmen."
Voriges Mal sind 290 000 Besucher gekommen - das ist der Maßstab. Die Messe versucht, mit Mitmach-Aktionen für die ganze Familie die Zahlen zu halten. Dazu gehören Probefahrten mit etwa 70 Modellen, ein Einparkwettbewerb von Skoda und ein Legoland-Fahrschulparcours von Hyundai mit Elektroflitzern für Kinder. Kleines Bonbon ist eine Show mit Supersportwagen und Luxusautos - wie Rolls-Royce.