Ewige Flamme von Leuna erloschen

500 Techniker fallen derzeit über die Raffinerie her. Die Inspektion dauert bis Juli und kostet 100 Millionen. Ein Wahnsinnsprojekt

20. Juni 2014

Im Inneren des Riesen H1002 ist es stockfinster wie im Erzgebirgsstollen. Jörgen Wöllner und Ralf Ehrlich tasten sich im Licht einer kleinen Halogenlampe an ihrem weißen Helm etagenweise über die engen Gerüste, die im Ofen der silogroßen Destillationsanlage 611 errichtet wurden. Sonst herrscht weit und breit Finsternis. Mit Ultraschall-Messgeräten stellen die Dresdner Techniker der Firma Siempelkamp im Schein ihrer Lämpchen die Wanddicken der Röhren fest, um deren Betriebstauglichkeit zu prüfen.
Normalerweise fließt beständig Öl durch das dichte Rohrgewimmel. Mit offenen Feuerstellen wird es auf 400 Grad erhitzt, um es in verschiedene Stoffe zu destillieren. Jetzt aber sind die Flammen aus, es ist angenehm kühl im Ofen: Die Raffinerie des französischen Konzerns Total in Leuna, die 1300 Tankstellen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie ein Tanklager in Dresden versorgt, ist zurzeit komplett abgeschaltet. Selbst die "Ewige Flamme von Leuna", die normalerweise weithin sichtbar Produktionsrückstände abfackelt, ist erloschen.
Der TÜV prüft in diesen Wochen die hochexplosive Groß-Anlage auf Herz und Nieren, damit dort auch in Zukunft nur gewollte chemische Prozesse ablaufen. "Stillstand" nennen die Experten die Großinspektion. Das Gegenteil wäre passender: Wo sonst nur etwa 300 Mitarbeiter im Schichtdienst tätig sind, wuseln jetzt gleichzeitig fast 3 500 Prüftechniker, Gerüstbauer, Elektriker, Schlosser, Schweißer, Ingenieure und Stahlbauer herum. Sie kommen aus einem Dutzend Nationen, von Ungarn bis in die Niederlande.
Überall sind Männer in Schutzanzügen, 80 Kräne und unzählige Schwerlaster, Fahrräder und Kleinwagen ständig in Bewegung, um die Aufträge bis Anfang Juli auszuführen. Selbst die Feldhasen, die sonst friedlich auf dem 500 Fußballfelder großen Areal leben, hoppeln in heller Aufregung umher. In zwei oktoberfestgroßen Verpflegungszelten stehen die Männer für Nudeln, Gulasch und Fischfrikadellen an. Das Essen ist an manchen Tagen sogar gratis, wenn es lang genug keinen Arbeitsunfall gab. Zudem hat Total 130 000 Flaschen Mineralwasser bereitgestellt, sagt Pressesprecher Olaf Wagner.
Ein halbes Jahr für die Krake
Allein acht Leute vom Dresdner Standort des Siempelkamp-Konzerns arbeiten seit Anfang Juni in Leuna, um die künftige Lebensdauer von Anlagen zu überprüfen. Sie nehmen eigens Gipsabdrücke von Metallrohren, um Poren zu erkennen, aus denen mal ein gefährlicher Haarriss werden könnte, erklärt Bauleiter Heiner Reichenbach. Die Ergebnisse übergibt er dem TÜV, der bei Bedarf Rohre und andere Ofenteile ersetzen lässt. Es ist ein kleiner Ausschnitt aus einem Mammutvorhaben.
Für die Mission "Matrix 2014" werden mindestens 3 300 Ersatzteile vom Schraubenkasten bis zum Fackelkopf gebraucht. Fast 500 Wärmetauscher - zumeist schwarz verklebte oder verrußte, mannshohe Rohrbündel aus Stahl - müssen ausgebaut und geprüft werden. Auf einem speziellen Waschplatz spülen Experten aus Polen in dicken grünen Gummianzügen mit Hochdruck die tonnenschweren Stahlpakete aus. All das ist eine Frage der Sicherheit. Seit ihrer Eröffnung 1997 hat es in der Raffinerie keinen tödlichen Unfall gegeben. Daran soll sich auch in Zukunft nichts ändern. Die Generalüberprüfung ist daher alle sechs Jahre notwendig.
Zugleich wird die Auszeit genutzt, um den Standort an neue Marktbedingungen anzupassen. Größte Aktion ist die spektakuläre Modernisierung des Crackers für allein 35 Millionen Euro. Der Stahlriese zerlegt schwere Erdöl-Rückstände mithilfe von Katalysatoren in leichtere Bestandteile, die zu neuen Produkten werden. Diese Woche wird dem Cracker in 40 Metern Höhe eine neue Kuppel aus Belgien aufgesetzt. Sie ist stolze 220 Tonnen schwer, an der Unterseite baumeln 16 Rohre wie lange Beine herunter. Sie sieht damit aus wie ein Krake. Ein halbes Jahr dauerte die Vorbereitung, allein der mächtige Spezialkran wurde eine Woche lang aufgebaut. Hinter dem Großprojekt steht klares ökonomisches Kalkül: Die Tankstellen brauchen inzwischen weniger Benzin, rund 100 000 Tonnen im Jahr. Dafür wird mehr Flüssiggas wie Propylen benötigt, aus dem Kunstfasern hergestellt werden.
"Wir leben von den Vorräten"
Mehr als 100 Millionen Euro verschlingt die Großinspektion . Zu den rund 65 Millionen Euro Neu-Investitionen kommen zwei bis drei Millionen Euro Ausfall - pro Tag. Am Ende dieses Jahres rechnet der Konzern daher nur mit einer schwarzen Null in der Leunaer Bilanz - trotz durchschnittlichen Jahresumsatzes von acht Milliarden Euro. Schon seit Mitte Mai wurde die Raffinerie Anlage für Anlage heruntergefahren, seit Anfang Juni wird überhaupt nicht mehr produziert. "Wir leben derzeit von den Vorräten in Tanks, die bis unters Dach gefüllt sind - rund eine Million Kubikmeter", sagt Wagner.
Rund zehn Millionen Tonnen Rohöl verarbeitet die Raffinerie im Jahr, der Großteil fließt durch die Druschba-Pipeline aus Sibirien über Weißrussland und Polen - die Ukraine-Krise hat daher keine Auswirkungen auf den Betrieb. Produziert werden Benzin und Diesel, zunehmend Flugbenzin und abnehmend Heizöl, Flüssiggas und Bitumen. Zudem ist die Raffinerie Deutschlands größter Hersteller von Methanol.
Vorbereitet wurde das Spektakel der Spezialisten bereits seit drei Jahren. Ein Büro von 20 Experten nahm damals die Arbeit auf, begann die Planungen und Bestellungen. Über 400 Verträge wurden im Laufe der Zeit geschlossen. Und in zwei bis drei Jahren beginnen die Vorbereitungen für den nächsten Durchgang im Jahr 2020.