Der Macher der Mieze

Bernd Schumacher produziert erfolgreiche Dokusoaps für Vox, ProSieben und Co. – von Leipzig aus.

10. Mai 2014

Ihr erstes Wort weiß Bernd Schumacher nach Jahren noch genau. “Männlich!” TV-Mieze Daniela Katzenberger sagt ja nicht so Sachen wie: “Es freut mich sehr, Sie kennenzulernen.” Sie lobt bei der allerersten Begegnung seinen kräftigen Händedruck. Damals, im April 2009, steht der Leipziger Fernsehproduzent in der Gastromeile Gottschedstraße vorm Café Koslik und begrüßt seinen kommenden Stargast.
Daniela Denise Katzenberger war damals 22. Sie hatte gerade ihren ersten Fernsehauftritt in “Auf und davon” bei Vox. Vor laufender Kamera hatte sie in Los Angeles an der Tür von “Playboy”-Chef Hugh Hefner gerüttelt, um in das amerikanische Bunny-Magazin zu kommen. Vergeblich. Doch ihr Scheitern war zugleich ihre Chance. Der Fernsehauftritt wurde für die jetzt 27-Jährige und für Schumacher der Beginn einer Erfolgsgeschichte: Eine Blondine als Fernsehformat, das sich selbst bespiegelt. Sie ist ein neues Medienphänomen, und sie ist ein Produkt aus Leipzig.
Als alles seinen Anfang nahm, bewirbt sich die junge Kosmetikerin aus Ludwigshafen zuerst bei Schumachers Castingagentur “TV-Gesichter”. Trotz der erfolglosen USA-Reise setzt der Fernsehmacher auf ihr Talent und arbeitet an ihrer Karriere. Heute, fünf Fernsehjahre später, hat die Katzenberger fast 1,8 Millionen Fans bei Facebook, sie hat mehrere Fernsehsendungen (“Natürlich blond, “Danielas Hochzeitsgeheimnis”), im Herbst startet eine Weltreise-Reihe. Sie hat zwei Bücher herausgebracht (“Sei schlau, stell dich dumm”, “Katze küsst Kater”), entwirft High-Heels, Kosmetik, Parfüms. Die Verkaufszahlen gehen in die Hunderttausende. Laut Umfragen kennen die “Katze” mittlerweile 98 Prozent aller Deutschen zwischen 14 und 39 Jahren, sagt Schumacher. Im Café ihres Namens auf Mallorca decke allein der Verkauf von Anstecknadeln mit dem Logo die Mietkosten.
Die “Erfolgsblondine” ist bis heute die stärkste Marke in Schumachers Unternehmen – aber bei Weitem nicht die einzige. Als eine Art Außenposten der großen Sender RTL, Sat.1, Vox und ProSieben in München und Köln erfindet Schumachers Firma “99pro Media” seit mehr als zehn Jahren reportagehafte Dokusoaps zur besten Sendezeit: “Goodbye Deutschland” etwa und “Auf und davon”. Am 1. Juni startet “Ticket ins Abenteuer” über Großstadt-dschungel-Expeditionen. Ab Sommer kämpft “Ermittlerin” Helena Fürst bei RTL wieder für Menschen, “die alleine nicht weiterkommen”. Auch über ein TV-Format für Dschungelcamp-Königin Melanie “Meli” Müller aus Grimma führt Schumacher Gespräche. Sie sei, sagt er, “ein tolles Mädchen.”
Den Durchbruch hatte Schumacher 2003 mit der “Teenie-Mama”, einer Dokuserie über die damals 13-jährige, jüngste Mutter Deutschlands. Sein Format “We are family. So lebt Deutschland”, das einfachen Familienalltag erzählt, verdoppelte beim Sender ProSieben zur Mittagszeit die Zuschauerquoten. Inzwischen hat die 99pro Media 60 Mitarbeiter und machte zuletzt 5,5 Millionen Euro Umsatz. Glamour ist allerdings nicht Schumachers Ding. Die Firma arbeitet in einer unsanierten Fabrikantenvilla von 1888, die Rollläden sind kaputt, im Winter zieht’s zu den Fenstern rein. Schumacher, in Jeans und offenem Hemd, teilt sein Arbeitszimmer mit einer Volontärin und einer Projektmanagerin. Geboren 1960 in Bonn, hat er unter anderem Philosophie und Tanz studiert, er wurde Nachrichtensprecher, Korrespondent im Irak-Krieg und in Jerusalem, Moderator bei “Die Reporter”, baute 1994 ein ProSieben-Studio in Leipzig auf – und blieb. Seine Familie stammt aus Dresden, die Oma flüchtete mit ihrer Tochter aus der Stadt, sie sprach auch im Rheinland noch sächsisch, was Enkel Bernd gern hörte. Seine Uroma war im Flammeninferno des Februar 1945 umgekommen.
Als ProSieben Leipzig verließ, blieb Schumacher und gründete sein Unternehmen. Die TV-Firma bedient die Wertschöpfungskette von der ersten Idee bis zur Abgabe sendefertiger DVDs: Konzepte schreiben und Trailer drehen, Projekte an die Sender verkaufen, Protagonisten finden, auswählen und vorstellen, Kosten kalkulieren. Von vier Castings wird nur eine Geschichte gekauft. Dann rückt ein Team mit Autor, Kameramann und Tontechniker aus, dreht tagelang, schließlich wird das Rohmaterial noch mehrere Tage zusammengeschnitten, dann muss der fertige Film mehrere Abnahmen durchlaufen. Fernsehen machen, das bedeutet für ihn: “Menschen erzählen.” Soll heißen: Menschen entdecken und einen Ausschnitt ihres Lebens fernsehtauglich aufbereiten, Geschichten kreieren, Emotionen erzeugen.
Sie ist nicht höflich, sie ist direkt
Etwa die Hälfte seines Teams sind Redakteure, die anderen kümmern sich um Technik, Organisation und Finanzen, dazu gibt es Auszubildende und Volontäre. Manche Kollegen kommen und gehen auch mit den Projekten. Doch allein für die Aschenputtel-und-Prinzessinnen-Marke “Katzenberger” arbeiten heute vier Leute, sie ist ein eigener Geschäftsbereich. Denn gerade hinter der scheinbaren Lockerheit steckt harte Arbeit. “Es ist anspruchsvoll, dass es leicht aussieht”, sagt Schumacher. Und auch die Honorare stagnieren. “Manche Sender zahlen nicht mehr als vor zehn Jahren.” Etliche aufwendig produzierte Pilotfilme erscheinen nie. Dann sind schnell 100 000 Euro in den Sand gesetzt. Unter dem Strich bleiben durchschnittlich zehn Prozent Gewinn übrig, mal deutlich mehr, mal deutlich weniger.
Künftig will Schumacher mehr Geld mit Lizenzen im Ausland verdienen, besonders gern mit seinem Partner Jim Milio in Los Angeles. Tragende Marke aber bleibt Daniela Katzenberger. “Sie hat unsere Möglichkeiten enorm erweitert”, sagt Schumacher. “Sie hat mir beigebracht, eine Marke zu kreieren.” Auch wenn das heißt, Schuhe zu verkaufen. Sie bereichere sein Leben. “Sie erzieht mich zur Ehrlichkeit. Sie ist nicht höflich, sondern sehr direkt.” Immerhin behält sie 80 Prozent ihrer Gagen, sie dürfte damit schon Millionärin sein. Der Erfolg, meint Schumacher, könne noch viele Jahre anhalten. “Sie ist der Gottschalk der jungen Generation, sie ist eine Lebensmarke.” Allerdings: Wenn die beiden sich heute in der Leipziger Gottschedstraße treffen, ziehen sie sich in versteckte Ecken zurück. “Das Bad in der Menge ist nicht ihr Ding”, so Schumacher. Da sei sie, kaum zu glauben, “scheu”.