Das Erfolgsgeheimnis der letzten CDU-Großstadt

Deutschlands Metropolen werden fast alle von der SPD regiert, nur in Dresden stellt die CDU die Bürgermeisterin. Was macht die beliebte und erfolgreiche Helma Orosz anders als ihre Kollegen?

22. Juni 2014

 

Die Abwahl des als selbstherrlich geltenden christdemokratischen Düsseldorfer Oberbürgermeisters Dirk Elbers am vorigen Sonntag hat zu einer Ost-West-Verschiebung geführt, die es in sich hat. Die größte Metropole Deutschlands, die jetzt noch von der CDU regiert wird, ist Sachsens Landeshauptstadt Dresden. Mit Berlin, Hamburg, München und Frankfurt sowie den Großstädten Nordrhein-Westfalens werden die zehn größten Rathäuser von Sozialdemokraten geführt, mit Ausnahme des grünen Stuttgarts.

Das neue Ranking ist Ausdruck einer alten Misere. Seit Jahren hält der Trend bei der Union an, dass ihre Spitzenkandidaten die Wähler in den Metropolen nicht mehr überzeugen können. Anders in Dresden. In der 535.000-Einwohner-Stadt führt seit 2008 die frühere Landessozialministerin Helma Orosz das Rathaus. Sie trat erst 2000 in die CDU ein. Heute macht sie den Parteifreunden vor, dass Großstadt und Union kein Widerspruch sein muss.

Im Stil ihres politischen Vorbilds Angela Merkel hat sich die gebürtige Görlitzerin darauf verlegt, Politik zu moderieren und zu managen, statt kantige Pflöcke einzuschlagen. Erst Anfang Juni zeichnete der schwul-lesbische Christopher-Street-Day die Oberbürgermeisterin mit seinem Toleranzpreis aus. Weil sie stets, so lobten die Ausrichter, für ihre Anliegen und Wünsche ein offenes Ohr habe.

Nur eine Gruppe grenzt die bodenständige Lausitzerin mit dem Kurzhaarschnitt rigoros aus: jene Truppen von Neonazis, die alljährlich zum Gedenken der Stadt an ihre Zerstörung im Februar 1945 aufmarschieren wollen. Nach ewigem Hickhack der Bürgerschaft war es Orosz 2010 gelungen, eine Menschenkette durch die Altstadt rings um die Frauenkirche zu etablieren. Prominente und Politiker aller Couleur reichen sich nun alljährlich die Hände.

Diese symbolische Zusammenführung ist ihr größter Erfolg. Seither ist die skandalfreie 61-Jährige über Parteigrenzen hinweg geachtet. "In einer Großstadt wie Dresden prallen viele unterschiedliche Wünsche aufeinander – da kann ich mich nur bemühen, Oberbürgermeisterin aller Dresdner zu sein", lautet ihr Credo. Wenn die CDU in anderen Metropolen keinen Erfolg habe, sei dies möglicherweise auch ein Kommunikationsproblem und eine Frage der Personen, vermutet Orosz. Denn bei Bundestags- und Landtagswahlen würde die CDU in denselben Städten oft deutlich besser abschneiden. "Sie müssen Offenheit zeigen, mit den Leuten im Gespräch sein, Rede und Antwort stehen und etwas für junge Leute und Familien tun."

Das Urteil von Beobachtern ist entsprechend. "Helma Orosz ist beliebt, aber nicht kumpelhaft. Sie gilt als kompetent und fleißig, aber nicht als eitel. Ihre Persönlichkeit und die Bürgerschaft passen gut zusammen", sagt der Politikwissenschaftler Werner Patzelt. Dresden sei im Kern eine bildungsbürgerliche, kulturkonservative Stadt. Orosz gelinge es, auf breite zivilgesellschaftliche, akademische und kulturell gebildete Gruppen zuzugehen – was die CDU in anderen Großstädten nicht mehr schaffe.

Dabei ist die Rathaus-Chefin kein charismatischer Menschenfischer, wie es einst Christian Ude oder Klaus Wowereit waren, sondern eher eine solide Sachwalterin. Die gelernte Krippenerzieherin tut sich kaum mit prestigeträchtigen Investitionsvorhaben hervor, sie sorgt lieber für ein auskömmliches Netz an Kitas und Schulen in der Stadt, deren Bevölkerung seit Jahren wächst.

Ihr Glück ist auch: Sie hat 2008 ein gut bestelltes Haus übernommen. Der Haushalt ist durch den Verkauf des kommunalen Wohnungsbestandes schuldenfrei – ein Erbe, das Orosz strikt verteidigt. Die Waldschlößchenbrücke, die die Bürger mehr spaltet als verbindet, war zu ihrem Amtsantritt bereits im Bau. Wie kaum eine andere Stadt im Osten hat Dresden den Wiederaufbau nach der Wende gemeistert. Die Arbeitslosenquote ist mit gut acht Prozent für den Osten bemerkenswert niedrig. Die weltbekannte Kulturmetropole verzeichnet mehr Zuzügler als Abwanderer und mehr Geburten als Sterbefälle.

Wie lange aber Dresden das Großstädte-Ranking der CDU noch anführt, ist offen. Bei der Kommunalwahl im Mai sackte die CDU-Fraktion um gut drei Prozentpunkte ab, im Stadtrat hat Orosz seitdem keine bürgerliche Mehrheit mehr. Im nächsten Juni wird ihr Posten neu gewählt – und die Amtsinhaberin, die 2011/2012 wegen einer Brustkrebserkrankung ein Jahr nicht im Dienst war, will erst im Herbst erklären, ob sie weiter bereit steht. "Das hängt auch von den Befunden ab", sagt sie. Doch Orosz hätte gute Chancen. Drei Viertel der Dresdner wünschen sich, dass sie wieder antritt.