Frech, fromm, frei

Mit Leipzigs Pfarrer Christian Führer ist eine Symbolfigur der Wende gestorben. Die Friedliche Revolution war für ihn nie wirklich beendet.

1. Juli 2014
Ein bekanntes Gesicht fehlt, als am vorigen Dienstag in Berlin drei Wegbereiter der Leipziger Montagsdemonstrationen mit dem Deutschen Nationalpreis ausgezeichnet werden. Christian Führer, der ehemalige Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche, ist schwer krank zu Hause geblieben. Seine Tochter Katharina nimmt für ihn den Preis entgegen.
Ihr Vater litt bereits seit fast vier Jahren an einer schwerer Lungenfibrose, einer Art Versteifung der Lunge, die bald zu Atemnot führt und das Herz belastet. Er konnte, erzählt sein Wittenberger Freund Friedrich Schorlemmer, in den letzten Wochen oft nur noch sehr langsam gehen. In der Öffentlichkeit hat man ihn seit Monaten kaum noch angetroffen. Schon im April, als ihm der Wilhelmine-von-Bayreuth-Preis überreicht werden sollte, vertraten ihn zwei seiner Söhne.
Am Ende hat Christian Führer, der so vielen Trost spendete, den eigenen Kampf gegen die Krankheit nicht überlebt. Gestern Morgen starb er mit 71 Jahren im Universitätskrankenhaus in Leipzig. Die offizielle Ursache lautet Herzversagen - eine Diagnose, die zugleich für ein sehr persönliches, emotionales Leiden steht. Im August vorigen Jahres erst war seine Frau Monika an einer Krebserkrankung gestorben. "Er ist ihr gefolgt", sagt Schorlemmer. Vier erwachsene Kinder und neun Enkelkinder trauern nun auch um ihren Vater und Opa. Sie sind dennoch nicht allein.
Schon kurz nach der Todesnachricht am Nachmittag überschlagen sich die Würdigungen aus allen Himmelsrichtungen. Einen "Hoffnungsträger und engagierten Fürsprecher für die Menschen am Rand der Gesellschaft" würdigt Bundespräsident und DDR-Pfarrer-Kollege Joachim Gauck. "Christian Führer war ein herausragender Wegbereiter der Friedlichen Revolution in Sachsen", sagt CDU-Ministerpräsident Stanislaw Tillich, der bis zur Wende Angestellter beim Rat des Kreises Kamenz war. "Seine Verdienste bleiben unvergessen." Leipzigs SPD-Oberbürgermeister Burkhard Jung, der 1991 aus dem Westen nach Leipzig kam, wird persönlicher: "Sein Mut war und ist beispielhaft. Leipzig hat ihm für sein Wirken und ich persönlich habe ihm als Ratgeber sehr viel zu verdanken." Selbst die politischen Urahnen der SED verbeugen sich vor jenem, der verkrustete Verhältnisse aufbrach. "Wir verneigen uns vor einem großen unabhängigen Geist", sagt Sachsens Linke-Fraktionschef Rico Gebhardt. "Auch meine Partei durfte viel von ihm lernen."
Kurzer grauer Igel-Haarschnitt, blaue Jeansweste, ein Aktenkoffer voller Aufkleber mit politischen und christlichen Botschaften: So ist Führer als Symbolfigur des Wendeherbstes in das Gedächtnis der Deutschen eingegangen. Es gehört zu seinen Verdiensten, dass er die Leipziger Nikolaikirche für die Friedensgebete öffnete, immer montags um 17 Uhr. Ein steter Tropfen im DDR-Unrechtssystem, der im Oktober 1989 zu einem Meer von etwa 80 000 Montagsdemonstranten werden sollte. Führer war dabei nie allein, er hatte wichtige Weggefährten wie Pfarrer Christoph Wonneberger und Bürgerrechtler Uwe Schwabe. Er hat das Wort von Jesus gelebt, geliebt und politisch eingesetzt für Frieden und Gerechtigkeit. "Er war ein überzeugter Mensch, der deswegen auch andere überzeugen konnte", würdigt ihn sein geistiger Bruder aus der Lutherstadt Wittenberg.
Tatsächlich wächst der Junge Christian Führer, geboren am 5. März 1943 in Leipzig, in einer Pfarrersfamilie in einem Dorf bei Penig auf. Die Vielfalt der Bibeln des Vaters beeindruckt ihn schon als Jugendlicher. Er studiert Mitte der 60er-Jahre Theologie in Leipzig. 1980 wird er zum Pfarrer an der evangelischen Nikolaikirche im Herzen der Stadt berufen. Seit September 1982 lädt er jeden Montag zu den Friedensgebeten gegen das Wettrüsten in Ost und West ein: "Schwerter zu Pflugscharen." Die Montage in der Kirche werden zu einem Treffpunkt für jene, die mit der real existierenden DDR unglücklich sind. Ab 1986 gründet Führer den Gesprächskreis "Hoffnung für Ausreisewillige". Und an der Nikolaikirche steht fortan ein ebenso simples wie provokantes Schild: "Offen für alle".
Die drei Worte sind so etwas wie Führers politisches Testament. Keiner kann das damals ahnen. Die Staatsmacht hält gegen, will Wege wieder verschließen. Sie übt Druck aus und versucht, "den Spuk" zu unterbinden. Doch Führer, der von gleich zwei Stasi-Abteilungen überwacht und bedroht wird, aber stets fein und freundlich lächeln konnte, ist mutig und entschieden genug, dem Drängen nicht nachzugeben.
Der wichtigste Tag seines Kampfes soll der 9. Oktober 1989 werden, als NVA und Kampfgruppen in der Stadt auf die Demonstranten warten. Doch die Appelle zur Gewaltlosigkeit werden sogar von der Staatsmacht gehört. Der Abend endet ohne Blutvergießen. Für Führer war es "ein Wunder biblischen Ausmaßes". Einen Monat später fällt die Mauer. Dieser 9. Oktober wäre nach seiner Ansicht auch der bessere Nationalfeiertag für die Deutschen. Besser als der 3. Oktober, der für ihn lediglich "der Tag nach dem 2. Oktober" war.
Auch im wiedervereinigten Deutschland mischt sich Führer auf seine unbequeme Weise ein. "Die Revolution muss weitergehen", sagt er noch 2009 zum 20. Jahrestag der Wende.
Der Kapitalismus-Kritiker wettert gegen "die unglaubliche und unverschämte Dominanz von Geld und Besitz". Er betet für Arbeitslose, hebt eine "Kirchliche Erwerbsloseninitiative" mit aus der Taufe, kritisiert die Hartz-IV-Regelungen. Er wettert gegen die Kriege auf dem Balkan und am Golf, er gehört zu den Initiatoren friedlicher Proteste gegen ständige Aufzüge von Rechtsextremen in Leipzig. Als Anfang 2006 zwei sächsische Ingenieure im Irak entführt werden, strömen wieder Hunderte zu seinen Montagsgebeten und Mahnwachen. Im August 2010 erscheint seine Autobiografie "Und wir sind dabei gewesen", Zuletzt versammelte das Buch "Frech, fromm, frei - Worte, die Geschichte schrieben" seine prägnanten Texte und Predigten aus 25 Jahren.
Doch als Held mochte sich der Theologe nie bezeichnen lassen - und auch keinen Sonderstatus erhalten. Ganz regulär hat Führer im März 2008 mit 65 Jahren seine kirchliche Laufbahn beendet, den letzten Gottesdienst und das letzte Friedensgebet als Pfarrer gehalten und sich dann in den Ruhestand verabschiedet. Ein Wort, das er für sich ebenso unpassend empfand wie Eitelkeit. Führer hat sich nie herausgehoben, sondern ist immer ein bescheidener Mensch geblieben. "Wäre ich nicht gewesen, wäre ein anderer an meine Stelle gekommen", sagte er der SZ zum Abschied aus dem Amt. Andere haben das anders gesehen und ihn für sein Engagement mit höchsten Preisen geehrt.
Der Christ Christian Führer selbst hat sich immer an die Bergpredigt gehalten: "Jesus sagt: Ihr seid das Salz der Erde." Das war Führer wichtig. Er stellte zugleich klar, was Jesus nicht meinte: "Das Salz - und nicht die Creme." So wie es Friedrich Schorlemmer sagt: "Er war ein entschiedener, ein fröhlicher und ein unglaublich mutiger Mensch und er hatte eine große innere Stärke. Er war ein Mensch des Lebens."