Die Weber von Dior

Eine Französin nimmt in Leipzig mit einer Manufaktur den Faden der Textilindustrie wieder auf – für die Haute Couture der Welt

15. Juli 2014

 

Catherine Chalk trägt die Brille im schulterlangen, silbergrauen Haar, sie sitzt hinter ihrem schwarzen Schreibtisch im spartanischen Büro einer alten Fabrik-etage und hat eigentlich keine Muße für ein ausgeruhtes Gespräch. Das Handy klingelt, die Post kommt, ihre Geschäftspartnerin steht in der Tür. Französisch, Englisch und Deutsch gehen bunt durcheinander. Immer wieder wirft sie ihren Tablet-Computer an, um kurz etwas nachzuschauen und ihren Gästen zu zeigen. Dann hat sie noch eben einen Termin um die Ecke. “Komme gleich wieder!”, ruft sie entschuldigend im Weggehen.
Bei allem Stress bleibt die agile Geschäftsfrau immer noch charmant. Die 57 Lebensjahre merkt man der Französin weiß Gott nicht an. Sie strotzt vor Energie – und sie hat Großes vor. Von Leipzig aus will die Frau aus bestem Hause und mit besten Referenzen künftig die großen Labels der Haute Couture mit dem Wertvollsten beliefern, was die internationale Modewelt braucht: exklusive, handgearbeitete Stoffe. Es fallen Namen wie Lagerfeld, Dior und Chanel, Armani und Dolce & Gabbana, außerdem deutsche Designer, die eher einem Fachpublikum bekannt sind, wie der in Leipzig geborene Modeschöpfer Torsten Amft. Aber auch neue, junge Kreative will die Firmenchefin erreichen.
Chalk spinnt nicht, sie meint es ernst. In den vergangenen Wochen hat sie im “Westwerk” im einstigen Arbeiterviertel Plagwitz die ersten zehn Webstühle aufstellen lassen. Früher wurden auf dem Fabrikgelände an der Karl-Heine-Straße Armaturen und Apparate für Dampfkraftanlagen gebaut. Jetzt haben Künstler und Handwerker, Gastronomen und andere Kreative in den verzweigten, roten Ziegelhallen eine neue Heimat. Und im hinteren Teil des “Westwerks” lernen mittlerweile 13 Frauen jeden Alters den Umgang mit den großen mechanischen Holz-Webstühlen aus Schweden, manche kreieren bereits mit Hunderten feiner Fäden aus Italien Stoffe für den Weltmarkt.
“Webervogel” heißt das deutschlandweit einmalige Unternehmen, das Chalk im Mai gegründet hat. Benannt nach der Sperlingsart, die ein schwarz-rot-goldenes Gefieder hat und seine kunstvollen Nester tatsächlich aufwendig webt. Der Webervogel steht für die Unternehmerin als Sinnbild für Handarbeit. Denn was die Manufaktur ihren erstklassigen Kunden bietet, kann kein großer Maschinenpark leisten. Muster und Unikate müssten entwickelt und hergestellt, hochfeine Brokat-Fäden mit Gold und Silber verarbeitet werden. Ohnehin wird in der Haute Couture Wert auf unvergleichliche Handarbeit gelegt.
Chalk arbeitet seit vielen Jahren in der Branche, man kennt sich. “Es gibt erste Anfragen, man wartet auf meine Kollektionen”, sagt sie. Die Modefirmen schicken bereits unterschiedliche Fäden nach Leipzig und bitten um Kreationen. Design auf Bestellung. “Ich bin Geschäftsfrau. Ich gestalte, was die Menschen wollen”, sagt Catherine Chalk. Mit anderen Worten: Allein mit künstlerischer Selbstverwirklichung könne sie kaum erfolgsorientiert arbeiten . Künftig soll es zweimal im Jahr neue Kollektionen geben.
Mit ihrem Neuanfang nimmt Chalk zugleich einen alten Faden wieder auf. Früher war Leipzig eine Hochburg der Textilindustrie, Abertausende Menschen schufteten in den größten Spinnereien Europas. Von der einstigen Blüte ist seit der Wende kaum etwas geblieben: Die Fabrikhallen sind heute entweder Ruinen oder moderne Lofts und Büros geworden. Die ehemalige Baumwollspinnerei ist seit Jahren angesagtes Terrain für Galerien und Ateliers. Ein paar Hundert Meter weiter hat Chalk nun ihre Weberei eröffnet. “Meine Idee ist, das Handwerk nach Leipzig zurückzubringen. Die Stadt ist ein sehr guter Ort dafür.”
Bis September will sie auf weiteren 400 Quadratmetern noch mindestens ein Dutzend Webstühle auf- und 20 neue Mitarbeiter einstellen. Der “Webervogel” braucht Leute, die weben und Mode gestalten können, die bereit sind, sich in die streng geheimen Modeprojekte einzuarbeiten. Leute wie Johanna Kwaschik zum Beispiel. Die 34-Jährige aus Halle hat in einer Manufaktur Handweberin gelernt, später in Schneeberg Textilkunst studiert und ein Designdiplom abgelegt. Seither schlägt sie sich als Selbstständige durch, der “Webervogel” indes ist eine neue, unerwartete Chance für sie. Und Leute wie Elena Pearson, eine Russin, die mit Mann und Kindern in Leipzig lebt und sich in die Weberei einarbeitet. “Ich glaube an diesen Job”, sagt sie. Auch Frauen über 50, die vor der Wende das Handwerk ausgeübt haben, sind gesucht.
Catherine Chalk selbst hat das Weben als Kind von ihrer Großmutter gelernt, später studierte sie an einer Kunsthochschule. Sie hat große Betriebe in Frankreich aufgebaut und geleitet und die vergangenen 17 Jahre in Äthiopien gelebt. Auch dort entstand aus einer kleinen Manufaktur ein Betrieb mit mehr als 3 000 Mitarbeitern. Als ihr Mann, ein erfahrener Lehrer, das Angebot bekam, an der Internationalen Schule in Leipzig zu arbeiten, entschieden sie sich zur Rückkehr nach Europa. Hier sind die Chalks näher bei ihren acht Kindern und ihren Enkeln – und die unternehmungslustige Französin fing einmal mehr von vorne an. Ihr Lebensplan war das eigentlich nicht. “Ich habe genug gearbeitet”, sagt die Frau, die aus einer renommierten französischen Industriellenfamilie stammt. “Ich wollte es in Leipzig eigentlich ruhiger angehen lassen.” Daraus wird wohl nichts.
Bis Jahresende will Chalk schon 40 Mitarbeiter beschäftigen. Und ganz nebenbei verbindet sie mit dem “Webervogel” noch andere Ideen. Touristen sollen die Möglichkeit haben, in einwöchigen Kursen Grundlagen des Webens zu erlernen. Und Frauen, die eine Krebstherapie durchlitten haben, sollen eine Chance für einen Neuanfang bekommen. Für sie will Chalk zwei Web-stühle reservieren. Der Webervogel soll auch neue Lebensfreude vermitteln.