Nostalgie tanken in Leipzig

Peter Karrow führt Deutschlands letzte Tankstelle von Minol. Er ist ein Dinosaurier der alten DDR-Marke.

30. März 2013

 

Peter Karrow weiß immer gar nicht, was alle von ihm wollen. "Ich bin doch bloß 'ne Tankstelle", sagt er. Ist er eben nicht. Karrow führt, wenn man den Superlativ auf die Spitze treiben will, die einzige Minol-Tankstelle der Welt. In Leipzig-Lindenau, Lützner Straße 7a, stehen geduckt zwischen Gründerzeithäusern und getaucht in Lila, Gelb und Rosa, seine vier Zapfsäulen. Dahinter ein kleiner weißer Flachbau aus den 50ern. Das Ensemble ist das einsame Überbleibsel des einstigen VEB-Kombinats Kraftstoff-Vertrieb, die letzte von 1 270 Tankstellen, die es von Minol noch 1990 gab.
Der bloße Tankwart Peter Karrow bekommt deshalb immer wieder Besuch von Nostalgikern, von Journalisten und Wissenschaftlern, die das Fossil der DDR-Zeit begucken wollen. Das nicht enden wollende Gefrage nimmt der 56-Jährige mit der Wollmütze über den grauen, raspelkurzen Haaren und der runden Brille gelassen hin. Je länger man ihm zuhört, umso mehr Anekdoten aus alten Zeiten fallen ihm ein. "Eine Trabifahrerin braucht neue Zündkerzen. Fragt der Kollege: Für welchen Trabant? Sagt sie: Einen Gelben!" Nicht erfunden, echt erlebt. Peter Karrow lacht darüber heut noch herzlich.
Der Minol-Pirol ist stets bereit
Dass es das Relikt im Zeichen des Pirols in Leipzig noch gibt, hat mit dem Markenrecht zu tun. Der französische Mineralölkonzern Total, dem die Tankstelle längst gehört, muss die Marke an drei Standorten präsentieren, damit sie dem Unternehmen nicht genommen wird. Nachdem zwei Stationen in Berlin und Chemnitz schon vor Jahren wieder geschlossen wurden, ist Leipzig nun die einzige Adresse. Allerdings seien, so kündigt es Total an, die Eröffnungen von zwei neuen Standorten in Vorbereitung. Gerüchteweise werden Orte in Mitteldeutschland genannt. Die Ankündigung ist aber bis heute nicht umgesetzt.
So lange erfreut sich Peter Karrow, der letzte seiner Art zu sein. "Das macht schon stolz, diese Marke zu vertreten", sagt er. "Das ist ja mein Leben." Diesen Sommer feiert er ein kleines Jubiläum: Am 1. Juli ist er seit 20 Jahren Pächter an der Lützner Straße. Genauso alt ist auch sein lila Pullover, den er manchmal trägt. Für einen Tankwart allein lässt kein Konzern neue Dienstkleidung stricken, auch wenn er schon seit 37 Jahren dabei ist.
Im Jahr der Ausbürgerung Wolf Biermanns, 1976, bekommt der Leipziger einen Tipp von einem Kumpel. Bei Minol würden zwei Stellen frei, die Leute hatten einen Ausreiseantrag bewilligt bekommen. Karrow, der gerade erst Maschinenanlagenmonteur in den Kirow-Werken gelernt hat, bekommt den Job. Der Dienst an der Zapfpistole ist ein begehrter Arbeitsplatz. Er schult zum Tankwart um, durchläuft verschiedene Stationen in der Region Leipzig, wird Tankstellenleiter und nach der Wende schließlich Pächter. Er war noch nie arbeitslos.
Anders als früher allerdings, als die Trabis Schlange standen, macht Karrow ein Gutteil seines Umsatzes heute nicht mehr mit Benzin, sondern mit Süßwaren, Getränken, Kaffee, Zeitungen, vieles davon Ostprodukte. "Man verdient am Shop das meiste", sagt er. Täglich ist von 6 bis 22 Uhr geöffnet, nur sonntags erst ab 7. Allein ist das nicht zu schaffen. Karrow, der oft selbst an der Kasse steht, die Buchführung und Bestellungen machen muss, beschäftigt deshalb zwei Lehrlinge und zwei Halbtagskräfte. Auch seine Tochter hat früher bei ihm Einzelhandelskauffrau gelernt. Sie war diejenige, die den schlimmsten Überfall erleiden musste. Die Gangster hielten ihr eine Pistole an den Kopf, sie entkamen mit der Beute.
Anfang der 90er hatte die französische "Elf Aquitaine" das Minol-Netz inklusive der Raffinerie in Leuna von der Treuhand gekauft. So hieß die Tankstelle zeitweilig auch "Elf", doch der Name "Minol" kehrte bald zurück. Weil Peter Karrow damals schon über die Ausstattung im neuen Minol-Design verfügte, wurde er einer der Auserwählten. "Werbung", sagt der Tankwart, "muss ich keine machen." Der Standort rentiert sich von alleine. Die "Lützner" ist eine Ausfallstraße Richtung Autobahn, sie liegt nahe dem boomenden Szeneviertel Plagwitz. "Ist 'ne ziemlich gute Ecke", sagt Karrow. Das war nicht immer so.
2006, als die Stadt und das nahe Stadion für die Fußball-WM gerüstet wurden, war die Straße voll gesperrt. Anderthalb lange Jahre. "Da wäre ich beinah krachen gegangen", sagt Karrow. Nur mit der Beköstigung der Straßenbauarbeiter hat sein Geschäft damals überlebt. Heute fahren immer mal wieder Nostalgiker vor, die beim Dinosaurier tanken wollen, einige nehmen einen "Minol-Pirol" mit, 20 Zentimeter groß, gelb, in roter Latzhose. Es sind die Originalfarben. "Stets dienstbereit zu Ihrem Wohl, ist immer der Minol-Pirol" lautete einst der Slogan. Auch die alten Kollegen, die "Minolis", kommen manchmal beim letzten der Mohikaner vorbei. Selbst die Warteschlangen an der einstigen DDR-Tanke reichen manchmal bis auf die Lützner Straße, weil der Preis günstig ist.
Nur riecht es nicht mehr nach Zweitakter-Gemisch, die Trabis werden immer seltener. Geblieben ist der Preis von früher. Super Extra kostete schon damals 1,65, das Benzin etwa 1,50. Ost-Mark allerdings.