Weißer Laptop, schwarze Kleider

Leipzigs „Wave-Gotik-Treffen“ ist für die Grufti-Szene der ganzen Welt ein heiliges Datum.

21. Mai 2013

 

Wenn Kenji Konishi aufs Leipziger "Wave-Gotik-Treffen" geht, hat er ein weißes Mini-Laptop in seinem Stoffbeutel dabei. Das klappt er auf, wenn er nicht mehr weiter weiß. Er tippt auf einigen Tasten mit japanischen Schriftzeichen herum und findet die passende Vokabel, um das Gespräch fortzusetzen.
Konishi - rote Brille, sechs Glitzerohrringe rechts, rosa Strähne im ansonsten raspelkurzen Haar - ist aus Japans drittgrößter Metropole Osaka nach Leipzig gereist, 13 Stunden mit der Lufthansa. "Man kann sehen, wie die Stadt schwarz und schwärzer und schwärzer wird. Es ist großartig, mittendrin zu sein", sagt Konishi.
Seit 2005 ist er jedes Jahr dabei. Leipzig ist ihm ein Stück neue Heimat geworden. Der Mann ist 57 Jahre alt und lebt von elektronischer Musik. Er lehrt sie an einem privaten College in Osaka und hat eine Band, das Trio heißt "4-D mode1". Einer der Songs auf der neuen CD heißt Angerstrasse, sie liegt in Leipzig-Lindenau. Konishi hat sich voriges Jahr dorthin gestellt und Straßengeräusche aufgenommen. Die hört man auf der Platte. Dazu haucht er mit japanischem Akzent "Angerstrasse, Angerstrasse". Andere Titel heißen Requiem, Dysfunktion oder Totentanz. Sie passen zur Wave-und-Gothic-Szene, die sich am vergangenen Wochenende wieder in Leipzig versammelt hat.
Um die 20 000 Gäste kommen inzwischen jedes Jahr, auch aus Südafrika, Australien, Mexiko und Russland, der Schweiz, Frankreich und Schweden. Die teils unfassbar kostümierten und geschminkten Szeneanhänger durchstreifen in Scharen die Stadt. Leipzig hat in der globalen "Grufti"-Szene als einer der beliebtesten und größten Treffpunkte der Welt einen Namen. Viele Besucher bereiten sich monatelang vor, wie Tina Kunte aus Radeberg. Sie studiert in Dresden Verkehrswirtschaft, ist nebenbei Hobby-Fotomodel, sie zeigt sich auf Facebook als "Tina Abendstern" meist in langen schwarzen Gewändern mit Spitze, Samt und Seide.
"Es ist ein Lebensgefühl"
Beim "Wave-Gotik-Treffen" ist sie das fünfte Jahr in Folge dabei. Sie liebt das Viktorianische Picknick am Freitag im Clara-Zetkin-Park. Es ist ein erstes Schaulaufen und für sie die perfekte Einstimmung aufs Wochenende. Täglich absolviert Tina Kunte dann Fotoshootings mit Leuten aus der Szene und geht vor allem zu Auftritten von etwas düsteren Gestalten. "Ich schaffe ungefähr zwölf Konzerte", sagt sie. Die Bands heißen "The birthday massacre" oder "Suicide Commando". Keine erbaulichen Namen, aber angesagte Künstler.
Musik und Kleidung sind ihre Art, sich auszudrücken. Nicht nur zu Pfingsten. "Es ist ein Lebensgefühl", sagt die 22-Jährige. Auch wenn sie im Alltag keine Zeit für große Auftritte mit aufwendigen Kleidern und viel Schminke hat - viel Schwarz ist trotzdem immer dabei. Mit Todessehnsucht hat das nichts zu tun. "Ich will ich selbst sein, mich ausleben, meine Träume verwirklichen." Das "Wave-Gotik-Treffen" liefert ihr dafür, wie für ihre Kleider-Kreationen, neue Inspirationen. "Ich fühle mich einfach hingezogen und dazugehörig." Nur für Leute, die sich bloß einmal zu Pfingsten verkleiden, hat sie wenig übrig.
Das geht auch Kenji Konishi so. Vor acht Jahren kam er das erste Mal. Die Schwester seiner Freundin lebte damals in Leipzig. Mittlerweile kommt er zweimal im Jahr her, lernt ein wenig Deutsch und träumt davon, in Zukunft ganz in der Stadt zu leben. "Wenn ich einen Job finde." In Japan sei die schräge schwarze Kleidung nicht mehr als eine Nische der Mode, eine Art Lifestyle. Die meisten Japaner versuchten, konform mit der Gesellschaft zu leben, sagt er. Das ist nicht sein Ding. Konishi will alternativ leben. In Leipzig sei das kein Problem. "Hier gibt es Hunderte Lebensstile." Am linken Unterarm trägt er ein Piercing, an der rechten Hand zwei silberne Ringe.
So geht er zu Konzerten von deutschsprachigen Bands wie der stilbildenden Darkwave-Legende "Das Ich". Selbst Auftreten mag er hier aber nicht mit seiner Band. "Dann wäre ich die ganze Zeit total nervös. Dazu ist mir das Treffen zu wichtig."
Ein lukratives Millionengeschäft
Beim "Wave-Gotik-Treffen" hüllt sich Leipzig alljährlich zu Pfingsten in tiefes Schwarz. Die kunstvoll herausgeputzten Gäste bevölkern die Straßen. An 40 Veranstaltungsorten - von der Krypta des Völkerschlachtdenkmals bis zur Oper - laufen alle Arten von dunkler Musik, 200 Bands und Künstler treten auf. Dazu gibt es einen Mittelaltermarkt, Lesungen, Ausstellungen und Filme. Auf der "agra" in Markkleeberg entsteht ein Zeltplatz samt "Heidnischem Dorf" für 10 000 Camper.
Als 1992 das erste Treffen stattfand, kamen 2 000 Gäste. Heute ist es die größte Familienzusammenkunft der Szene. Die Industrie- und Handelskammer rechnet mit über vier Millionen Euro Einnahmen in der Stadt, andere Schätzungen gehen sogar von zweistelligen Millionenbeträgen aus.