Niere Nummer drei

Reinhard Gräser bekam im Leipziger Uniklinikum das Organ eines Hirntoten. Trotz der Skandale um Transplantationen retten die Mediziner dort weiter täglich Leben. Ihr größtes Problem ist die sinkende Spendenbereitschaft.

3. Juni 2013

 

Das Lachen tut weh, das Gehen fällt schwer. Doch Reinhard Gräser bekommt jeden Tag bessere Laune. Vorgestern haben sie die ersten Klammern aus der langen Narbe in seinem Bauch entfernt, jetzt liegt er mit seinen 66 Jahren im grün-gemusterten Pyjama mit kurzen Ärmeln im Zimmer A 4 059 in der Universitätsklinik Leipzig und strahlt. Und er sagt ungefragt den Satz, der fast zu erwarten war: "Jetzt habe ich zweimal Geburtstag im Jahr. Am 30. September - und am 17. Mai."
Der 17. Mai, Freitag vor Pfingsten, das war der Tag, als Reinhard Gräser eine neue Niere bekam, oder besser: eine Dritte, denn die alten Nieren wurden ihm einfach gelassen. Sie richten ja keinen Schaden an, auch wenn sie kaum noch arbeiten. 51 Monate lang Dialyse liegen hinter Gräser, dem Landmaschinenschlosser aus Zwochau bei Delitzsch, und auch dieses ewige Frieren. "Wenn man's an der Niere hat, wird einem ständig kalt", erzählt Gräser. Jetzt ist auch das vorbei. "Ich fühl mich echt wohl", sagt er, selbst wenn der Bauch noch spannt. Dreimal die Woche war er von Zwochau nach Leipzig-Seehausen gefahren, stundenlang lag er an der Maschine, die sein Blut wusch, weil es die schrumpfenden Nieren nicht mehr taten.
Es ist die Geschichte einer erfolgreichen Transplantation einer Niere von einem Hirntoten zu einem nahezu gleichaltrigen Mann voller Lebenslust. Und es ist eine Vorzeigegeschichte aus jener Leipziger Klinik, die Anfang des Jahres in die Schlagzeilen kam, wie zuvor Kliniken in Göttingen, Regensburg und München. Leipziger Mediziner hatten in 38 Fällen Krankenakten so manipuliert, dass ihre Patienten eine größere Chance auf eine gesunde Leber hatten - statt nach den strengen Vorgaben der Stiftung Eurotransplant abzuwarten.
Mehrfach wurden Dialysen behauptet, um die Patienten kränker und bedürftiger zu machen. Zwei Leipziger Oberärzte sind mittlerweile entlassen, der Klinikdirektor ist nach wie vor suspendiert. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, ohne aber Ergebnisse zu präsentieren. Die Motive der Mediziner liegen bis heute im Dunkeln. Persönliche Bereicherung soll es nicht gewesen sein, eher schon zu viel ärztlicher Ehrgeiz. Doch seither geht die Spendenbereitschaft deutlich zurück.
Die ungeklärten Vorfälle werfen einen Schatten auf die hervorragende Arbeit, mit der die Ärzte in der Leipziger Uniklinik und in vielen anderen deutschen Krankenhäusern täglich Leben retten oder zumindest erleichtern: mit dem Verpflanzen eines Organs eines gerade Verstorbenen in den Körper eines Schwerkranken - wie in den Bauch von Reinhard Gräser.
Die Geschichte seiner Transplantations-Operation beginnt am Vortag um 8.59 Uhr. In einer Klinik in Brandenburg stellen am Morgen jenes 16. Mai zwei Ärzte unabhängig voneinander den Hirntod eines Patienten fest, während sein Herz noch schlägt.
Die Ärzte verständigen die Angehörigen und die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO). Nachdem die Familie des Toten trotz ihrer Trauer die Organe für bedürftige Patienten freigibt, beginnt eine genaue Untersuchung des Verstorbenen. Herzschlag, Kreislauf und Beatmung werden dabei aufrechterhalten. Die Koordinatoren der DSO schicken ein Entnahmeteam zur Operation und regeln auch den Organ-Transport. Zugleich meldet die DSO die Werte des Spenders an die zentrale Vermittlungsstelle der Stiftung "Eurotransplant" im niederländischen Leiden.
In Europas ungewöhnlichstem Callcenter in der Nähe von Amsterdam werden jährlich Tausende Herzen, Lebern, Nieren und Bauchspeicheldrüsen an Empfänger in sieben Ländern vermittelt - nach Kriterien, die in mehrseitigen medizinischen Katalogen klar definiert sind. Zu den wichtigsten zählen die Übereinstimmung von Blutgruppe, Gewebemerkmalen, Alterskohorte und Wartezeit, im Vordergrund stehen vor allem die Dringlichkeit und die Erfolgsaussichten. Dabei hilft den Mitarbeitern von Eurotransplant ein Computerprogramm.
Um 21 Uhr des 16. Mai - zwölf Stunden nach dem offiziellen Hirntod - klingelt im Transplantationsbüro in Zimmer A 0196 der Leipziger Uniklinik das Telefon. Es ist ein Raum, der mit einer schweren, elektrischen Holzschiebetür und Zusatzschlössern gesichert ist. Das Telefon ist rund um die Uhr besetzt. Die Kollegen aus Leiden bieten die Niere aus Brandenburg für Reinhard Gräser an. Er hat Glück. Denn er stand erst seit August 2011 auf der Warteliste. Normal sind bei Nieren Wartezeiten von acht bis zehn Jahren, es sind die längsten Fristen. Bei Herz, Lunge und Leber sind es zwischen drei und sieben Jahren. Doch weil auch "sein" Spender über 65 Jahre alt ist, werden die beiden Männer im Seniorenprogramm "Old-for-old" geführt.
Ab sofort geht es um Minuten, eine Niere kann höchstens 36 Stunden außerhalb des Körpers konserviert werden. Je kürzer die Konservierungszeit, desto besser der Langzeiterfolg. Die Kollegen des Transplantationsbüros erreichen Oberarzt Michael Bartels gegen 21.05 Uhr zu Hause auf dem Handy. Sie geben ihm die medizinischen Daten des Spenders und des Empfängers durch, er telefoniert mit dem diensthabenden Nephrologen, dem Nierenfachmann des Hauses. Nach zehn Minuten fällt ihre Entscheidung. Bartels akzeptiert das Angebot. "Wir hatten einen gesunden, transportfähigen Empfänger und ein gutes Organ - da galt es, keine Zeit zu verlieren."
Auch bei Reinhard Gräser klingelt am späten Abend das Telefon. Er hat den Fernseher laut und versteht erst gar nicht, was los ist. "Eine Frauenstimme sagte mir: Sie müssen sich vorbereiten, Sie müssen noch heute in die Klinik kommen", erzählt er. Seine Tasche hat er seit Jahren vorbereitet, er packt nur noch Waschzeug dazu. Dann bringen ihn seine Frau und sein Sohn nach Leipzig. Er steht vor der ersten größeren Operation seines Lebens und zunächst vor einer Reihe Untersuchungen: EKG, Blut- und Urinprobe, Lunge röntgen, Formulare ausfüllen. "Ich kam erst um 1.15 Uhr auf mein Zimmer." Ein Wagen macht sich später auf den Weg, um die Niere von Brandenburg nach Leipzig zu bringen.
Am Vormittag, nach dem Eintreffen des Organs, läuft das Cross-Match, eine Kreuzprobe. Die Mediziner testen, ob sich das Gewebe des Spenderorgans mit dem des Empfängers verträgt. Gegen 10.30 Uhr ist das Ergebnis da. Kurz darauf steht eine Krankenschwester mit Thrombose-Strümpfen an Gräsers Bett und sagt: "Es geht los." Zwei Assistenzärzte machen sich auf den Weg ins Transplantationsbüro. Dort lagert in einem haushaltsüblichen Kühlschrank eine weiße Styroporkiste mit gelbem Tragegurt in der Größe einer Picknick-Kühlbox. Sie enthält die Spenderniere. Die Ärzte eilen damit in den OP-Saal 5 und legen sie in eine Schale mit Eis. Die Spenderniere ist in drei Tüten und in die Konservierungslösung Custodiol eingelegt, sie muss vom gelben Fettgewebe befreit werden. Die Arterie, die Vene und der Harnleiter werden freigelegt und für die Transplantation maßgeschneidert. Feinstarbeit an einem Organ, dessen Form und Größe an eine Mango erinnert. Die akribische Vorbereitung mit Lupe und Pinzette dauert mehr als eine Stunde.
Reinhard Gräser liegt mittlerweile vollnarkotisiert im OP-Saal. Sein Bauch wird von Schwestern mit einer orangefarbenen Lösung desinfiziert und mit blauen Tüchern abgedeckt. Elf Leute in blauen Kitteln füllen den Raum. Gegen 12.25 Uhr betritt auch Oberarzt Michael Bartels den OP-Saal, er scherzt kurz mit den Ärzten. Dann wird es ernst. Er schneidet den Unterbauch mit dem Skalpell auf, vier breite Haken halten dann die Beckengrube offen.
Um 13.20 Uhr ist die Niere in der rechten Bauchhöhle versenkt - kaum einen Tag nach ihrer Entnahme. Zuletzt verbindet Bartels die Gefäße miteinander, er kann zusehen, wie das Blut durch die Bahnen schießt. Zweieinhalb Stunden dauert der Eingriff. "Es ist alles gut verlaufen", sagt er ein paar Tage später.
"Bei Nierentransplantationen geht es nicht ums Überleben", sagt Bartels. "Aber um eine Verlängerung der Lebenszeit und deutlich mehr Lebensqualität." Der Chirurg hat sein Handwerkszeug in Hannover in einer renommierten Klinik für Transplantationen gelernt, sie hat viel Pionierarbeit geleistet. Seit 2002 arbeitet er in Leipzig, jedes Jahr verpflanzt er 40 bis 50 Nieren. Wie viele es sind, hängt vor allem von den Spendewilligen ab. "Unerträglich" ist ihm, dass die Organe nie ausreichen.
Nach den Skandalen sank die Zahl der Spender erneut um 18 Prozent, beklagte die DSO. Bundesweit warten jetzt 12 000 Menschen auf ein Spenderorgan. Allein in Leipzig stehen mehr als 300 Menschen auf der Warteliste für Nieren, Lebern und Bauchspeicheldrüsen. Doch wenn die Spendenbereitschaft sinkt, wird die Warteliste nicht zwangsläufig länger. Es steigt die Zahl der Menschen, die ohne lebensrettendes Spenderorgan sterben.
Gerechtigkeit wird da ein großes, leeres Wort, über das auch Ärzte oft diskutieren. "Es ist zumindest richtig, dass es klare Regeln gibt", sagt Bartels. Nur, er wünsche sich, dass Kinder öfter bevorzugt würden, weil sie so viel in ihrer Entwicklung einbüßen, wenn die Niere nicht richtig arbeitet. "Aber eine goldene Lösung gibt es nicht." Die gäbe es nur, wenn ausreichend Menschen in eine Organspende einwilligen würden. Bartels selbst hat das längst getan. Die Stiftung Organtransplantation hofft, künftig wieder ein paar mehr Zeitgenossen wachzurütteln. Damit sie Menschen retten helfen, Menschen wie Reinhard Gräser.